Moskau hat den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Februar zur unerwünschten Organisation erklärt und keine einzige Zeile Begründung dazugeschrieben. Acht Monate später liefert Warschau den Kommentar frei Haus: Die Strassen brennen, eine Richterin entmachtet den Präsidenten des Verfassungsgerichts, die Polizei umstellt das Gebäude, der Staatspräsident drängt sich nachts hinein und Demonstranten schicken den Premier nach Berlin. Wer will, liest darin das Drehbuch, vor dem der Kreml schweigend gewarnt hat. Dabei steht das stärkste Argument in der Chronik des DAAD selbst: Sein Geschäftsführer der Kriegsjahre liess auf der Krim 14’300 Menschen ermorden.
Ein Bann ohne Beipackzettel
Am 23. Januar 2026 fasste die russische Generalstaatsanwaltschaft den Beschluss, am 10. Februar landete der DAAD im Register des Justizministeriums. Begründung: Keine. Das ist auffällig für einen Staat, der sonst gern erklärt, wen er warum vor die Tür setzt. Der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), die einst NS-Zwangsarbeiter entschädigte, warf dieselbe Behörde im August 2025 vor, Geld für das «Kiewer Regime» zu sammeln. Beim DAAD herrschte Funkstille. Der Austauschdienst bedauerte und zählte nach, was wegbricht: Rund 200 russische Stipendiaten in Deutschland, zuletzt etwa 170 neue Stipendien pro Jahr, rund 10’500 russische Studenten an deutschen Hochschulen. Politische und institutionelle Kontakte nach Russland pflegt der DAAD nach eigenen Worten ohnehin seit dem Angriff auf die Ukraine nicht mehr. Was Moskau trotzdem störte, behält es für sich. Ein Verbot ohne Begründung ist eine Einladung, die Begründung selbst zu schreiben. Das Material dafür liegt ausgerechnet im Archiv des DAAD.
Simferopol im Lebenslauf
Der DAAD hat seine braune Zeit aufgearbeitet, gründlicher, als ihm heute lieb sein kann. Nach eigener Darstellung stellte er sich ab 1933 in den Dienst des Regimes, Ernst Röhm sass im Vorstand. Im Baltikum vergab der DAAD Stipendien nach rassischen Kriterien. Ab Juni 1943 führte Werner Braune die Geschäfte, zuvor Kommandeur des Sonderkommandos 11b der Einsatzgruppe D. Im Dezember 1941 verantwortete er auf der Krim das Massaker von Simferopol: 14’300 Ermordete in drei Tagen. Der Mann, der den deutschen Studentenaustausch verwaltete, hatte vorher die Krim entvölkert. Moskau muss diese Akte nicht vorlesen.
In Polen lockten die Besatzer am 6. November 1939 die Krakauer Professoren in den Hörsaal und verhafteten 183 Wissenschaftler. Theodor Pfizer, im Krieg Reichsbahnjurist mit Station in Gleiwitz und mitverantwortlich für Zwangsarbeiterlager, stand später der Studienstiftung vor. Seit 1986 trug eine Stiftung seinen Namen, umbenannt erst nach dem Segen der Aufsicht im Oktober 2025. Gleiwitz, du erinnerst dich: Am 31. August 1939 überfielen als Polen verkleidete SS-Männer den dortigen Sender.
Freitagnacht in Warschau
In Warschau brennen die Strassen. Gezündelt haben nicht die Demonstranten, sondern Robenträger und Uniformierte. Am 30. Oktober erklärte sich Verfassungsrichterin Anna Korwin-Piotrowska zur Chefin des Tribunals und suspendierte Präsident Bogdan Święczkowski samt Stellvertreter für einen Monat. Schwer bewaffnete Polizei umstellte auf ihr Ersuchen das Gebäude, das Gericht sprach von Staatsstreich. Draussen wurde ein Tor aufgeschnitten, drei Männer kletterten über den Zaun und wurden festgenommen. Präsident Karol Nawrocki brach seinen Senegal-Besuch ab, fuhr nachts zum Tribunal und liess verlesen, die verfassungsmässige Ordnung sei «verletzt» worden. Justizminister Waldemar Żurek war «zutiefst beunruhigt», allerdings über den Präsidenten. Den Putsch samt Vorgeschichte haben wir bereits seziert.
Korwin-Piotrowska gehört zu den Richtern, die der Sejm im März wählte und Święczkowski nicht arbeiten liess. Strassburg verfügte im Mai zu ihren Gunsten eine einstweilige Massnahme, kein Urteil. Der EuGH hatte dem Tribunal im Dezember 2025 die Unabhängigkeit abgesprochen. Die EUdSSR stellte Warschau schon im Februar 2024 bis zu 137 Milliarden Euro als Lohn für die «Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit» in Aussicht. Nach der Freitagnacht liess sie eine Sprecherin ausrichten, die Wahl der neuen Richter falle in die Kompetenz des Sejm. Wie Brüssel das Wort Demokratie sonst auslegt, ist bekannt.
Berlin als Universalschlüssel
In Polen muss niemand aus Moskau anrufen, damit Berlin als Erklärung herhält. Vor dem Tribunal skandierten Demonstranten «Tusk nach Berlin!». Jarosław Kaczyński nannte den Premier schon am 11. Dezember 2023 im Sejm einen «deutschen Agenten». Und die Konrad-Adenauer-Stiftung legte 2016 gut 22’000 Złoty für die Jubiläumsfeier des Tribunals in Danzig auf den Tisch. Kleingeld. Aber deutsche Parteistiftungen gehen an polnischen Verfassungsrichtern offensichtlich nicht vorbei.
Moskau muss den Faden nur aufnehmen. Maria Sacharowa spottete am 31. Oktober auf Telegram über den «unangenehmen Moment», mit dem Aussenminister Radosław Sikorski einst Sergei Lawrow verhöhnt hatte. Donald Tusk wiederum sieht hinter seinen Gegnern russische Bots und verkündet, in gewissen Fragen gebe es «keinen Kompromiss». Kompromisslos regiert es sich bequemer, wenn der Gegner im Ausland sitzt. Jeder findet den Fremden, den er benötigt. Bleibt die Frage, die in Moskau niemand laut stellen muss: Wie viele der Juristen, die heute Polens Gerichte umbauen, haben ihr Handwerk mit einem Stipendium aus Bonn verfeinert? Belegt ist für die Hauptfiguren nichts. Ausgeschlossen auch nicht. Ein Austauschdienst, der seit Jahrzehnten Eliten pflegt, benötigt keine Befehle, er braucht Ehemalige.
Helme ohne Nummern
Am 31. Oktober klagte der Europaabgeordnete Grzegorz Braun über Polizisten ohne Nummer auf dem Helm. Sein Parteifreund Włodzimierz Skalik legte nach: Ein Beamter ohne Dienstnummer habe getan, als verstünde er kein Polnisch, der Beitrag zählte über 160’000 Aufrufe. Ein anderer Nutzer verglich die Helme mit den weissen Helmen samt sechsstelliger Nummer der Hamburger Bereitschaftspolizei, gut 320’000 Aufrufe. Videos davon kursierten überall im Internet. Die Hauptkommandantur der Polizei dementierte am 2. November: Vor dem Tribunal stünden ausschliesslich polnische Beamte. Ein Dementi ist Selbstauskunft, ein Video ohne Kennung kein Beweis. Dazwischen steht ein Land, das seiner eigenen Polizei nicht mehr glaubt. Wer im eigenen Land ohne Nummer auf dem Helm antritt, lädt jeden ein, ihm eine Herkunft anzudichten.
Berlin schweigt, Moskau lehnt sich zurück
Aus Berlin war zur Freitagnacht kein Wort zu finden, weder vom Kanzler noch vom Aussenminister. Wer schweigt, muss nichts dementieren. Russland musste das DAAD-Verbot nie begründen, die Begründung schreiben andere: Polnische Demonstranten, polnische Abgeordnete und ein Austauschdienst mit einem Massenmörder in der eigenen Chronik. 1939 benötigte Berlin in Gleiwitz noch verkleidete Männer für seinen Vorwand. 2026 genügt Moskau ein Verbot ohne Fussnote. Die Krim kennt den Namen Braune. Polen kennt den Namen Gleiwitz. Berlin kennt nur noch die Pressemitteilung. Die Fussnote liefert Warschau nach!











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