Europa brennt im Wochentakt und die Schlagzeilen haben ein Wort dafür gefunden: «Anarchie». In Limoges frisst das Feuer ein Rathaus, in Mailand fliegen Lenkstangen von Elektrotrottinetts durch Schaufenster, in Frankfurt verlassen Jugendliche einen Turnschuhladen mit Kartons unter dem Arm. Das Etikett klebt sofort, es ist bequem, es ist griffig und es ist falsch. Es lässt den Leser schaudern und erspart der Redaktion jede Frage, wer da eigentlich wütet und wem es nützt. Ein Anarchist randaliert nicht. Er plündert nicht. Wer einem Händler die Ware aus der Vitrine reisst, hat keinen Herrn abgeschüttelt, er hat sich selbst zum Herrn über fremdes Eigentum gekrönt. Die Kapuze verbirgt das Gesicht, nicht den kleinen Tyrannen darunter. Die Redaktionen verwechseln den Aufstand gegen jeden Herrn mit dem Aufstand des Mobs, der selbst Herr sein will. Das ist das älteste Gesetz der Welt, nur mit Sturmhaube…
Europa plündert, die Presse ruft Anarchie
Am 17. Oktober kippten in Frankreich die Proteste gegen die Teuerung in Brand und Raub. Paris verlor Lacoste, Nike, Diesel und Ralph Lauren an die Menge, in Limoges brannte das Rathaus, in Brüssel kamen Wasserwerfer, in Tirana brannte ein Auto vor dem Amtssitz des Regierungschefs. Das Innenministerium zählte rund 2600 Festnahmen und über 1100 verletzte Einsatzkräfte, das Institut IFRAP schätzt den Schaden auf bis zu 1,1 Milliarden Euro. In Mailand wurden Levi’s und Under Armour ausgeräumt, in Paris eine Synagoge beschädigt, in Marseille jüdische Geschäfte geplündert und angezündet. Eine Woche später folgten in Frankreich weitere rund 1300 Festnahmen, in Italien wurden 371 Menschen angehalten, darunter 110 Minderjährige. Am 31. Oktober erreichte die Welle Deutschland: In Frankfurt wurde ein Waffengeschäft aufgebrochen, in Hamburg brannten Barrikaden, Berlin meldete 56 Festnahmen und 27 leicht verletzte Polizisten, in Frankreich gab es erneut über 500 Festnahmen.
Und das Wort dazu? Die Jüdische Allgemeine titelte «Anarchie und Antisemitismus», der Deutschland-Kurier setzte «Anarchie in Marseille» als Zwischentitel. Verschiedene Lager, dasselbe Wort, dieselbe Denkfaulheit. Wer das Etikett «Schülerprotest» schon als Märchen entlarvt hat, ahnt, dass auch dieses nicht hält.
Sturmhaube ist keine Gesinnung
Wer steckt unter den Kapuzen? Justizminister Darmanin sprach von schwarzen Blöcken der Ultralinken, Ermittler fanden anarchistische und polizeifeindliche Sprühereien in Paris, Lille und Marseille. Eine Polizeiquelle in Mulhouse schätzt dagegen fast neun von zehn Gewalttätern als Gelegenheitsdiebe aus bekannten Vierteln ein. Der Politologe Jean-Yves Camus nennt die Plünderer opportunistische Krawallbrüder ohne politisches Anliegen, die Pariser Staatsanwältin berichtet, die grosse Mehrheit der Festgenommenen schweige und verkünde keinerlei Programm. Am 24. Oktober marschierten dann ultrarechte «Schutztrupps» mit Knüppeln in rund 15 Städten, prügelten Demonstranten und zogen sich hinter die Polizeiketten zurück. Das Ministerium räumte ein, man habe sie nicht systematisch festgenommen. In Rouen traten Vermummte auf einen Mann am Boden ein und skandierten danach «Rouen nationaliste», in Nizza fing die Polizei elf Männer mit Masken, Tränengas und Schlagstöcken schon vor dem Einsatz ab. In Italien sitzt laut Anklage ein Forscher zum politischen Islam als mutmasslicher Kopf des Movimento 17 ottobre in Haft, in dessen Chats Banken «gestürmt» werden sollten. Ultralinke, Ultrarechte, mutmassliche Islamisten, Turnschuhjäger: Jeder will etwas besitzen, die Strasse, die Macht oder die Ware. Keiner will herrschaftsfrei leben. Das gesprühte A auf der zertrümmerten Scheibe ist eine Fälschung mit Spraydose.
Arché: Ordnung ohne Herrn
An-arché heisst ohne Herrschaft, nicht ohne Ordnung. Pierre-Joseph Proudhon, der sich 1840 als Erster öffentlich Anarchist nannte, schrieb in demselben Buch, die Gesellschaft suche die Ordnung in der Anarchie und meinte damit die Abwesenheit eines Herrn, eines Souveräns. Wer einem Ladenbesitzer mit der Eisenstange gegenübertritt, praktiziert exakt das Gegenteil: Er setzt den Willen des Stärkeren über den Willen des anderen. Das ist Herrschaft im Kleinformat, Faustrecht mit Einkaufstüte. Gustav Landauer begriff den Staat 1910 als ein Verhältnis zwischen Menschen, eine Art, miteinander umzugehen, das sich nur zerstören lasse, indem die Menschen anders miteinander umgehen. Nicht mit dem Brecheisen, sondern mit einer neuen Beziehung. Wer plündert, zerschlägt dieses Verhältnis nicht, er kopiert es in roherer Form und liefert dem Staat gleich die Begründung für die nächste Verschärfung. Der Satz Anarchie ist Ordnung verlangt Selbstbeherrschung, nicht Beute. Sogar das A im Kreis wurde 1964 in Paris erfunden, um Parolen an Wänden schneller zu malen, nicht um geplünderte Schaufenster zu signieren. Dass Anarchie Zusammenleben heisst und nicht Schaufenster einwerfen, steht hier längst geschrieben. Die Redaktionen hätten nur lesen müssen. Aber wer das Wort für Chaos hält, muss sich nie fragen, warum er selbst gehorcht.
Wer nichts besitzen will, plündert nichts
Laozi wusste es vor über zweitausend Jahren: Je mehr Gesetze prangen, desto mehr Diebe und Räuber gibt es. Europa antwortet auf die Plünderer mit Tausenden zusätzlichen Polizisten, Anklagen und neuen Verboten und der Kreis schliesst sich. Der Weise des alten Chinesen zwingt nichts und das Volk ordnet sich von selbst. Kein Polizeiaufgebot ersetzt den Menschen, der schlicht nicht nehmen will. Der Anarchist dagegen beginnt innen, beim Gehorsam, den er niemandem mehr schuldet, beim Begehren, das ihn nicht mehr besitzt. Diese Freiheit kann keiner aus einer Vitrine reissen, sie ist kein Molotowcocktail, sondern ein Zustand des Bewusstseins. Die Plünderer tragen ihre Ketten nach Hause, frisch verpackt im Karton. Der Staat schmiedet ihnen neue und nennt es Sicherheit. Und die Presse schreibt «Anarchie» darüber, weil sie das Wort fürchtet, das ihr eigenes Fundament auflöst…












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