Ein Staat braucht Jahrzehnte, um ein Geheimnis zu hüten und einen Nachmittag, um es zu verlieren. Am 18. März 2025 gab das US-Nationalarchiv auf Anordnung von Donald Trump Kennedy-Akten frei, von denen einige bis dahin «nurmit geschwärzten Passagen zugänglich gewesen waren. Darunter ein FBI-Memo von 1975, das festhält, was die Abhörung der israelischen Botschaft ergab: CIA-Spionageabwehrchef James Jesus Angleton pflegte zwischen 1969 und 1972 häufige persönliche Kontakte zu Vertretern des israelischen Geheimdienstes, samt Austausch äusserst sensibler Informationen. Jahrzehntelang galt das als staatsgefährdend. Kein Agentenname, keine Methode, keine Quelle. Ein Land.
Der Mann mit der Standleitung
Angleton leitete von 1954 bis 1974 die Spionageabwehr der CIA. Er bestimmte, wer überwacht wurde, wer geschützt blieb und was die eigene Behörde erfahren durfte. Und seine Abteilung las die Post eines gewissen Lee Harvey Oswald.
Der Journalist Jefferson Morley, der seit dreissig Jahren um diese Akten kämpft, legte dem Kongress im April 2025 dar, was dahintersteckte: Die illegale Postüberwachung kostete rund eine Million Dollar, beschäftigte mehrere hundert Leute und war weder vom Kongress noch von einem Gericht oder dem Präsidenten genehmigt. Die neuen Dokumente zeigen laut Morley, dass Angleton unter Eid über die Überwachung von Oswalds Post log. Als Kennedy am 22. November 1963 in Dallas landete, lag in Angletons Büro ein Dossier von über 180 Seiten über den Mann, der wenige Stunden später als Mörder verhaftet wurde. Angleton ist damit der dritte hohe CIA-Offizier, der Ermittler über sein Vorwissen zu Oswald belogen hat.
Der Spionageabwehrchef mit dem kurzen Draht zum Mossad führt also eine dicke Akte über den späteren angeblichen Einzeltäter, belügt die Ermittler darüber und seine Behörde hält die Israel-Kontakte jahrzehntelang unter Verschluss. Zufall ist natürlich möglich. Nur verbraucht selten ein Zufall so viel schwarze Tinte.
Das Ultimatum
Ein Geheimnis ohne Motiv ist bloss Bürokratie. Das Motiv liegt in der Negev-Wüste und heisst Dimona.
Kennedy wollte verhindern, dass Israel die Bombe baut und er meinte es ernst. Die Briefe von 1963 liegen beim National Security Archive: Die amerikanische Unterstützung Israels könne ernsthaft gefährdet sein, schrieb der Präsident, wenn Washington keine verlässlichen Informationen über den Reaktor erhalte. Er verlangte Inspektionen im Halbjahrestakt, eine Forderung, die das Archiv selbst als nahe an einem Ultimatum einstuft. Ben-Gurion trat zurück, bevor ihn der letzte Brief erreichte, also schickte Kennedy fast denselben Text an dessen Nachfolger Levi Eschkol. Viereinhalb Monate später fielen in Dallas die Schüsse.
Eine Legende muss hier weg, weil die Wahrheit giftiger ist: Lyndon B. Johnson hat die Dimona-Besuche nicht wenige Tage nach dem Attentat abgeblasen. Die amerikanischen Teams fuhren weiterhin hin und die Akten zeigen, wie Israel die Inspektoren über Jahre an der Nase herumführte. Kennedys Nachfolger mussten nichts abschaffen. Sie liessen sich einfach vorführen.
Legt man die Teile nebeneinander, entsteht ein Bild, das kein Gericht zu einem Urteil zwingt und das kein denkender Mensch mehr übersehen kann. Ein Präsident droht Israel mit dem Entzug der Unterstützung. Ein CIA-Spitzenmann pflegt über Jahrzehnte enge Kontakte zum israelischen Geheimdienst, hortet die Akte des Täters und lügt darüber. Und eine Behörde hält genau diese Verbindung jahrzehntelang unter Verschluss. Wem nützte Dallas? Und wer sorgte dafür, dass niemand nachsah?
Bevor der Antisemitismus-Vorwurf seine Pflichtrunde dreht: Die Rede ist von einem Geheimdienst, einer Regierung und einem amerikanischen Beamten. Wozu die CIA fähig war, ist ohnehin aktenkundig, spätestens seit der Church-Ausschuss 1975 ihre Giftpfeilpistole für unauffällige Herzinfarkte ans Licht zerrte.
Der Wunschzettel
Achtunddreissig Jahre später. 1996 schreibt eine Gruppe um Richard Perle, Douglas Feith und David Wurmser für den frisch gewählten Premier Benjamin Netanyahu das Strategiepapier «A Clean Break». Empfehlung unter anderem: Saddam Hussein stürzen, Syrien zurückdrängen. Wir haben das Papier hier bereits seziert. Fünf Jahre später sitzen Feith und Wurmser an Schaltstellen der Bush-Regierung, Perle leitet das Beratergremium des Pentagons.
Im September 2000 formuliert das neokonservative Project for the New American Century den Satz, der es in jede Fussnote der Weltgeschichte geschafft hat. Der gewünschte militärische Umbau Amerikas werde lange dauern, ausser es komme zu einem katastrophalen Ereignis wie einem neuen Pearl Harbor.
Ein Jahr später kommt es.
Zehn Tage nach dem Anschlag besucht Wesley Clark, der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber, alte Kollegen im Pentagon. Einer zeigt ihm, so Clark später, ein Memo aus dem Büro des Verteidigungsministers: Man werde sieben Länder in fünf Jahren ausschalten, zuerst Irak, dann Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und zum Schluss Iran. Der Irak hatte mit 9/11 nichts zu tun. Er stand trotzdem ganz oben, wie schon 1996 auf dem Wunschzettel für Netanyahu.
Die Kunst, zwei Terroristen nicht zu finden
War der Anschlag nur ein willkommener Anlass, oder liess man ihn kommen? Die unbequemste Antwort stammt nicht von einer Verschwörungsseite, sondern vom US-Justizministerium.
Die CIA wusste seit Januar 2000, dass der spätere Entführer Khalid al-Mihdhar ein gültiges US-Visum besass, und seit März 2000, dass sein Komplize Nawaf al-Hazmi nach Los Angeles geflogen war. Das FBI erfuhr davon laut dem Generalinspekteur des Justizministeriums erst im August 2001. In der Zwischenzeit lebten die beiden unter ihrem richtigen Namen in San Diego, zeitweise als Untermieter bei einem FBI-Informanten. Der Untersuchungsausschuss des Kongresses hielt trocken fest, CIA-Mitarbeiter hätten es versäumt, die beiden auf die Beobachtungsliste zu setzen. Wenige Wochen später sassen sie in der Maschine, die ins Pentagon flog.
Anderthalb Jahre lang gelang es dem weltweit teuersten Geheimdienst nicht, eine Nachricht an die Bundespolizei im eigenen Land weiterzuleiten. Offiziell heisst das Pannenserie. Man könnte es auch Arbeitsteilung nennen.
Die Umzugsfirma, die nicht umzog
Am 11. September beobachten Anwohner in New Jersey fünf Männer, die sich auf dem Dach eines Lieferwagens beim Blick auf die brennenden Türme auffällig verhalten. Acht Stunden später nimmt die Polizei sie fest. Es sind Israelis, angestellt bei einer Firma namens Urban Moving Systems. Im Wagen liegen ein Teppichmesser, 4000 Dollar in bar und frische Fotos, auf denen die Männer vor den rauchenden Trümmern posieren.
Die Geschichte könnte man als Gerücht abtun, hätte sie nicht ausgerechnet The Forward gedruckt, eine jüdische Zeitung, über jeden Antisemitismusverdacht erhaben. Unter Berufung auf einen ehemaligen hohen US-Geheimdienstbeamten berichtete das Blatt 2002, das FBI sei zum Schluss gekommen, die Männer hätten eine Mossad-Überwachungsmission durchgeführt, die Firma sei eine Tarnung gewesen, und mindestens zwei von ihnen seien Mossad-Agenten. Die israelische Regierung habe die Operation eingeräumt und sich entschuldigt, sie nicht mit Washington abgesprochen zu haben. Die fünf wurden nach zweieinhalb Monaten wegen Visaverstössen abgeschoben, der Firmeninhaber setzte sich nach einer einzigen Befragung nach Israel ab. Das offizielle Fazit desselben Beamten: Die Männer hätten die arabische Nachbarschaft ausspioniert, von 9/11 aber nichts gewusst.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ein verbündeter Geheimdienst überwacht mit einer Tarnfirma auf amerikanischem Boden ausgerechnet das islamistische Umfeld, sagt Washington kein Wort, und erfährt dann nichts vom grössten Anschlag der US-Geschichte, der aus genau diesem Umfeld kommt. Was genau hat man da eigentlich beobachtet?
Was die Feuerwehr hörte
Die Stadt New York wollte die Befragungsprotokolle ihrer Feuerwehrleute unter Verschluss halten, bis die New York Times und Opferfamilien sie vor dem höchsten Gericht des Bundesstaates freiklagten. Der kanadische Religionswissenschaftler Graeme MacQueen ging die Protokolle durch und zählte 118 von 503 Befragten, die Explosionen schilderten. Die offizielle Untersuchung hat diese Aussagen nie ernsthaft aufgearbeitet. Die Gegenseite verweist darauf, dass viele Zeugen im selben Atemzug von einem Güterzug sprechen und einstürzende Stockwerke genau so klingen. Beides steht in denselben Protokollen, und beides verdient eine Antwort, die bis heute niemand gegeben hat.
Pikant ist auch, was der Statiker der Türme sagt. Leslie Robertson hatte die Gebäude ausdrücklich so ausgelegt, dass sie den Einschlag einer Boeing 707 überstehen. Die Türme blieben nach dem Einschlag tatsächlich stehen, obwohl die Aufprallenergie laut Robertson drei- bis sechsmal höher lag als angenommen. Gefällt habe sie erst das Feuer. Der Mann, dessen Lebenswerk einstürzte, verteidigt also die offizielle Version. Man darf ihm glauben. Man darf ihm auch unterstellen, dass kein Ingenieur gern zugibt, sein Gebäude sei mit etwas anderem als einem Weltereignis zu Fall gebracht worden.
Das schwerste Geschütz der Skeptiker heisst WTC 7: 47 Stockwerke, kein Flugzeug, am Nachmittag in sich zusammengesackt. Eine Untersuchung der University of Alaska Fairbanks unter dem Bauingenieur Leroy Hulsey kam 2020 zum Schluss, Feuer habe den Einsturz nicht verursacht, möglich sei er nur durch das nahezu gleichzeitige Versagen aller Stützen. Der Chemiker Niels Harrit wiederum wollte 2009 im Staub der Türme Reste von Nano-Thermit gefunden haben. Beide Arbeiten haben einen Haken: Hulseys Studie bezahlte die Organisation Architects & Engineers for 9/11 Truth, die das Ergebnis schon vor Beginn vertrat, und die Chefredakteurin von Harrits Zeitschrift trat zurück, weil der Verlag den Aufsatz ohne ihr Wissen gedruckt habe. Wer der Regierung Auftragsforschung vorwirft, sollte bei den eigenen Auftraggebern nicht plötzlich kurzsichtig werden.
Nur schreibt die zuständige US-Behörde NIST in ihren eigenen Antworten auf häufige Fragen, sie habe den Stahl nicht auf Rückstände von Sprengstoff oder Thermit untersucht. Und als Harrits Mitautor Steven Jones anbot, NIST solle eigene Staubproben mit gesicherter Herkunft prüfen, nahm die Behörde das Angebot nicht an. Warum man eine Behauptung, die man für so offensichtlich falsch hält, lieber nicht mit einem simplen Labortest erledigt, bleibt ihr Geheimnis.
Das Glück des Larry S.
Larry Silverstein pachtete die Twin Towers im Juli 2001 für 99 Jahre und frühstückte gewöhnlich oben im Nordturm. Am 11. September bestand seine Frau laut eigener Schilderung auf einem Hautarzttermin. Die Versicherung zahlte am Ende rund 4,55 Milliarden Dollar. Die nüchterne Seite: Die Terrordeckung war mit der Pacht vertraglich vorgeschrieben, Silverstein wollte 7,1 Milliarden, verlor vor Gericht mehrere Runden und zahlte weiter zehn Millionen Dollar Monatsmiete für einen Krater. Ein Beweis ist das nicht. Ein Hautarzt mit ausgezeichnetem Timing schon.
Die Rechnung
Was am Ende dieser Kette gesichert steht, ist schlimmer als jede Sprengladung. Das Costs-of-War-Projekt der Brown University zählt mindestens 940’000 direkte Kriegstote, insgesamt 4,5 bis 4,7 Millionen Tote und 38 Millionen Vertriebene in den Kriegen, die mit 9/11 begründet wurden. Die Massenvernichtungswaffen im Irak gab es nie. Die Kriege gab es trotzdem, in der Reihenfolge eines Memos, das zehn Tage nach dem Anschlag schon auf dem Tisch lag. Die Helden dazu lieferte Hollywood, von der CIA persönlich lektoriert.
Dass ein Teil dieser 38 Millionen Menschen an Europas Grenzen stand, ist keine Theorie, sondern Geografie. Und die Statistik zeigt, wer dort stand. 2015 wurden in der EU, Norwegen und der Schweiz 1,3 Millionen Asylanträge gestellt, 73 Prozent von Männern, 53 Prozent von 18- bis 34-Jährigen. Junge Männer machten 42 Prozent aller Antragsteller aus, junge Frauen desselben Alters rund elf. Daran hat sich wenig geändert: Noch 2024 waren bei den 18- bis 34-Jährigen rund drei Viertel männlich.
Die Erklärung steht in denselben Auswertungen. Viele reisten allein, weil Familien auf einer Route aus Schleppern, Stacheldraht und Schlauchbooten zuerst den losschicken, der sie am ehesten überlebt. Frauen, Kinder und Alte blieben in den Nachbarländern zurück, wo das Welternährungsprogramm im Juli 2015 die Essensgutscheine für syrische Flüchtlinge im Libanon mangels Geld auf 13,50 Dollar pro Person und Monat halbierte. Und viele junge Syrer flohen vor genau dem, was ihnen ihr Alter eingebracht hätte: Assads Armee zog Männer zwischen 18 und 42 Jahren ein, in der Praxis auch deutlich ältere. Ein Krieg, dessen Reihenfolge 2001 auf einem Pentagon-Memo stand, schickt vierzehn Jahre später seine Wehrdienstverweigerer nach Europa. Ob das jemand wollte oder nur billigend in Kauf nahm, lässt sich aus den Akten nicht beantworten. An der Schuld ändert es nichts.
Der Kalergi-Trick
Wer sich durch dieses Material gräbt, stösst früher oder später auf zwei Namen, die angeblich alles erklären: Den «Hooton-Plan» und den «Kalergi-Plan». Sie sind das Beste, was der CIA passieren konnte.
Earnest Hooton, ein eugenikbesessener Harvard-Anthropologe, schlug 1943 in einer New Yorker Zeitung vor, den Deutschen den Militarismus durch Ansiedlung fremder Männer «wegzuzüchten». Keine Regierung hat das je übernommen, und sein Harvard-Kollege Sorokin hatte ähnliche Pläne Hootons schon vorher öffentlich als theoretisch wie praktisch unhaltbar zerpflückt. Richard Coudenhove-Kalergi, Gründer der Paneuropa-Bewegung, von den Nazis verfemt und ins Exil getrieben, fabulierte 1925 über den «Mischling» der fernen Zukunft: eine Prognose in schwülstigem Zwanzigerjahre-Ton, kein Programm. Das berühmte Zitat, er wünsche sich eine Zukunftsrasse «unter Führung der Juden», steht in keinem seiner Bücher; es wurde vermutlich in den Neunzigern im rechtsextremen Thule-Netz erfunden. Den Begriff «Kalergi-Plan» prägte vermutlich der österreichische Holocaustleugner Gerd Honsik, der ihn in die Tradition der «Protokolle der Weisen von Zion» stellte.
Man stelle sich die Wirkung vor. Auf dem Tisch liegen jahrzehntelang geschwärzte Akten, ein Justizbericht über zwei Terroristen im Untermieterzimmer eines FBI-Informanten und ein Kriegsfahrplan von 1996. Dann kommt jemand mit einem gefälschten Zitat aus dem Usenet, und der erste Pressesprecher kann alles zusammen als Neonazi-Folklore entsorgen. Jedes gefälschte Zitat ist ein Rabatt auf die echten Akten. Wer die Mächtigen treffen will, verzichtet auf diesen Freundschaftsdienst.
Die Schwarzstifte sind noch nicht leer
Beweisen lässt sich die Täterschaft nicht. Geschwärzt wurde trotzdem, jahrzehntelang und immer an denselben Stellen. Bei Kennedy dauerte es über sechzig Jahre, bis die Schwärzungen fielen. Bei 9/11 sind erst 25 vergangen.


















«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







