Es gab eine Zeit, da war Kabarett aus dem linken Lager eine Klinge. Scharf, belesen, mit dem Mut, sich auch an die eigenen Leute heranzutrauen. Heute ist daraus ein Schaumstoffhammer geworden, mit dem dieselben Sender denselben drei Pointen hinterherrennen, als hinge das Abendland davon ab. Und das Tragische daran ist nicht der Niveauverlust. Das Tragische ist, dass die Beteiligten sich dabei für tapfer halten.
Wer alt genug ist, erinnert sich an einen «Scheibenwischer», in dem Dieter Hildebrandt mit einer Präzision austeilte, die wehtat, weil sie stimmte. An Volker Pispers, der eine Stunde lang ohne Stichwortzettel ein ganzes Wirtschaftssystem sezierte und dabei kein einziges Mal die Stimme heben musste. Sogar Urban Priol war einmal komisch, man muss es heute fast flüstern. Und «Die Anstalt» lieferte in ihren ersten Jahren echte Recherche, etwa als sie offen ansprach, was im öffentlich-rechtlichen Nachrichtengeschäft lieber unter den Teppich gekehrt wurde: Dass dieselben Sender ukrainische Soldaten mit SS-Runen und Wolfsangeln auf dem Helm als unschuldige Freiheitskämpfer durchwinkten, ohne ein Wort der Einordnung.
Als Satire noch ein Skalpell war
Das war der Punkt, an dem dieses Kabarett wehtat, weil es sich nicht aussuchte, wem es wehtut. Es ging gegen oben, gegen die eigene Seite, gegen die bequeme Erzählung. Die Pointe musste etwas riskieren, sonst war sie keine. Und genau das ist verschwunden. Übrig geblieben ist ein Format, das sich selbst Haltung bescheinigt, während es exakt das nachplappert, was in jeder Talkshow, jeder Tageszeitung und jeder Behördenpressemitteilung ohnehin schon steht. Mut sieht anders aus. Mut wäre, gegen den Strom zu schwimmen, nicht ihn zu moderieren.
Der Mann, der über den Atlantik flog und den Witz dort liess
Es gibt diese eine Karriere, die das ganze Drama in sich trägt. Michael Mittermeier war einmal ein hervorragender Beobachter, als er sich noch um Fernsehparodien und das alltägliche Chaos kümmerte und Politik aussen vor liess. Dann verbrachte er eine längere Zeit in den Vereinigten Staaten und als er zurückkam, war er grau meliert. Nicht nur die Haare. Heute sitzt er als fester «Comedy-Check»-Lieferant bei «extra 3» und erklärt dem Publikum Woche für Woche, dass Donald Trump irgendwie doof und die USA irgendwie auf dem Weg in die Diktatur seien.
Eine Erkenntnis von solch atemberaubender Originalität, dass man sie auch jedem zweiten Leitartikel zwischen Hamburg und Flensburg entnehmen könnte, gratis und ohne Lachband. Im selben Sender laufen die immer gleichen Nummern über Boykott-Debatten und Hollywood-Vergleiche, abrufbar in der Mediathek, finanziert von der Allgemeinheit, gefeiert von niemandem ausser dem eingeladenen Saalpublikum, das pflichtschuldig an den vorgesehenen Stellen johlt.
Daneben tummeln sich zwei weitere Herrschaften, deren Namen man getrost vergessen darf, weil sie ohnehin austauschbar sind. Aus allen Richtungen dieselbe Endlosschleife: Musk böse, Trump dumm, Amerika kurz vor dem Faschismus. Es ist die Litanei einer Generation von Bühnenarbeitern, die sich beim Aufsagen vorkommt wie eine Kreuzung aus Sophie Scholl und Martin Luther King, dabei aber lediglich das Erwartbare betet, mit dem Rückenwind eines Millionenetats, des Senders, der Presse und sämtlicher Preisjurys im Land.
Gratismut, das Unwort des Jahres
Es gibt kein gefährlicheres Wort für diese Branche als «Gratismut». Es beschreibt exakt das Geschäftsmodell: Man inszeniert sich als verfolgter Dissident, während man von genau jener Institution ausgehalten wird, gegen die ein echter Dissident anrennen müsste. Wer in einer öffentlich-rechtlichen Sendung gegen den US-Präsidenten austeilt, riskiert nichts. Keinen Job, keine Sendezeit, keinen Applaus. Im Gegenteil, es gibt eine Trophäe und einen warmen Händedruck der Intendanz obendrauf. Echtes Risiko sähe so aus, dass man die Hand beisst, die einen füttert. Doch diese Hand wird gestreichelt, denn sie unterschreibt die Gagen. Wer den Spielraum hat, wirklich anzuecken, nutzt ihn ausgerechnet dort nicht, wo es ihn etwas kosten könnte.
Wie ernst es um die Selbstkritik dieser Zunft steht, zeigt ein Moment, der eigentlich aller Ehren wert wäre. «extra 3»-Moderator Christian Ehring räumte 2025 öffentlich ein, den Fussballer Joshua Kimmich während der Pandemie wegen dessen Impfskepsis zu Unrecht an den Pranger gestellt zu haben. Ein seltener, ehrlicher Satz. Nur folgte daraus exakt nichts. Dieselbe Sendung, die sich für ihren eigenen Konformismus von gestern entschuldigt, produziert heute den Konformismus von morgen, im vollen Bewusstsein, dass auch er sich in ein paar Jahren als bequemes Mitschwimmen herausstellen wird. Lernen heisst hier offenbar, den nächsten Fehler bereits zu kennen und ihn trotzdem zu begehen.
Wenn der Brückenbau zur Einbahnstrasse wird
Das Muster ist dasselbe, das diesen Sendern überall begegnet, wenn sie Ausgewogenheit nur noch behaupten. Es ist exakt jene Mechanik, die auch andere öffentlich-rechtliche Debattenformate entlarvt, in denen sechs Leute aus demselben ideologischen Schlauchboot eine Kontroverse simulieren. Man lädt sich die eigene Echokammer ein und nennt das Pluralität. Und wer das anmerkt, wird flugs in die Schublade gesteckt, in der sich nach Lesart des Hauses ohnehin alle Kritiker drängeln. Es ist dieselbe Reflexbewegung, mit der Konzerne missliebige Stimmen kurzerhand zu Störfaktoren erklären, bloss mit Lacher-Konserve statt Sperrbalken.
Was bleibt, ist ein Kabarett, das seine schärfste Waffe gegen sich selbst gerichtet und dann eingeschmolzen hat. Früher zwang es das Publikum zum unbequemen Nachdenken, heute belohnt es mit der wohligen Gewissheit, ohnehin schon richtigzuliegen. Früher war der Witz ein Wagnis, heute ist er ein Treuebonus. Und so steht am Ende einer einst stolzen Tradition eine Truppe von Hofnarren, die das Vorgekaute wiederkäut, sich dabei für den Widerstand hält – und diese servile Selbstbeweihräucherung allen Ernstes «Haltung» nennt!









«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







