Zwei Amerikaner sitzen am Samstag drei Stunden bei Putin, essen mit ihm zu Abend und reden laut Kreml «in beträchtlichem Detail» über gemeinsame Geschäfte zwischen Russland und Amerika. Am Sonntag fahren sie nach Kiew, sagen «substanziell» und «ermutigt» und erst danach dürfen die europäischen Sicherheitschefs an den Tisch. Im selben Sommer hat Washington 5000 Soldaten aus Deutschland abgezogen, die Panzerbrigade für Polen gestoppt und das Raketenbataillon für Deutschland gestrichen, nachdem Merz den Iran-Krieg kritisiert hatte. So sieht das Schlachtfeld Europa aus, bevor ein Schuss fällt: Die Grossmächte verhandeln, Europa liefert Waffen, Strom, Kasernen und Männer und wird dafür als Verhandlungsmasse mitgeführt wie ein Koffer ohne Griff.

Schlachtfeld Europa: Ein Kontinent, der beim Ausverkauf nicht am Tisch sitzt, sondern im Regal steht

Wer am Tisch sitzt und wer auf der Speisekarte steht

Das Wochenende vom 5. und 6. September war kein Ausrutscher, sondern eine Sitzordnung. Moskau zuerst, samt Abendessen und Geschäftsideen. Kiew danach. Europa als Nachtisch, «später am Sonntag». Wer das für Protokoll hält, hat den Mai verpasst, als das Pentagon binnen drei Wochen eine von vier Kampfbrigaden in Europa strich, den Truppenstand auf das Niveau von 2021 zurückstellte und ein Bataillon für weitreichende Feuer gar nicht erst in Deutschland ankommen liess. Der Anlass war nicht Russland, sondern ein Kanzler mit eigener Meinung zum Iran-Krieg. Truppen als Trinkgeld, je nach Wohlverhalten hingelegt oder eingesteckt. Das ist die Währung, in der ein Verbündeter bezahlt wird, der zur Verhandlungsmasse geworden ist. Beim Zollduell Trump gegen Merz ging es um Geld, jetzt um Sicherheit.

Die Warnungen lagen seit 1997 auf dem Tisch

Niemand kann sagen, er habe es nicht wissen können. George Kennan, Erfinder der Eindämmungspolitik, schrieb im Februar 1997 in der New York Times, die NATO-Erweiterung sei «der schicksalhafteste Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Zeit nach dem Kalten Krieg». Der US-Senat druckte die Warnung 1998 ins Protokoll und stimmte trotzdem für die Erweiterung. Elf Jahre später meldete Botschafter William Burns, der spätere CIA-Chef, aus Moskau in einem Telegramm vom 1. Februar 2008: Russland betrachte eine weitere Ostausdehnung als potenzielle militärische Bedrohung, eine Mitgliedschaft der Ukraine könnte das Land spalten und Moskau vor die Entscheidung stellen, einzugreifen. Zwei Monate später beschloss die NATO in Bukarest, Ukraine und Georgien «werden Mitglieder der NATO». Die Gegenseite hat hier ein Argument: Die Osteuropäer wollten hinein und selbst Lawrow räumte laut Burns ein, jedes Land dürfe sein Bündnis frei wählen. Nur beantwortet das nicht, wer die Rechnung zahlt, wenn Moskau die Drohung wahr macht. Seit 2022 steht die Antwort fest und sie lautet nicht Washington.

Schlachtfeld Europa: Ein Kontinent, der beim Ausverkauf nicht am Tisch sitzt, sondern im Regal steht

Wer Europa zum Schlachtfeld erklärt, sitzt nicht nur in Washington

Der ehemalige ukrainische Oberbefehlshaber Saluschnyj hat im April 2025 bestätigt, dass das gemeinsame Hauptquartier in Wiesbaden seine «Geheimwaffe» bei der Planung von Operationen war, dort wurden täglich Ziele ausgewählt, auch auf russischem Boden. Wer im Kreml über Vergeltung nachdenkt, hat die Adresse. Und die Idee, Europa als Warnschuss zu opfern, stammt nicht aus einem Facebook-Kommentar, sondern aus dem Moskauer Fachblatt. Sergej Karaganow, Ehrenvorsitzender des russischen Rats für Aussen- und Verteidigungspolitik, schrieb im Juni 2023 offen, Russland müsse «eine Reihe von Zielen in mehreren Ländern» treffen, um den Westen zur Vernunft zu bringen, das Risiko eines Gegenschlags sei minimal, denn nur ein Verrückter würde «Boston für Posen» opfern. Das ist die Schlachtfeld-These in ihrer ehrlichsten Form, ausgesprochen in Moskau: Europa als Ziel, Amerika als Zuschauer. Zur Wahrheit gehört auch, dass Karaganow im eigenen Blatt Widerspruch bekam und der Kreml die Nukleardoktrin offiziell nicht auf seine Linie stellte. Beruhigend ist das nur für Leute, die Doktrinen für Naturgesetze halten.

Die Vorbereitung läuft, nur nennt sie niemand so

Ein Land, das als Schlachtfeld taugen soll, benötigt erst eine Bevölkerung, die nichts mehr zu verlieren hat. Deutschland arbeitet daran. Die Autoindustrie hat binnen eines Jahres rund 42’300 Stellen verloren und steht mit 691’500 Beschäftigten so tief wie seit 2005 nicht, die gesamte Industrie 144’100 Stellen. Die Energiepreise, die das treiben, haben eine Vorgeschichte, die bei den Margen der grossen Adressen endet. Nord Stream ist der Treppenwitz dieser Geschichte: Am 14. Oktober beginnt in Hamburg der Prozess gegen einen ukrainischen Spezialkräfte-Offizier wegen Kriegsverbrechens an deutscher Infrastruktur, während Berlin demselben Staat Langstreckendrohnen baut.

Schlachtfeld Europa: Ein Kontinent, der beim Ausverkauf nicht am Tisch sitzt, sondern im Regal steht

Wer die Segeljacht-Erzählung glaubt, darf das, die Pointe bleibt dieselbe. Parallel wurde die Gegenmeinung entsorgt: Seit März 2022 ist es in der EU verboten, Inhalte von RT und Sputnik auch nur zu übertragen. Seit Anfang September ist der Ton scharf: Berlin macht Moskau für Sprengdrohnen am Flughafen Leipzig verantwortlich, Lawrow nennt das «den Beginn eines echten Krieges». Der Ton, den Karaganow 2023 bestellte, wird geliefert.

Die Schweiz stimmt in drei Wochen darüber ab, ob sie Koffer sein will

Am 27. September entscheidet das Stimmvolk über die Neutralitätsinitiative, Bundesrat und Parlament lehnen sie ab, im Nationalrat mit 124 zu 65 Stimmen, weil die heutige Praxis angeblich reiche. Sie heisst: EU-Sanktionen übernehmen, an Sicherheitsvereinbarungen mit Brüssel unterschreiben und hoffen, dass niemand in Moskau den Unterschied zwischen Bern und Berlin für Kleinkram hält. Das Etikett «Pro-Putin-Initiative» ersetzt die fällige Debatte: Ob sich ein Kleinstaat an eine Ordnung anlehnen soll, in der der grosse Partner seine Verbündeten nach Laune bestraft und mit dem Gegner über Geschäfte spricht. Europa hat sich 1997 warnen lassen, 2008 warnen lassen und 2023 vom Feind selbst erklären lassen, wofür es vorgesehen ist und hat jedes Mal genickt. Ein Kontinent, der seine Industrie abbaut, seine Gegenstimmen verbietet und seine Verteidigung an jemanden delegiert, der sie als Pfand benutzt, ist kein Verbündeter mehr, sondern Inventar. Und das Inventar wird zuletzt gefragt, wenn der Laden abgewickelt wird. Wer die Neutralität zum Verrat erklärt, hat sich bereits entschieden, wessen Verhandlungsmasse er sein will – und nennt dies «Solidarität»!

Schlachtfeld Europa: Ein Kontinent, der beim Ausverkauf nicht am Tisch sitzt, sondern im Regal steht

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

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