Es gibt kaum ein Wort, das gründlicher missverstanden wird als Anarchie. Die Abendnachrichten zeigen brennende Mülltonnen, die Politik zeigt mahnend auf Vermummte und beide meinen dasselbe: Chaos, Gewalt, Umsturz. Dabei steckt im griechischen an-arché das genaue Gegenteil – ohne Herrschaft, nicht ohne Ordnung. Wer Anarchie mit Politik verwechselt, hat sie schon verloren, bevor der erste Stein fliegt. Denn wer den Herrscher stürzt, ohne das Herrschaftsdenken in sich selbst zu stürzen, tauscht nur das Wappen auf der Peitsche aus. Genau hier liegt der Kardinalfehler jeder Umsturzromantik: Sie glaubt, Freiheit liesse sich erobern wie eine Festung. Dabei ist Herrschaft keine Festung. Sie ist eine Gewohnheit. Und Gewohnheiten sprengt man nicht mit Dynamit.

Anarchie ist kein Molotowcocktail: Die Revolution findet im Bewusstsein statt oder gar nicht

Die Barrikade als Karriereleiter
Die Geschichte führt es mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks vor: Wo der Umsturz mit Gewalt erzwungen wird, sitzt am Ende wieder jemand auf dem Thron – meist mit besserer Bewaffnung als der Vorgänger. Das Lehrstück dazu lieferte der März 1921. Die Matrosen der Festungsinsel vor Petrograd, einst Speerspitze des Oktober, forderten Redefreiheit, freie Räte und die Freilassung politischer Gefangener – also exakt das, was die Revolution einst versprochen hatte. Die Antwort der neuen Herren: Ultimatum, Artillerie, Blutbad. Trotzki liess den Aufstand von der Roten Armee niederschlagen, während man den Toten hinterher log, sie seien Agenten der Konterrevolution gewesen. Die Revolution frisst nicht nur ihre Kinder. Sie befördert ihre Schlächter. Wer glaubt, mit Molotowcocktails werde Herrschaftslosigkeit herbeigeworfen, betreibt darum keine Anarchie, sondern Bewerbungspolitik um den frei werdenden Thron.

Wenn die Befreiung Befehle brüllt
Dieselbe Falle lauert nicht nur auf der Strasse, sondern in jeder Organisation, die sich das A auf die Fahne malt. Herrschaftslosigkeit lässt sich nicht von oben verabreichen wie eine Impfung. Sie entsteht dort, wo Menschen einander aus freien Stücken begegnen, ihr Denken schärfen und ihre Angelegenheiten selbst regeln – ohne dass jemand die Erlaubnis dazu erteilt. Sobald eine Bewegung anfängt, die Menschen per Kommando, Doktrin und Überwachungsapparat umzuerziehen, statt sie sich selbst ordnen zu lassen, hat sie die Seite gewechselt: Sie betreibt Politik im schwarzen Hemd. Und eine Revolution, die zur Machtergreifung eskaliert, endet zwangsläufig dort, wo alle Machtergreifungen enden – bei Gewalt, Zwang über die gesamte Bevölkerung und einem neuen Personal auf dem alten Thron.

Anarchie ist kein Molotowcocktail: Die Revolution findet im Bewusstsein statt oder gar nicht

Der Staat wohnt nicht im Parlament, sondern in deinem Kopf
Gustav Landauer, der 1919 von Freikorps-Soldaten totgeprügelte Denker der Räterepublik, hat die entscheidende Einsicht schon 1910 formuliert: Der Staat sei kein Ding, das man zertrümmern könne wie eine Fensterscheibe, sondern ein Verhältnis zwischen Menschen, eine Art, sich zueinander zu verhalten – und man zerstöre ihn nur, indem man andere Beziehungen eingehe. Das ist keine Poesie, das ist Diagnose. Herrschaft existiert nicht, weil irgendwo ein Palast steht. Sie existiert, weil Millionen Köpfe jeden Morgen aufwachen und sie für alternativlos halten.

Étienne de La Boétie hat dieses Rätsel bereits im 16. Jahrhundert seziert: Wie schafft es ein Einzelner, über Millionen zu herrschen? Seine Antwort in der Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft ist so einfach wie vernichtend – durch die Unterworfenen selbst. Der Tyrann hat nur die Kraft, die ihm die Beherrschten täglich leihen. Deshalb greift jede Revolte zu kurz, die nur das Personal austauscht: Solange die Menschen Autorität verlangen, werden sie Autorität bekommen – notfalls im Namen des Widerstands gegen Autorität.

Das Märchen vom Kriegsgen
Und dann wäre da noch die Lieblingsausrede aller Herrschaftsapologeten: Der Mensch sei nun einmal ein Wolf, ohne Leviathan herrsche Mord und Totschlag. Die Feldforschung erzählt eine andere Geschichte. Eine Auswertung von 21 nomadischen Wildbeuter-Gesellschaften im Fachblatt Science fand kaum Belege für organisierte Gruppenkriege – fast zwei Drittel aller tödlichen Vorfälle gingen auf persönliche Streitereien, Familienfehden oder Unfälle zurück, nicht auf koalitionäre Gewalt zwischen Gruppen.

Anarchie ist kein Molotowcocktail: Die Revolution findet im Bewusstsein statt oder gar nicht

Zugegeben: Die Gegenseite existiert. Forscher wie Samuel Bowles halten die Stichprobe für verzerrt und den Urkrieg für evolutionär wirksam – Befund steht hier gegen Befund. Doch selbst die Kriegs-These bestätigt den Kern: Der organisierte Massenkrieg mit Uniformen, Fahnen und Generalstab ist ein Kind der organisierten Herrschaft. Kein Bauer dieser Welt ist je freiwillig 2000 Kilometer marschiert, um Fremde zu erschiessen, die ihm nichts getan haben. Dafür brauchte es immer erst einen Apparat, der Steuern eintreibt, Grenzen zeichnet und Fahneneide verwaltet. Der Krieg liegt nicht in deinen Genen. Er liegt in deinen Institutionen.

Die langsamste Revolution ist die einzige echte
Damit steht die unbequemste aller Wahrheiten im Raum: Herrschaftslosigkeit lässt sich nicht verordnen, nicht erstürmen und nicht per Dekret einführen – ein verordnetes Dekret wäre ja bereits wieder Herrschaft. Sie wächst, oder sie existiert nicht. Über Generationen, in Köpfen, in gelebten Beziehungen, in der zähen Entwöhnung von der Droge Autorität. Die Revolution findet im Kopf statt – oder sie findet gar nicht statt, sondern nur ein Schichtwechsel im Wachpersonal. Wer das begriffen hat, weiss auch, dass Anarchie Zusammenleben weiterentwickeln heisst, nicht Schaufenster einwerfen. Das eine ist Bewusstseinsarbeit. Das andere ist Sachbeschädigung mit Weltanschauungs-Sticker.

Die Randalierer, die im Anarchie-Kostüm Strassenschlachten liefern, sind darum die nützlichsten Idioten des Systems: Sie liefern die Bilder, mit denen jede Freiheitsidee auf Jahrzehnte hinaus diskreditiert wird. Sie tun exakt das, was der Apparat von ihnen erwartet – und nennen dies «Befreiung»!

Wer die Krone anbetet, verdient die Kette
Man kann Paläste stürmen, Denkmäler kippen und Fahnen verbrennen, doch solange der Untertan im eigenen Schädel weiterregiert, wird jede leere Krone binnen Tagen neu besetzt. Die Herrschaft stirbt nicht auf der Barrikade, sie stirbt in dem Moment, in dem niemand mehr an sie glaubt. Bis dahin bleibt jeder gewaltsame Umsturz nur die Stellenausschreibung für den nächsten Tyrannen. Und die Menschheit bewirbt sich seit Jahrtausenden im Kollektiv – und nennt dies «Fortschritt»!

Anarchie ist kein Molotowcocktail: Die Revolution findet im Bewusstsein statt oder gar nicht

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

Mehr für dich:

Unterstütze Dravens Tales from the Crypt

draven flag NEU quadrat 300 2«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.

Mein Blog war niemals darauf ausgelegt Nachrichten zu verbreiten, geschweige denn politisch zu werden, doch mit dem aktuellen Zeitgeschehen kann ich einfach nicht anders, als Informationen, welche sonst auf allen anderen Kanälen zensiert werden, hier festzuhalten. Mir ist dabei bewusst, dass die Seite mit dem Design auf viele diesbezüglich nicht «seriös» wirkt, ich werde dies aber nicht ändern, um den «Mainstream» zu gefallen. Wer offen ist, für nicht staatskonforme Informationen, sieht den Inhalt und nicht die Verpackung. Ich habe die letzten 2 Jahre genügend versucht, Menschen mit Informationen zu versorgen, dabei jedoch schnell bemerkt, dass es niemals darauf ankommt, wie diese «verpackt» sind, sondern was das Gegenüber für eine Einstellung dazu pflegt. Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren, um auf irgendwelche Weise Erwartungen zu erfüllen, daher werde ich dieses Design beibehalten, denn irgendwann werde ich diese politischen Statements hoffentlich auch wieder sein lassen können, denn es ist nicht mein Ziel, ewig so weiterzumachen ;) Ich überlasse es jedem selbst, wie er damit umgeht. Gerne dürfen die Inhalte aber auch einfach kopiert und weiterverbreitet werden, mein Blog stand schon immer unter der WTFPL-Lizenz.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

Um den Betrieb der Seite zu gewährleisten könnt ihr gerne eine Spende per Kreditkarte, Paypal, Google Pay, Apple Pay oder Lastschriftverfahren/Bankkonto zukommen lassen. Vielen Dank an alle Leser und Unterstützer dieses Blogs!


Wir werden zensiert!

Unsere Inhalte werden inzwischen vollumfänglich zensiert. Die grössten Suchmaschinen wurden aufgefordert, unsere Artikel aus den Ergebnissen zu löschen. Bleib mit uns über Telegram in Verbindung, spende, um unsere Unabhängigkeit zu unterstützen oder abonniere unseren Newsletter.

Newsletter

Nein danke!