Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob das Spektakel, das uns täglich geboten wird, nicht selbst eine Art Beschwörungsritual ist. Tucker Carlson, professioneller Grenzgänger zwischen Staatsnarrative und kontrollierter Opposition, Mann mit dem Gesicht eines Pfadfinders und den Instinkten eines Lobbyisten, setzt sich also vor die Kamera und interviewt einen katholischen Exorzisten. Pater Chad Ripperger. Und die Welt schaut zu, klickt, teilt, und nickt entweder zustimmend oder schüttelt den Kopf. Beides ist die gewünschte Reaktion. Beides hält die Diskussion dort, wo sie hingehört: Im Nebel.
Aber fangen wir von vorne an. Denn dieser Interview-Komplex ist symptomatisch für eine intellektuelle Krankheit, die sich durch alle Schichten der Gesellschaft frisst – von den Verschwörungstheoretikern im Keller bis zu den Philosophen im Elfenbeinturm. Die Krankheit heisst: Externalisierung des Bösen. Und sie ist das wirkungsvollste Herrschaftsinstrument, das die sogenannte Elite je erfunden hat.
Tucker Carlson und der Heilige Exorzist: Ein Match Made in Heaven – oder anderswo
Tucker Carlson ist kein Wahrheitssucher. Das wissen wir. Das hat er selbst gewusst, als er unter Eid zugab, Donald Trump für einen Lügner zu halten, während er ihn auf Sendung glorifizierte. Und doch sitzt er da, mit dem Gesicht gespielter Fassungslosigkeit und lässt Pater Chad über Dämonen referieren. Warum? Weil Tucker’s Jobbeschreibung lautet: Kontroverse Themen anmoderieren, dabei aber niemals die Leitplanken des akzeptierten Diskurses einreissen. Er ist der Türsteher des erlaubten Aufruhrs.
Pater Chad seinerseits ist kein gewöhnlicher Landpfarrer mit einem Faible für Mittelalterliches. Er gehört zu einer Gesellschaft von über hundert Exorzisten in den USA, die monatlich bis zu achthundert Anrufe erhalten. Er behandelt – nach eigenem Bekunden – hochrangige Persönlichkeiten. Er erwähnt beiläufig, dass das Gesicht eines «sehr prominenten Individuums» sich bei einem Gebet kirschholzrot verfärbt habe. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu bemerken, dass jemand, der Zugang zu den spirituellen Krisen der Mächtigen hat, interessant ist — nicht nur für den Vatikan, sondern auch für Nachrichtendienste, die seit Jahrzehnten ein dokumentiertes Interesse an Gedankenkontrolle, Psychologie und mentaler Manipulation haben. Der Hinweis, dass das US-Verteidigungsministerium angeblich eine Einheit zur Kommunikation mit Dämonen unterhält, ist dabei weniger überraschend als er klingen mag. Wer die Geschichte der CIA-Programme wie MKUltra kennt, wundert sich über nichts mehr.
Die Elite: Böse, dämonisch oder einfach nur konsequent?
Kommen wir zur eigentlichen Frage. Zur Frage, die sich viele stellen, die irgendwann aufgehört haben, die Tagesschau für bare Münze zu nehmen: Was sind diese Menschen — diese Milliardäre, Technokraten, Politiker, Konzernlenker, Globalisten, wie auch immer man sie nennen möchte? Sind sie vollständig menschlich? Werden sie von nicht-menschlichen Entitäten gesteuert? Sind sie die Marionetten von Dämonen?
Die ehrliche Antwort ist unbequemer als jede Dämonentheorie: Sie sind vollständig menschlich. Und genau das ist das Problem.
Denn das Böse benötigt keine übernatürliche Erklärung. Es braucht nur Macht, Straflosigkeit und eine Gesellschaft, die bereit ist, wegzuschauen. Die Geschichte liefert dafür Belege im Überfluss – von den Sklavenhändlern der Antike über die Kolonisatoren des 19. Jahrhunderts bis zu den Architekten der modernen Finanzordnung, die ganze Volkswirtschaften ruinieren und dabei Renditeprognosen präsentieren. Kein Dämon erforderlich. Nur Menschen, die entschieden haben, dass ihre Interessen wichtiger sind als die Würde anderer.
Dass Pater Chad und Tucker gemeinsam die dämonische Natur der Politikerbesprechen – und Tucker dabei beiläufig einräumt, manchmal zu lügen, dabei aber Reue zu empfinden, im Gegensatz zu diesen anderen, wirklich bösen Lügnern – ist ein Meisterwerk der Selbstabsolution in Echtzeit. Tucker lügt professionell und wird dafür bezahlt. Dass er Reue empfindet, macht ihn nicht zum Wahrheitssucher. Es macht ihn zum Lügner mit gutem Gewissen, was möglicherweise noch gefährlicher ist.
Das Externalisierungsprinzip: Wie die Elite die Debatte über die Elite kontrolliert
Hier liegt der Kern des Problems, und er ist von beinahe teuflischerEleganz –— wenn man Teufel als Metapher für maximale menschliche Schläue versteht. Die Elite hat kein Interesse daran, dass wir sie als das sehen, was sie ist: Eine Gruppe von Menschen, die aus freiem Willen entschieden hat, Macht, Ressourcen und Kontrolle auf Kosten aller anderen zu akkumulieren.
Also sorgt sie dafür, dass wir die Debatte anderswo führen. Stufe eins: Eine kleine, klar definierte Gruppe von «Bösen» wirdbenannt – Globalisten, Freimauer, Jesuiten, Rothschilds, pick your flavor. Diese Gruppe bekommt cartoonhafte Züge, wird monolithisch und omnipotent dargestellt, sodass jede differenzierte Analyse unmöglich wird. Stufe zwei: Die Debatte wird ins Paranormale verschoben. Dämonen. Reptilien. Alien-Hybride. Plötzlich diskutieren wir nicht mehr über Steueroasen und Lobbyismus, sondern darüber, ob Nancy Pelosi von einem gefallenen Engel besessen ist. Stufe drei: Alle, die nach Beweisen fragen, werden entweder als naiv oder als Agenten des Systems abgetan.
Das Resultat ist eine Opposition, die sich selbst neutralisiert. Wer die Mächtigen kritisiert, aber gleichzeitig Dämonenbesessenheit als Erklärungsmodell akzeptiert, hat der Diskussion einen Bärendienst erwiesen. Nicht weil die Fragen falschwären – die Fragen nach der Natur der Macht, nach den Mechanismen der Kontrolle, nach der psychologischen Beschaffenheit von Menschen, die Kriege führen und Millionen von Toten billigend in Kauf nehmen – sondern weil die Antworten in die falsche Richtung gelenkt werden.
Fjodor Dostojewski hat in seinem Roman «Dämonen» – den Pater Chad übrigens genauso gut kennen sollte wie die Rituale seines Handwerks – gezeigt, wie das Böse nicht aus dem Jenseits einsickert, sondern wie es in den Herzen von Menschen entsteht, die sich selbst für Erleuchtete halten. Die Bolschewisten seines Romans sind keine Besessenen. Sie sind Ideologen – Menschen, die eine Vision haben und bereit sind, jeden Preis dafür zahlen zu lassen, den andere entrichten müssen.
Kommunismus, Totalitarismus und der ewige Zyklus der Mächtigen
Pater Chad macht einen interessanten Punkt, wenn er Bolschewismus und dämonische Besessenheit als identische Gedankenrahmen beschreibt. Interessant, weil er damit etwas Richtiges berührt und es gleichzeitig in die falsche Richtung dreht. Totalitäre Systeme funktionieren tatsächlich nach einer Logik, die das Individuum auslöscht, die Realität neu definiert und jeden Widerspruch pathologisiert. Das ist keineDämonologie – das ist politische Psychologie, gut dokumentiert, gut verstanden.
Undja – Kommunismus und Bolschewismus entstehen historisch am Ende imperialer Zyklen. Wenn die Ressourcen knapper werden, wenn die Legitimität der herrschenden Klasse erodiert, greift die Elite nach dem letzten Strohhalm: Maximale Zentralisierung. Nicht weil sie böse ist – obwohl viele es sind – sondern weil es das ist, was Machtstrukturen tun, wenn sie unter Druck geraten. Das beobachten wir gerade in den USA, in Europa, in der Symbiose von Konzernmacht und staatlicher Kontrolle, die sich in den vergangenen Jahren mit einer Geschwindigkeit etabliert hat, die jeden klassischen Totalitarismus alt aussehen lässt.
Palantir sammelt deine Daten. Facebook zensiert deine Meinung. BlackRock kauft dein Haus. Pharmakonzerne bestimmen die Gesundheitspolitik. Und wir diskutieren darüber, ob der Zuckerkonsum dämonischen Ursprungs ist. Tucker und Pater Chad sind sich einig: Ein Dämon hat ihm gestanden, dass er «Pop» — also Softdrinks — mag. Die Schlussfolgerung für die gesundheitsbewusste christliche Gemeinschaft liegt auf der Hand. Betet über euren Coca-Cola-Vorrat. Das Ergebnis wird, meteorologisch betrachtet, befriedigend sein.
Die Mittäter: Schuld, Verantwortung und die Banalität des Gehorsams
Aber hier wird die Diskussion wirklich unbequem. Denn es ist einfach, auf die Elite zu zeigen. Auf Soros, Gates, Schwab, auf die WEF-Clique, auf die Technokraten in Davos. Es ist erheblich schwieriger, die Frage zu stellen, die Hannah Arendt nach dem Eichmann-Prozess gestellt hat: Was ist mit all den anderen?
Was ist mit dem Arzt, der mRNA-Impfungen an Kinder vorgenommen hat, obwohl er die Datenlage kannte oder kennen konnte? Mit der Lehrerin, die dreijährige Kinder dazu zwang, Stoff vor dem Gesicht zu tragen? Mit dem Polizisten, der friedliche Spaziergänger terrorisiert und weggeräumt hat? Mit dem Journalisten, der jeden, der Fragen stellte, als Verschwörungstheoretiker abtat? Mit dem Bankmanager, der Konten von politisch unerwünschten Personen gesperrt hat? Mit dem IT-Techniker, der die Zensurfilter implementiert hat?
Diese Menschen sind keine Elite. Sie sind Hanna Arendts «Banalität des Bösen» in Reinform. Menschen, die keine Monster sind, die vielleicht sogar nette Nachbarn sind, die ihre Kinder lieben und Weihnachten feiern – und die trotzdem in Positionen kleiner Autorität konsequent das Falsche getan haben, weil es bequem war, weil es karriereförderlich war, weil der Druck von oben gross und der innere Kompass schwach war.
Sie als reine Opfer zu betrachten, ist falsch. Sie als Monster zu verdammen, ist ebenfalls falsch. Die Wahrheit ist komplizierter und deshalb für das schnelle Urteil eines Twitter-Threads ungeeignet: Sie sind Menschen, die eine Wahl hatten und die falsche getroffen haben. Viele von ihnen immer wieder, über Jahre, trotz wachsender Evidenz über die Konsequenzen ihrer Handlungen.
Und genau hier liegt der Unterschied zwischen einem intellektuell ehrlichen Ansatz und dem, was Tucker und Pater Chad anbieten: Wenn das Böse dämonischen Ursprungs ist, dann sind auch diese Mittäter letztlich Opfer. Die Verantwortungskette bricht. Die Elite wird zum Werkzeug übermenschlicher Kräfte. Die Mitläufer werden zu naiven Täuschungsopfern. Und wir alle schauen auf eine Wolke abstrakten Bösen, die niemanden wirklich verantwortlich macht.
Jeder ist sein eigener Exorzist
Es gibt einen Gedanken in diesem Interview-Komplex, der tatsächlich wertvoll ist — und er kommt, bezeichnenderweise, nicht von Tucker. Die östlich-orthodoxe Tradition, die erwähnt wird, hat eine andere Sichtweise auf das Böse: Jeder Gläubige ist verantwortlich für seine eigene tägliche Auseinandersetzung mit Versuchung und moralischem Versagen. «Erlöse uns von dem Bösen» ist kein einmaliges Grossereignis, das eines Spezialisten bedarf – es ist ein täglicher Akt der Bewusstwerdung.
Das klingt weniger dramatisch als eine Exorzismus-Session mit einem hochrangigen Politiker, dessen Gesicht sich verfärbt. Es ist aber erheblich nützlicher. Denn die einzige wirkungsvolle Gegenstrategie gegen Elite-Kontrolle, Überwachungsinfrastruktur, Datenmissbrauch und politische Manipulation ist nicht, auf einen Erlöser zu warten — weder einen menschlichen noch einen übernatürlichen. Sie besteht darin, täglich, konsequent und ohne Selbsttäuschung zu fragen: Was ist wahr? Was ist Propaganda? Wo weiche ich einer unbequemen Erkenntnis aus, weil sie mein Leben komplizierter machen würde?
Wahrheit, wie Pater Chad es in einem seiner wenigen wirklich treffenden Momente definiert, ist Kohärenz mit der objektiven Realität. Das ist keine religiöse Aussage. Das ist Erkenntnistheorie in ihrer einfachsten Form. Und sie ist gefährlicher für die Elite als jede Verschwörungstheorie — weil sie nicht ablenkbar ist. Weil sie keine Dämonen braucht als Erklärung. Weil sie den Blick richtet auf das, was tatsächlich passiert, wer tatsächlich handelt und welche Entscheidungen tatsächlich getroffen werden könnten.
Das Böse hat kein Jenseits — es hat eine Adresse
Die Elite — diese unscharfe, je nach Kontext anders definierte Klasse von Menschen, die Entscheidungen treffen, die andere betreffen, ohne selbst die Konsequenzen zu tragen — ist keine dämonische Entität. Sie ist eine menschliche Institution. Sie funktioniert nach den Prinzipien von Machtakkumulation, Straflosigkeit und systematischer Verdummung der Bevölkerung, die ihr dient und von der sie abhängig ist.
Das Gefährlichste an Tucker Carlsons Interview mit einem Exorzisten ist nicht der Inhalt. Es ist die Funktion. Es verschiebt die Debatte genau dorthin, wo sie der Mächtige haben will: Ins Ungreifbare, ins Nicht-Anfechtbare, ins Transzendente. Solange wir über Dämonen diskutieren, diskutieren wir nicht über Steueroasen. Solange wir über Alien-Hybride streiten, streiten wir nicht über Lobbyismus. Solange die Opposition sich in Paranormalen verirrt, muss die Elite sich keine Sorgen machen.
Gestapo und Stasi brauchten Spitzel. Die moderne Elite braucht Tucker Carlson und das algorithmisch optimierte Kaninchenloch des Internets. Die Technologie hat sich verbessert. Das Prinzip ist dasselbe. Das Böse hat keine Hörner. Es hat einen Kalender, ein Budget und eine PR-Abteilung. Und solange wir das nicht verstehen, braucht es auch keinen Exorzisten…








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