Heinrich Mann schrieb ihn 1914. Über hundert Jahre später läuft er noch immer durch die Strassen, sitzt in Sitzungen, applaudiert auf Befehl, denunziert auf Wunsch und hält sich selbst für einen aufrechten Menschen. Diederich Hessling, der Untertan, der Prototyp des autoritären Charakters im wilhelminischen Kaiserreich – er ist nicht gestorben. Er hat nur den Kaiser gewechselt. Heute heisst der Kaiser Konsens, Faktenchecker, Experte oder Mainstream. Und Diederich kuscht genau so tief wie damals, mit demselben Leuchten in den Augen, demselben Sendungsbewusstsein und derselben kompletten Abwesenheit von eigenem Denken.

Ohne Rückgrat, aber mit Haltung: Das Psychogramm des modernen Mitläufers

Man muss das kurz sacken lassen: Ein Roman, der 1914 erschien, beschreibt das Psychogramm des durchschnittlichen Mitläufers des frühen 21. Jahrhunderts mit einer Präzision, die jeden anständigen Zeitgeist-Analysten arbeitslos machen sollte. Das ist entweder ein Beweis für Manns überirdisches Genie oder ein niederschmetternder Befund über die Lernfähigkeit der Spezies Mensch. Wahrscheinlich beides.

Diederichs Grundstruktur ist simpel und genial zugleich: nach oben buckeln, nach unten treten. Den Mächtigen gegenüber ist er Wachs – formbar, devot, begeistert. Den Schwächeren gegenüber ist er Stahl – hart, überheblich, gerne auch denunziatorisch. Diese sadomasochistische Doppelnatur ist kein Widerspruch, sie ist das System. Wer sich nach oben hin vollständig unterwirft, braucht nach unten hin ein Ventil. Diederich findet es. Er findet es immer. Klingelt da etwas? Es sollte.

Denken wir an die Coronajahre – jenen historischen Laborversuch, in dem die Hessling-Dichte der Bevölkerung erstmals flächendeckend gemessen werden konnte. Millionen Diederichs blühten auf. Sie trugen die Maske nicht aus Überzeugung, sondern aus Gehorsam – und das mit einem Enthusiasmus, der jeden Verdacht auf eigenes Nachdenken im Keim erstickte. Sie meldeten Nachbarn, die im Park zu zehnt sassen. Sie fotografierten Ungehorsame und schickten die Bilder an die Polizei. Sie erklärten Freunde zu Feinden, weil diese die falschen Fragen stellten. Sie inszenierten sich selbst dabei als moralische Avantgarde, als die Verantwortungsbewussten, die Gemeinschaftsschützer, die Vernünftigen. Diederich hätte geweint vor Stolz.

Das Entscheidende an Hesslings Psychologie ist nämlich nicht der Gehorsam an sich – es ist die innere Leere, die ihn antreibt. Mann beschreibt ihn als Kind als weich, ängstlich, selbstunsicher. Jemanden ohne stabile Identität, der sich in der Zugehörigkeit zur Gruppe erst als vollwertiger Mensch fühlt. Zur Studentenverbindung Neuteutonia. Zur Kaisertreuen. Zu den Rechtgläubigen. Diederich braucht die Herde nicht trotz seiner Schwäche – er braucht sie wegen ihr. Die Herde gibt ihm, was er sich selbst nicht geben kann: Bedeutung, Halt, das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Ohne Rückgrat, aber mit Haltung: Das Psychogramm des modernen Mitläufers

Heute heisst die Herde anders. Sie nennt sich «die Wissenschaft» oder «Solidarität» oder «gegen Hass und Hetze». Die Funktion ist identisch. Wer dazugehört, ist sicher. Wer zweifelt, ist draussen. Und draussen – das weiss Diederich aus Erfahrung – ist gefährlich. Also zweifelt er nicht. Er hat das Zweifeln verlernt, sofern er es je gekonnt hat.

Sein Opportunismus ist dabei nicht zynisch kalkuliert, sondern fast ehrlich gemeint – was ihn noch erschreckender macht. Diederich glaubt tatsächlich an das, was gerade oben ist. Er passt seine Überzeugungen der Macht an und hält das für Einsicht. Gestern war er gegen die Ungeimpften, heute ist er gegen die Klimaleugner, morgen gegen die KI-Skeptiker – und jedes Mal mit derselben absoluten moralischen Gewissheit, die nur jemandem möglich ist, der nie gelernt hat, sich selbst beim Denken zuzuschauen.

Das Denunziantentum ist die logische Blüte dieser Struktur. Wer keine eigene Substanz hat, kompensiert durch Kontrolle der anderen. Diederich meldet, zeigt an, korrigiert, belehrt. Nicht aus Bosheit – das wäre zu einfach. Sondern weil das Aufspüren von Abweichlern ihm das Gefühl gibt, selbst auf der richtigen Seite zu stehen. Jeder Denunzierte ist ein Beweis seiner eigenen Rechtgläubigkeit. Die Cancel-Culture des 21. Jahrhunderts ist kein modernes Phänomen. Sie ist Diederich Hessling mit Twitter-Account.

Was man nicht ahnen konnte – ist die Skalierbarkeit dieses Charaktertyps. Im Kaiserreich brauchte Diederich physische Nähe: Schule, Fabrik, Stammtisch, Vereinslokal. Heute braucht er nur WLAN. Millionen Diederichs können sich in Echtzeit synchronisieren, gegenseitig in ihrer Überzeugung bestätigen, gemeinsam auf Abweichler einprügeln – und das alles, ohne je denselben Raum geteilt zu haben. Die Herde ist globalisiert. Der Untertan ist skaliert.

Das Gute daran, wenn man Optimist ist: Diederich ist letztlich feige. Sobald der Wind dreht, dreht er mit. Sobald die Macht wechselt, wechselt er. Er hat keine Überzeugungen, die er verteidigen müsste, weil er nie wirklich welche hatte – nur Loyalitäten, und die gelten dem Stärkeren. Das macht ihn gefährlich in Zeiten stabiler Machtverhältnisse und überraschend harmlos, wenn diese Verhältnisse ins Rutschen geraten. Das Schlechte daran: Bis dahin richtet er erheblichen Schaden an.

Heinrich Mann hat ihn 1914 gezeichnet. Er hat ihn nicht erfunden – er hat ihn erkannt. Das ist der Unterschied. Und wer heute durch die Strassen geht, durch die Kommentarspalten scrollt, in Büros sitzt oder Impfpflicht-Bussen verhängt, der erkennt ihn auch. Man muss nur hinschauen wollen. Diederich Hessling ist nicht Geschichte. Er ist Gegenwart. Er hat nur das Kostüm gewechselt. Der Charakter ist derselbe geblieben – penibel, gehorsam, gefährlich und vollkommen überzeugt, das Richtige zu tun.

Ohne Rückgrat, aber mit Haltung: Das Psychogramm des modernen Mitläufers

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