Facebook hat ein neues Lieblingsspielzeug. Es nennt sich «Bot-Prüfung» — und es ist so durchsichtig wie die Demokratie-Rhetorik eines Konzerns, der seinen Hauptsitz in einem Land hat, das Wahlkampf mit Cambridge Analytica betrieben hat. Aber gut. Nennen wir das Kind beim Namen: Es ist Zensur. Verpackt in den sterilen Bürokraten-Sprech eines Tech-Giganten, der sich selbst als digitalen Marktplatz der freien Meinungsäusserung verkauft – und gleichzeitig systematisch daran arbeitet, genau diese zu erwürgen.
Die Mechanik ist simpel und gleichzeitig teuflisch genau durchdacht. Du postest etwas. Vielleicht etwas Unbequemes. Vielleicht etwas, das nicht in die sauber kuratierte Weltanschauung eines Mark Zuckerberg passt, der inzwischen lieber beim Frühstück mit Donald Trump sitzt als sich um die Meinungsfreiheit seiner zwei Milliarden Nutzer zu scheren. Und dann — schwupps — bist du plötzlich ein Bot. Kein Mensch mehr. Eine Maschine. Verdächtig. Zu überprüfen.
Keine Begründung natürlich. Die wäre ja auch aufwändig. Stattdessen: «Gemeinschaftsstandards.» Dieses herrliche, nichtssagende, alles deckende Zauberwort, das Facebook seit Jahren als Universalwaffe einsetzt. Gemeinschaftsstandards. Als hätte irgendjemand in dieser «Gemeinschaft» jemals abgestimmt, was diese Standards sein sollen. Als wäre «die Gemeinschaft» irgendetwas anderes als ein Algorithmus und ein paar unterbezahlte Content-Moderatoren in Ländern, die man hier lieber nicht nennt, weil das auch wieder gegen irgendwelche Standards verstossen könnte.
Ich muss das aus eigener Erfahrung sagen: Die Bot-Prüfung ist inzwischen zu einem Dauerzustand geworden. Immer wieder. Immer öfter. Der Rhythmus wird enger, die Begründungen bleiben gleich inexistent. Und das ist kein Zufall — das ist Methode. Es geht nicht darum, tatsächliche Bots zu identifizieren. Die tummeln sich auf Facebook zuhauf, verbreiten Werbung für Kryptobetrug, gefälschte Sonnenbrillen und Diätpillen und niemanden interessiert das auch nur im Ansatz. Nein, es geht darum, echte Menschen – echte, unbequeme, meinungsstarke Menschen – mürbe zu machen. Der Mechanismus ist ein klassisches Konditionierungsinstrument. Du wirst so lange mit bürokratischen Hürden konfrontiert, bis du aufhörst, das zu sagen, was du sagen wolltest. Vorauseilender Gehorsam als Geschäftsmodell.
Denn darum geht es letztlich: Selbstzensur. Die ist billiger, effizienter und juristisch unangreifbarer als direkte Zensur. Wenn Facebook einen Post löscht, gibt es zumindest theoretisch eine Handhabe, einen Aufschrei, eine Möglichkeit des Widerspruchs. Aber wenn du anfängst, deine eigenen Posts zu entschärfen, weil du Angst hast, deinen Account zu verlieren – dann hat Facebook gewonnen, ohne auch nur einen Finger gerührt zu haben. Die Schere sitzt im Kopf und Facebook hat sie dort platziert. Präzisionsarbeit.
Bei meinen Reserve-Konten hat das System dann die Maske vollends fallen lassen: Verifikation nicht akzeptiert, Account gelöscht. Fertig. Kein Einspruch, keine Erklärung, kein Mensch, den man fragen könnte. Nur die kalte, algorithmische Endgültigkeit eines Systems, das entschieden hat, dass du nicht existieren darfst. Willkommen in der Plattform, die sich «soziales Netzwerk» nennt und sich verhält wie ein Türsteher mit Allmachtsfantasien.
Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: Ein privates Unternehmen aus Kalifornien entscheidet, wer in der digitalen Öffentlichkeit sprechen darf und wer nicht. Kein Gericht, kein Gesetz, keine demokratische Kontrolle. Nur ein Algorithmus und die Geschäftsbedingungen, die du in einem Moment der Naivität akzeptiert hast, als du dachtest, du meldest dich einfach irgendwo an, um Katzenfotos zu teilen. Und dieser Konzern hat über die letzten Jahre eine Infrastruktur aufgebaut, die de facto zur öffentlichen Kommunikationssphäre geworden ist – und nutzt diese Position schamlos aus, um zu formen, was gesagt, gedacht, geteilt werden darf.
Widerstand ist trotzdem nicht nur möglich – er ist notwendig. Nicht heroischer Widerstand, keine Barrikaden, keine grossen Gesten. Sondern der stille, hartnäckige Widerstand des Weitermachens. Nicht aufhören zu schreiben. Nicht aufhören zu veröffentlichen. Nicht aufhören, eine Meinung zu haben. Und – ganz wichtig – nicht alles auf eine Karte setzen. Mein Blog unter https://www.dravenstales.ch existiert unabhängig von Zuckerbergs Launen. Das Blog lässt sich nicht löschen, nicht sperren, nicht einer Bot-Prüfung unterziehen. Was immer mit meinem Facebook-Account passiert – hier ist niemand, der den Stecker ziehen kann.
Das ist die eigentliche Lehre aus dieser ganzen Misere: Eigene Kanäle, eigene Infrastruktur, eigene Unabhängigkeit. Wer sich ausschliesslich auf Plattformen verlässt, die ihm nicht gehören, der baut sein Haus auf fremdem Grund – und wundert sich dann, wenn der Eigentümer ihn eines Tages einfach rauswirft. Facebook, X (früher Twitter), Instagram, TikTok – sie alle können dir morgen den Account sperren, ohne Angabe von Gründen, ohne Rechtsmittel, ohne Entschuldigung. Das ist keine Paranoia, das ist Geschäftsmodell.
Also: Falls der Vorhang irgendwann doch fällt und mein Hauptkonto dem gleichen Schicksal anheimfällt wie die Reserve-Konten — ihr wisst, wo ihr mich findet. Hier. Auf dravenstales.ch. Wo kein Algorithmus darüber entscheidet, ob meine Meinung den Gemeinschaftsstandards entspricht.
Und an Facebook: Danke für die Erinnerung, warum man euch nie hätte vertrauen sollen…








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