Nach dem Studium bist du Mediziner. Arzt musst du erst noch werden. Zwei Sätze, ein Abgrund: Der eine lernt das Telefonbuch seiner Heimatstadt auswendig und fragt «bis wann», der andere fragt «warum» und fliegt dafür vor den Disziplinarrat. Willkommen in einem Gesundheitssystem, das Symptome verwaltet, Ursachen ignoriert und jeden ans Kreuz nagelt, der es wagt, hinter die Kulissen zu schauen.
Ein deutscher Arzt, jahrzehntelang eigene Praxis, urologische Vergangenheit, heute im Ruhestand, sagt in einem langen Gespräch einen Satz, an dem sich die ganze Zunft entzweit: Aus der Universität komme man als präpotentes Wesen, das alles zu wissen glaubt und in Wahrheit nur das Rüstzeug beisammen hat, um ein schlechter Arzt zu sein. Tabletten verschreiben, ja nicht dahinter schauen, wo das Leiden herkommt. Das Symptom behandeln, nie die Ursache, ein Geschäftsmodell, das Heilung verhindert. Wer diese Diagnose für die verbitterte Abrechnung eines Aussenseiters hält, sollte sich anschauen, wer sonst noch so redet.
Der Kronzeuge sitzt im Herzen des Apparats
Peter Gøtzsche ist nicht irgendein Wutbürger mit Vitaminfläschchen. Er hat das Nordische Cochrane-Zentrum mitgegründet, jene Instanz, die als Goldstandard der evidenzbasierten Medizin gilt. In seinem Buch «Deadly Medicines and Organised Crime» beschreibt er, wie Pharmakonzerne Studien schönen, negative Ergebnisse verschwinden lassen und Meinungsführer kaufen, mit einem Vorwort des früheren BMJ-Chefredakteurs. Der Stanford-Epidemiologe John Ioannidis titelte seine meistzitierte Arbeit schlicht «Why Most Published Research Findings Are False». Übersetzt: Die Datenbasis, auf die sich die selbstgewisse Schulmedizin beruft, ist zu einem erschreckenden Teil Müll. Wer hier von Verschwörungstheorie raunt, hat weder das eine noch das andere gelesen.
Der Vorwurf, die Industrie sitze schon im Studium mit am Tisch, ist keine Paranoia, sondern Lehrplanrealität. In der Pharmakologie lernt der angehende Mediziner, jedem mit einem Hauch zu hohem Cholesterin sofort ein Statin zu verschreiben. Nur: Für die Primärprävention, also die Behandlung von Menschen, die noch nie einen Infarkt hatten, ist der Nutzen erbärmlich. Die Cochrane-Auswertung über 56’934 Teilnehmer rechnet vor: Von 1000 Menschen, die fünf Jahre lang ein Statin schlucken, wird gerade mal bei 18 ein ernstes Herz-Kreislauf-Ereignis verhindert. Die anderen 982 nehmen täglich eine Tablette für nichts. Dafür steigt, sauber dokumentiert in einer Lancet-Metaanalyse über 91’140 Probanden, das Diabetesrisiko messbar, in Beobachtungsstudien sogar deutlicher. Ein Mann, der jahrelang Werbung für einen Blutfettsenker machte, unter dem bereits Menschen gestorben waren, wurde später deutscher Gesundheitsminister. Man muss sich diese Personalie auf der Zunge zergehen lassen.
Wenn Biochemie zur Straftat wird
Das schönste Lehrstück liefert das Tryptophan. Diese Aminosäure ist der Grundbaustein, aus dem das Gehirn selbst sein Serotonin baut, das Stimmungshormon. Kein Serotonin ohne Tryptophan, das steht in jedem Biochemiebuch. Die Schulmedizin verschreibt bei Niedergeschlagenheit Wiederaufnahmehemmer, die das wenige vorhandene Serotonin länger in der Synapse halten sollen. Der naheliegende Gedanke, dem Körper einfach den Rohstoff zu geben, damit er selbst mehr produziert, brachte unserem Arzt eine Anzeige eines Wiener Psychiaters ein. Vor dem Disziplinarrat, den er als mafiös empfand, verlor er zunächst regelmässig. Erst der oberste Gutachter, eine Kapazität, die dem Ankläger fachlich haushoch überlegen war, bestätigte ihm in drei Zeilen das Offensichtliche: Ja, das Gehirn benötigt Tryptophan, um Serotonin zu bilden. Eine Lappalie. Und doch stand ein Berufsverbot im Raum, weil jemand die Biochemie gegen die Leitlinie verteidigte.
Warum gibt es dafür keine Studien? Die Antwort ist entwaffnend simpel: Einen natürlichen Stoff kann niemand patentieren. Kein Patent, kein Umsatz, keine finanzierte Studie. Und rund 90 Prozent der Studien werden von jener Firma bezahlt, die das Medikament verkauft. Die jungen Kollegen, sagt er, wollten immer evidenzbasiert behandeln, fragten aber nie, wer die Evidenz eigentlich schafft. Genau das ist der wunde Punkt und Ioannidis hat ihn wissenschaftlich vermessen.
Das Fass, das keiner messen will
Das Menschenbild dahinter ist entwaffnend logisch. Der Körper besteht aus rund 47 essenziellen Stoffen: Aminosäuren, Fettsäuren, Mineralien, Vitaminen. Man stelle sich ein Fass aus 47 Dauben vor: Ist eine Daube zu kurz, läuft das Fass genau dort aus und alle Selbstheilungskräfte sinken auf dieses Niveau. Nur misst das kaum jemand, denn das grosse Blutbild kostet unter vier Euro und genau so viel hat der Kassenarzt pro Quartal fürs Labor übrig. Wer seinen Vitamin-D-Spiegel wissen will, wird abgewimmelt, das sprenge das Budget. «Alles normal» heisst in Wahrheit oft nur: Alles, was wir uns zu messen leisten wollten, lag im Bereich der Masse.
Und hier wird es entscheidend, denn hier trennt sich der ehrliche Kritiker vom Scharlatan: Der Mann verspricht keine Wunder. Auf die direkte Frage, ob man Krebs mit Zuckerverzicht heilen könne, antwortet er unmissverständlich mit «Alleine nicht». Er beruft sich auf Otto Warburgs Nobelpreis-Erkenntnis, dass Tumorzellen Zucker vergären statt ihn sauber zu verbrennen, ein Effekt, der so zuverlässig ist, dass die gesamte PET-Diagnostik darauf beruht: Man spritzt radioaktiv markierten Zucker und der Tumor leuchtet auf, weil er gierig zugreift. Die ketogene Ernährung als jährliche Kur, die junge, verletzliche, entartete Zellen aushungert, ist bei ihm Prophylaxe und Begleitmassnahme, nicht Ersatz für die Onkologie.
Was die Faktenchecker geflissentlich verschweigen
Und genau diese Bescheidenheit deckt sich mit der unabhängigen Forschung, während Pharma und selbsternannte Aufklärer dieselbe Angst verkaufen. Die Metaanalyse des Physikers und Strahlenbiologen Rainer Klement über zwölf Mausstudien fand einen signifikanten Überlebensvorteil ketogener Diät, publiziert in PLoS One. In einem Übersichtsartikel hält derselbe Autor nüchtern fest, dass 72 Prozent der Tierstudien einen tumorhemmenden Effekt zeigten, die menschliche Evidenz aber schwach und auf Einzelfälle beschränkt sei. Ehrlicher kann man es nicht sagen und exakt so sagt es der Arzt auch. Im Bauchspeicheldrüsen-Mausmodell verlängerte die ketogene Diät zusammen mit Chemotherapie das Überleben um 42 Prozent, während sie allein wirkungslos blieb. Eine randomisierte Studie an Brustkrebspatientinnen unter Chemotherapie fand unter ketogener Kost sogar einen Überlebensvorteil. Das ist keine Wunderheilung, das ist eine Ergänzung, die wirkt. Die Krebsgesellschaften wischen das gern mit einem «nicht belegt» weg, verschweigen aber, dass für die adjuvante Anwendung eben doch Daten sprechen, nur eben keine, die einer patentierten Substanz zu Umsatz verhelfen, wie sie die Branche gerade mit den neuen Abnehmspritzen feiert.
Beim Blutdruck dasselbe Muster. Seit Jahrzehnten werden die Grenzwerte gesenkt, aus einem gesunden «hundert plus Lebensalter» wurde ein Panikwert von 140, ab dem der Rezeptblock gezückt wird. Dabei existiert mit der Aminosäure Arginin ein Stoff, der über den Stickstoffmonoxid-Stoffwechsel die Gefässe weitet, ausgezeichnet mit dem Medizin-Nobelpreis 1998. Eine Metaanalyse über elf placebokontrollierte Studien bestätigt eine Senkung des oberen Werts um gut fünf Millimeter Quecksilbersäule, sanft, nebenwirkungsarm, ohne die bleierne Müdigkeit der Betablocker, ein Effekt, den auch eine neuere Dosis-Wirkungs-Analyse bestätigt. Nur: Arginin trägt kein eingetragenes Warenzeichen, also redet auf keinem Kardiologenkongress jemand darüber.
Ob jede einzelne These hält, ob Megadosen von Vitaminen wirklich der Weisheit letzter Schluss sind, darüber lässt sich vortrefflich streiten und der Mann selbst besteht darauf, dass Wissenschaft aus These und Antithese lebt. An anderer Stelle, etwa bei manchen seiner Impf-Aussagen, verlässt er das sichere Terrain der Biochemie und wird angreifbar. Aber der Kern seiner Anklage steht auf Granit: Ein System, das das Symptom behandelt und die Ursache ignoriert, weil an der Ursache niemand verdient, ist kein Versehen. Es ist ein Geschäftsmodell.
Nummer eins der Todesursachen ist Herz-Kreislauf, Nummer zwei ist Krebs. Nummer drei, die im Interview zynisch nachgereicht wird, ist die Medizin selbst. Man kann darüber lachen. Man kann auch anfangen, die Kopie seiner eigenen Blutwerte mitzunehmen und zu fragen, was alles nicht gemessen wurde. Die Wahrheit trägt keinen Beipackzettel. Sie lässt sich nur nicht patentieren und deshalb wird sie behandelt wie eine Krankheit. Willkommen im Gesundheitswesen, das alles heilen will, ausser sich selbst!









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