Es gibt eine Legende aus dem 18. Jahrhundert, die so präzise auf unsere Gegenwart passt, dass man fast glauben könnte, sie sei rückwirkend erfunden worden. Grigori Potemkin, Berater der russischen Zarin Katharina der Grossen, liess entlang der Reiseroute seiner Herrin prächtige Kulissendörfer aufbauen – bemalte Fassaden, gut gekleidete Statisten, die glückliche Bauern mimten, während die Kutsche vorbeifuhr. Katharina schaute aus dem Fenster, nickte befriedigt und fuhr weiter. Sie stieg nie aus. Sie schaute nie hinter die Fassade. Und Potemkin wusste: Solange die Kutsche schnell genug fährt, fällt niemandem auf, dass dahinter nichts ist.
Raphael Bonelli, Psychiater und Autor des soeben erschienenen Buches «Kopflos», hat diese Legende als Diagnose für den Zustand Europas wiederentdeckt – und sie trifft mit der Präzision eines chirurgischen Instruments. Was Katharina damals mit einer Kutsche erlebte, erleben wir heute mit dem täglichen Nachrichtenkonsum: Wir fahren zu schnell, um auszusteigen. Zu viele Eindrücke, zu wenig Zeit, zu wenig Energie für das, was Bonelli Tiefendenken nennt. Das Gehirn schaltet auf Autopilot, das Oberflächendenken übernimmt und die Fassade wird für die Wirklichkeit gehalten.
Der Psychiater bringt Beispiele, die man nicht erfinden müsste, weil die Realität jeden Satiriker längst überflügelt hat. In Europa darf man den Migrationshintergrund von Straftätern nicht erwähnen – das wäre Pauschalisierung, das wäre Vorurteil, das wäre moralisch verwerflich. Gleichzeitig wird bei Übergriffen im digitalen Raum reflexartig auf «die Männer» als kollektive Tätergruppe verwiesen, gefolgt von gesellschaftspolitischen Forderungen, die sich gegen das männliche Geschlecht als Ganzes richten. Entweder darf man Menschen pauschal kategorisieren oder nicht. Beides gleichzeitig geht nicht – ausser in einem System, in dem Logik durch Ideologie ersetzt wurde und niemand mehr aufsteht und sagt: Moment mal, das ergibt keinen Sinn.
Beim Klima ist es nicht anders: Ist es zu warm, ist das der Beweis für die Klimakatastrophe. Ist es zu kalt, ist das ebenfalls der Beweis – weil «Klimawandel» eben nicht nur Wärme bedeutet, sondern alles erklärt, was gerade passiert. Eine These, die jeden denkbaren Zustand bestätigt und durch keinen einzigen Zustand falsifiziert werden kann, ist in der Wissenschaftstheorie kein Erkenntnisgewinn. Sie ist eine Glaubensaussage. Und Glaubensaussagen gehören in die Kirche, nicht in die Klimapolitik. Aber in Potemkins Europa ist das anders – hier fährt die Kutsche weiter, und wer aussteigen will, wird als Leugner bezeichnet.
Bonelli diagnostiziert dabei zwei Hauptformen der kollektiven Verblödung – ein Wort, das er mit einer für einen Psychiater bemerkenswert unakademischen Direktheit verwendet. Die erste ist die digitale Verblödung: die durch permanentes Oberflächendenken herbeigeführte Unfähigkeit, längere Gedankenketten zu verfolgen, komplexere Zusammenhänge zu prüfen, überhaupt noch eine Viertelstunde konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Kinder werden messbar dümmer – die Flynn-Kurve, die jahrzehntelang nach oben zeigte, neigt sich nun steil nach unten. Das Smartphone hat getan, was kein Bildungssystem je geschafft hat: Es hat die Aufmerksamkeitsspanne einer ganzen Generation auf die Länge eines TikTok-Videos komprimiert.
Die zweite Form ist die kollektive Verblödung durch Wokismus – jenes ideologische System, das nicht durch Argumente überzeugt, sondern durch Denkverbote operiert. Wer die falschen Fragen stellt, wird nicht widerlegt. Er wird diskreditiert. Wer nachfragt, ob 72 Geschlechter biologisch plausibel sind, muss das nicht mehr inhaltlich begründen – der blosse Akt des Fragens gilt bereits als Beweis für seine moralische Untauglichkeit. Tiefendenken ist in einem solchen System nicht nur unnötig, es ist gefährlich. Also unterbleibt es.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die Bonelli mit Katharina in der Kutsche vergleicht: Sie sieht die Fassaden, nickt zufrieden und fährt weiter. Potemkin’sche Dörfer wohin man schaut. Nachhaltigkeitsziele, hinter denen kein messbarer Fortschritt steht. Integrationskonzepte, hinter denen keine Integration steht. Demokratieversprechen, hinter denen kein demokratischer Prozess steht. Wissenschaftskonsens, hinter dem kein Konsens, sondern Finanzierungsabhängigkeit steht. Alles Fassade, alles bunt gestrichen, alles in der richtigen Beleuchtung präsentiert – und die Kutsche fährt so schnell, dass niemand aussteigt und nachschaut.
Was Bonelli dabei als psychiatrischen Befund formuliert, ist in Wahrheit eine politische Katastrophe: Eine Gesellschaft, die das Tiefendenken verlernt hat, ist nicht mehr in der Lage, zwischen echtem Fortschritt und seiner Imitation zu unterscheiden. Sie kann nicht mehr erkennen, wenn sie belogen wird, weil sie die Werkzeuge zur Erkennung der Lüge abgegeben hat. Sie kann nicht mehr widerstehen, weil Widerstand die Fähigkeit zur Analyse voraussetzt, die sie nicht mehr besitzt. Und sie wird, wie Bonelli nüchtern feststellt, immer blöder – nicht als Beleidigung, sondern als empirische Tatsache, messbar, dokumentiert, unbestritten von denen, die es wissen müssen.
Europa rast in den Abgrund. Nicht weil die Probleme unlösbar wären. Nicht weil die Menschen böse wären. Sondern weil die Kutsche zu schnell fährt, die Fassaden zu gut gemalt sind und niemand mehr aussteigt, um nachzusehen, was dahinter ist. Katharina ist in ihrer Kutsche gestorben. Die Potemkin’schen Dörfer haben sie überlebt. In unserer Version der Geschichte sitzen wir alle in der Kutsche. Und Potemkin fährt…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








