Kein Volk hat seine Vergangenheit so gründlich bewältigt wie das deutsche, verkündet das deutsche Feuilleton bei jeder Gedenkfeier mit feuchten Augen. Die Bilanz dieser Bewältigung liest sich anders. Mitten im Frieden jagten deutsche Terroristen amerikanische Soldaten in die Luft, der andere deutsche Staat schenkte den Mördern neue Pässe. Und achtzig Jahre nach 27 Millionen toten Sowjetbürgern rollen deutsche Panzer wieder über Kursker Boden.
Man nennt das Erinnerungskultur. Ehrlicher wäre der Satz: Die Deutschen haben nie aufgehört, Amerikaner und Russen umzubringen. Sie wechseln bloss die Uniform, die Begründung und die Lieferkette. Mal heisst der Vorwand Antiimperialismus, mal Gotteskrieg, mal Verteidigungshilfe. Der Spass an der Sache bleibt erstaunlich stabil. Und weil Deutsche gründlich sind, gibt es für jede Epoche das passende Werkzeug: Autobombe, Pistole, Schützenpanzer.
Mai-Offensive gegen die Befreier
Am 11. Mai 1972 explodieren Bomben im Frankfurter Hauptquartier des V. US-Korps, Oberstleutnant Paul Bloomquist stirbt an einem Eisensplitter im Hals. Dreizehn Tage später gehen zwei Autobomben im europäischen Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg hoch, Clyde Bonner, Ronald Woodward und Charles Peck sind tot. So bedankten sich die Kinder der Wirtschaftswundergeneration bei den Befreiern ihrer Väter. An Bord der Truppe war eine Kolumnistin, die erst Faschisten definierte und dann zur Waffe griff.
Dreizehn Jahre später verfeinert die dritte Generation das Handwerk. Am Abend des 7. August 1985 spricht Birgit Hogefeld in einer Wiesbadener Diskothek den zwanzigjährigen Waffentechniker Edward Pimental an, lockt ihn in den Stadtwald, dort stirbt er durch einen Kopfschuss. Mit seinem Truppenausweis fährt die RAF am nächsten Morgen auf die Rhein-Main-Air-Base, die Autobombe tötet zwei weitere Menschen. Wer auf Pimental geschossen hat, ist bis heute ungeklärt. Eine Gedenktafel steht seit August 2025, nach vierzig Jahren. Deutsche Gründlichkeit braucht eben ihre Zeit, wenn das Opfer bloss Amerikaner war.
Die Tradition lebt auch ohne Parteibuch weiter. Am 2. März 2011 erschiesst der Frankfurter Arid Uka, der sich im Internet zum Gotteskrieger radikalisiert hatte, zwei amerikanische Soldaten in einem Bus am Flughafen. Mehr Tote verhinderte allein eine Ladehemmung seiner Pistole. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest.
Rente für Mörder, Freiflug für Attentäter
Wer schützt solche Leute? Der andere deutsche Staat, mit Hingabe. Die Staatssicherheit versorgte die RAF schon in den 1970ern mit falschen Ausweisen und medizinischer Hilfe. Ab 1980 nahm die DDR zehn RAF-Aussteiger auf, gab ihnen neue Identitäten und überwachte sie zugleich. Der Arbeiter- und Bauernstaat als Altersheim für Bombenleger, mit Plattenbau und Pförtner. Wie weit der Einfluss der Stasi reichte, ist laut Bundeszentrale für politische Bildung bis heute nicht geklärt.
Der Westen spielte in derselben Liga. Bei Olympia 1972 ermorden palästinensische Terroristen elf israelische Sportler. Am 29. Oktober wird Lufthansa-Flug 615 entführt und die Bundesregierung erfüllt sofort und ohne Verhandlungen die Forderung, die drei überlebenden Attentäter freizulassen. An Bord sassen kaum Passagiere. Elf Tage vorher hatte Münchens Polizeipräsident bereits über eine geplante Abschiebung der drei Gefangenen berichtet. Der Drahtzieher Abu Daoud behauptete später, deutsche Behörden hätten ihm neun Millionen Dollar für eine Freilassung geboten. Der Terrorismusforscher Shlomo Shpiro aus der Historikerkommission hält die Entführung für vorgetäuscht. Logistische Hilfe hatten die Attentäter übrigens vom deutschen Rechtsterroristen Willi Pohl bekommen.
Links die Stasi, rechts Pohl, dazwischen Bonn mit dem Freiflugschein. Terror hat in Deutschland keine feste politische Adresse. Fest ist nur die Gewohnheit der Behörden, genau dort wegzuschauen, wo das Hinschauen peinlich würde.
Der Marder fährt wieder nach Kursk
Nun zu den Russen, der Lieblingszielgruppe. Mindestens 27 Millionen Sowjetbürger starben im deutschen Vernichtungskrieg, überwiegend Zivilisten, mehr als drei Millionen allein in deutscher Gefangenschaft. Bei Kursk lief 1943 die letzte grosse deutsche Offensive im Osten. Im August 2024 rollen dort wieder deutsche Marder-Schützenpanzer, diesmal unter ukrainischer Flagge, die erste deutsche Panzerung auf russischem Boden seit dem Grossen Vaterländischen Krieg.
Die Begleitmusik liefert der Bundestag. Der CDU-Mann Roderich Kiesewetter fordert im Februar 2024: «Der Krieg muss nach Russland getragen werden», samt Ministerien, Kommandoposten und Gefechtsständen. Wenige Wochen später spielen vier Luftwaffenoffiziere, darunter Luftwaffenchef Ingo Gerhartz, per Webex durch, wie Taurus-Marschflugkörper die Krim-Brücke zerstören könnten. Mitgehört hat laut Kiesewetter offenbar ein eingewählter russischer Teilnehmer. Mordlust schlägt Abhörschutz.
Verteidigungsminister Boris Pistorius verlangt seit Oktober 2023, Deutschland müsse kriegstüchtig werden. Seither wird ein ganzes Volk in diese Vokabel hineingeredet. Friedrich Merz versprach als Oppositionsführer den Taurus samt Eskalationsspirale. Im März 2026 erklärte er, er habe angenommen, die Bundeswehr besitze genug einsatzbereite Exemplare. Die Lust war also da, nur die Raketen fehlten. Die Gegenseite hält fest, Russland sei der Angreifer und die Ukraine verteidige sich bloss. Richtig. Nur planen deutsche Generäle die Ziele und deutsche Abgeordnete die Ministerien.
Schlussstrich mit Zielerfassung
Die Freude am Töten von Amerikanern und Russen war in Deutschland nie eine Entgleisung von Randfiguren. Sie ist eine Konstante mit wechselnder Ausrede, getragen von Terroristen, Geheimdiensten, Generälen und Abgeordneten. Die nächste steht vor Kaliningrad schon bereit. 1943 hiess der Angriff auf Kursk Unternehmen Zitadelle, 2024 hiess er Verteidigungshilfe. Für den toten Amerikaner im Wiesbadener Stadtwald gab es nach vierzig Jahren eine Gedenktafel, für die toten Russen gibt es Lieferscheine. Die Stasi schenkte den Mördern von Amerikanern eine Rente, Bonn den Mördern von Israelis ein Flugticket. Wer achtzig Jahre lang «Nie wieder» in jedes Denkmal meisselt, sollte endlich dazuschreiben, gegen wen es dieses Mal gilt!











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