Ein Lieblingsfeind ist nicht gratis. Er kostet Milliarden und genau darum lieben ihn die Kriegsfürsten Europas so innig. Ursula von der Leyen meldet stolz, die Verteidigungsausgaben seien in fünf Jahren um fast 80 Prozent gestiegen. Die Ukraine dient dabei als Etikett auf jeder Rechnung, denn wer will schon gegen Hilfe für ein überfallenes Land stimmen? Also stimmt niemand gegen die Rechnung. Wer die Lieferscheine liest, findet darauf auffallend oft Kairo, Doha, Neu-Delhi und Tel Aviv. Von den deutschen Exportgenehmigungen 2025 ging gerade einmal ein Sechstel nach Kiew.

Die Kriegsfürsten und ihr Lieblingsfeind: Bietet er Frieden an, sind sie pleite

Die Ukraine als Etikett auf der Rechnung

Deutschland genehmigte 2025 Rüstungsexporte im Wert von 13,3 Milliarden Euro. Davon gingen 2,27 Milliarden an die Ukraine, also rund ein Sechstel. 8,7 Milliarden Euro gingen an EU- und NATO-Partner, 4,6 Milliarden an Drittländer wie Singapur und Südkorea.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI zählt für die Jahre 2021 bis 2025 nicht Genehmigungen, sondern tatsächliche Lieferungen. Das Bild wird dadurch nicht besser. Nur 24 Prozent der deutschen Waffenexporte gingen an die Ukraine, 14 Prozent an Ägypten und 10 Prozent an Israel. Frankreich lieferte am meisten nach Indien, Ägypten und Griechenland. Italien hat seine Exporte gegenüber 2016 bis 2020 um 157 Prozent gesteigert, die grössten Abnehmer sind Katar und Kuwait. Grossbritannien schickt fast ein Drittel seiner Waffen nach Katar, die Ukraine kommt mit 13 Prozent erst auf Platz drei. Gleichzeitig haben die europäischen NATO-Staaten ihre eigenen Waffenimporte um 143 Prozent gesteigert, Europa empfing ein Drittel aller weltweiten Importe. Der Kontinent rüstet also nicht in erster Linie Kiew auf, sondern sich selbst.

Die Kriegsfürsten Europas reden von Kiew und verdienen am Golf. Der Feind sitzt in Moskau, die Kundschaft in den Palästen der Emire. Für Menschenrechte ist an den Messen in Doha leider kein Stand mehr frei.

Auftragsbücher statt Schützengräben

Der Rüstungselektronikkonzern Hensoldt hat im ersten Halbjahr 2026 seinen Auftragseingang auf 2,8 Milliarden Euro verdoppelt, der Auftragsbestand liegt bei rekordhohen 10,4 Milliarden. Konzernchef Oliver Dörre sagt es ohne Umschweife: Die politischen Entscheidungen für höhere Verteidigungsausgaben spiegelten sich jetzt im Auftragsbuch. Ehrlicher hat noch kein Manager erklärt, wer bei ihm die Bestellungen schreibt. Der Umsatz stieg um knapp ein Viertel, das bereinigte operative Ergebnis um fast 29 Prozent.

Die Kriegsfürsten und ihr Lieblingsfeind: Bietet er Frieden an, sind sie pleite

Rheinmetall sitzt auf einem Auftragsbestand von 80,5 Milliarden Euro, gut fünf Jahre Arbeit. Die Aktie liegt trotzdem seit Jahresbeginn rund 26 Prozent im Minus, weil der Bund die Fregatte F126 gestrichen hat und die Milliarden nur zäh zu Geld werden: Das operative Ergebnis stieg im ersten Halbjahr um 74 Prozent, der freie Geldfluss blieb trotzdem negativ. Die Börse hat sonst einen untrüglichen Riecher für Krieg. Sie wettet offenbar nicht auf den Einmarsch, sondern auf den Papierkrieg in der Beschaffung. Wie fein der NATO-Generalsekretär dieses Geschäft verkaufte, steht in wie er das Geschäftsmodell Krieg versehentlich offenlegte.

Bezahlt wird auf Pump und zwar gemeinschaftlich. Mit dem Programm SAFE nimmt die EUdSSR Geld an den Finanzmärkten auf und reicht es als Rüstungskredit weiter. Polen erhielt Ende Mai die erste Tranche von 6,6 Milliarden Euro, insgesamt stehen ihm 43,7 Milliarden zu. Woher die Gesamtsumme von 800 Milliarden kommt, erklärt der Artikel zur Aufrüstung der EUdSSR.

Drehtür, Schuldenberg und ein Onkel in Washington

Der ehemalige Entwicklungsminister Dirk Niebel leitete laut abgeordnetenwatch bei Rheinmetall die internationale Strategie und die Regierungsbeziehungen. Dieselbe Recherche zeigt: Rüstungskonzerne steckten schon 2021 mindestens 14 Millionen Euro in die Lobbyarbeit, allein Airbus Defence and Space 2,6 Millionen. Das war vor der Zeitenwende, als die Kasse noch klein war.

Die Kriegsfürsten und ihr Lieblingsfeind: Bietet er Frieden an, sind sie pleite

Am NATO-Gipfel in Ankara im Juli verkündeten die Verbündeten neue Beschaffungen für über 50 Milliarden Dollar, darunter die gemeinsame Produktion amerikanischer AMRAAM-Raketen, eine europäische Wartungsstation für Patriot und Stinger-Fertigung in Europa. Deutschland allein stockt seinen Verteidigungshaushalt 2026 auf 124 Milliarden Euro auf und will bis 2029 die 3,5-Prozent-Marke erreichen, Rutte lobte artig «Germany leads, and Germany delivers». Dazu 70 Milliarden Euro Militärhilfe für die Ukraine in diesem Jahr und mindestens ebenso viel im nächsten.

Der Onkel in Washington sieht das gelassen. Die US-Verteidigungsstrategie vom Januar 2026 nennt Russland eine «persistent but manageable threat» und überlässt Europa die «primary responsibility» für die eigene Verteidigung. Die Ukraine-Hilfe soll «first and foremost» europäisch sein. Washington hält Moskau also für beherrschbar und lässt Europa die Rechnung bezahlen. Die Kriegsfürsten nennen das Souveränität. Warum ihnen die Sache trotzdem so gelegen kommt, erklärt das letzte Konjunkturprogramm der Pleitiers.

Gegenprobe Moskau: Der Feind spielt mit

Ehrlichkeit gebietet die Gegenprobe. Moskau besteht sie nicht besser. Seine Atomnote vom 30. September stützt sich auf angebliche Blockadepläne. Die Übung, auf die sich Kommersant dabei beruft, Gallant Boar, lief vom 16. bis 26. Juni, also drei Monate früher. Ihr Szenario laut dem polnischen Fachportal Defence24: «Scenariusz zakłada obronę Przesmyku Suwalskiego», die Verteidigung der Suwałki-Lücke. Von Kaliningrad oder einer Bahnlinie steht dort kein Wort. Die Behauptung, man habe das Kappen der Kaliningrader Bahn geübt, findet sich bei Kommersant in einem Infokasten mit dem Vermerk «ИИ-Ассистент», verfasst also von einer künstlichen Intelligenz. Im selben Artikel verspricht Sprecherin Sacharowa, ein Krieg mit Europa werde «очень короткой», sehr kurz.

Auch Moskau rüstet nicht für den Frieden. Für 2027 plant der Kreml 17,1 Billionen Rubel für das Militär, 27 Prozent mehr als ursprünglich vorgesehen. Bezahlen sollen es unter anderem Haushalte und Firmen über höhere Steuern.

Die Kriegsfürsten und ihr Lieblingsfeind: Bietet er Frieden an, sind sie pleite

Nur hat Russland Mitteleuropa schon einmal geräumt. Bis zum 31. August 1994 zogen rund 380’000 Soldaten und 210’000 Zivilisten aus Ostdeutschland ab. In Transnistrien stehen laut Moldaus Aussenminister noch 200 bis 300 echte russische Soldaten. Moskaus Forderungen vom Dezember 2021 betrafen Sicherheitsgarantien, nämlich keine weitere NATO-Osterweiterung und keine Atomwaffen ausserhalb des eigenen Territoriums. Rohstoffe oder Gebiete in der EU fordert dieser Entwurf nicht. Das Motiv der Warner heisst deshalb nicht Eroberung, sondern Test: Das ISW malt einen Vorstoss auf Narva aus, um Artikel 5 zu prüfen. Der frühere US-Berater Paul Goble hält dagegen, die Russen in Narva würden eher auf die Eindringlinge schiessen, die über den Fluss kommen.

Zwei Kriegsparteien, ein Geschäftsmodell

Das Ergebnis der Gegenprobe ist so schlicht wie hässlich. Beide Seiten brauchen den Krieg, der angeblich nicht kommen soll, als ewige Ankündigung. In Brüssel öffnet er Kassen und Verfassungen, in Moskau rechtfertigt er Steuern und Atomnoten. Die Kriegsfürsten Europas haben aus dem Lieblingsfeind ein Abonnement gemacht. Wie bei jedem Abo kündigt keiner freiwillig. Bezahlt wird es von den Bürgern, in Rubel wie in Euro. Ausgeliefert wird es wie immer an fremde Kinder. Die Kriegsfürsten selbst schicken an die Front nur ihre Pressemitteilungen und Dankesreden. Exporte für 13,3 Milliarden, davon 2,27 für die Ukraine. 80,5 Milliarden Auftragsbestand gegen null Belege für einen Blockadeplan. Eine Atomnote, gebaut auf eine Juni-Übung und einen Kasten aus der Maschine. Sollte der Lieblingsfeind eines Tages Frieden anbieten, steht in Europa die halbe Rüstungsindustrie vor dem Konkurs und die halbe Regierung vor dem Rücktritt!

Die Kriegsfürsten und ihr Lieblingsfeind: Bietet er Frieden an, sind sie pleite

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