Wer Zorn von dir fordert, fordert keine Wahrheit. Er fordert ein Bekenntnis. Ein Zeichen, dass du im Chor stehst statt am Rand. Die Empörung ist zur Liturgie unserer Zeit geworden: Das Geschrei ist der Gottesdienst, der geteilte Beitrag die Hostie und die Wut die Eintrittskarte in die Gemeinde der Rechtgläubigen. Wer schweigt, gilt als Ketzer. Dabei war Schweigen einmal die Haltung derer, die wirklich sahen.
Der Egregor der Empörung
Die alten Okkultisten kannten ein Wesen, das aus gebündelter Emotion geboren wird: Den Egregor. Das Wort stammt vom griechischen egregoros, der Wachende – im Buch Henoch sind es die Wächter, die zur Erde herabstiegen und sich von den Menschen nährten. Ein Egregor ist eine Gedankenform, die durch kollektive Aufmerksamkeit entsteht und irgendwann ein Eigenleben führt. Er will gefüttert werden. Die Empörungsökonomie ist nichts anderes als ein solches Wesen: Jeder Wutausbruch ist eine Opfergabe, jeder Applaus Weihrauch, jede Dopaminwelle ein Tropfen Blut auf dem Altar. Das Ritual belohnt den Schreienden mit dem süssen Rausch moralischer Gewissheit. Je lauter du wirst, desto mehr wirst du belohnt und bald fühlt sich der Lärm wie Bestimmung an. Doch der Egregor gibt nichts zurück. Er zehrt. Die Empathie verdunstet, die Seele brennt aus und übrig bleibt das Ritual selbst – eine Sucht, die Reaktion mit Tiefe verwechselt und Reflex mit Aufrichtigkeit. Ein Reinheitswettbewerb, in dem der Lauteste gewinnt und der Stillste verdächtig wird.
Das Rad, das sich selbst dreht
Wer mit anarchistischem Blick auf dieses Schauspiel schaut, erkennt das Muster sofort: Es ist dieselbe Hierarchie, dieselbe systemische Abhängigkeit, die Politik und soziale Medien gleichermassen durchzieht. Systeme, die sich selbst vervielfältigen, indem sie Emotion und Bestätigung fressen. Nennen wir das Ding beim Namen: Die Empörungsökonomie ist ein Theater. Sie teilt die Menschen in Lager, damit die Kulissen stehen bleiben – genau wie das alte politische Spektrum, das sie mit Energie versorgt.
Nichts daran ist gewachsen, nichts daran ist organisch. Es ist ein sich selbst erhaltender Taschenspielertrick, der sich von der eigenen Erregung ernährt. Jahr für Jahr schreien Demonstranten nach dem Ende von Konflikten, die jedes halbwegs zurechnungsfähige System – falls es so etwas gibt – vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten beendet oder an denen es sich gar nie beteiligt hätte. Das Rad dreht sich trotzdem weiter, weil es sich nie um das Ende der Konflikte drehte, sondern um die Bewegung selbst: Der Marsch ist das Produkt, die Parole die Verpackung und der Demonstrant der zahlende Kunde, der seine Lebenskraft am Eingang abgibt. Das Rad dreht sich trotzdem weiter. Die Inder nannten es Samsara: Der Kreislauf, der sich aus Begierde und Anhaftung speist und den nur verlässt, wer aufhört, ihn zu füttern. Unsere Anhaftung heisst Bestätigung. Unsere Begierde heisst Zugehörigkeit. Und das Rad weiss das.
Die Laterne des Eremiten
Es gibt eine Karte im Tarot, die niemand auf eine Demonstration mitnimmt: Der Eremit. Ein Alter am Rand des Abgrunds, allein, mit einer Laterne, deren Licht nur wenige Schritte weit reicht. Er schreit nicht. Er sendet nicht. Er sieht. Sein Licht reicht genau einen Schritt weit und das genügt, denn mehr als den nächsten Schritt kann ohnehin niemand gehen. Echte Aufmerksamkeit, echte Trauer, stilles Mitgefühl – sie schneiden quer durch das künstliche System. Kein Algorithmus kann sie verwerten, keine Bühne kann sie aufführen, kein Egregor kann sie fressen. Genau deshalb nenne ich meine Verweigerung nicht Apathie, auch wenn die Süchtigen der Empörungsökonomie kein anderes Wort dafür kennen. Zu fühlen, ohne zu senden. Anteil zu nehmen, ohne ein Spektakel daraus zu machen. Ein Handwerk zu pflegen, ohne einem Publikum jede Handbewegung zu rapportieren. Das ist der Schritt aus den Drehbüchern, die sämtliche Seiten in alle Richtungen endlos nachspielen.
Die Mystiker aller Traditionen kannten diesen Pfad: Die Via Negativa, den Weg der Verneinung. Nicht das, nicht dies. Die Wahrheit zeigt sich nicht im Lärm, sondern im Entzug des Lärms. Nichtaufführung ist eine authentische Form des Widerstands, keine Gleichgültigkeit. Es ist vollkommen legitim zu sagen: Ich sehe das Geschehen und es geht mir nahe, aber ich betrete die Manege nicht. Autonomie ist nicht Apathie. Sie ist die Weigerung, sich von einem Kreislauf einfangen zu lassen, der Aufrichtigkeit frisst, bis nur noch Rauschen übrig ist.
Die Frage an dein Spiegelbild
Also frage dich, ohne Publikum, ohne Chor, ohne Kamera: Ist dein Protest zur Gewohnheit geronnen, zum Rauschen, zum wöchentlichen Ablasshandel – oder glaubst du wirklich noch, dass du gewinnst? Und warum ändert sich innerhalb des Systems nie etwas Wesentliches, ausser den Spielern, die es alle vier bis acht Jahre neu auswürfeln dürfen? Der Tod ist in dieser Frage kein Feind, sondern ein Wegbereiter: Etwas in dir muss sterben, damit etwas anderes atmen kann – die Sucht nach Beifall, die Angst vor dem Rand, das Bedürfnis, gesehen zu werden, während du fühlst. Wer die Opfergabe verweigert, entdeckt die Kraft, die immer schon in ihm selbst lag und die kein Applaus je ersetzen konnte. Der Egregor wird weiterfressen, denn die Herde liebt ihren Altar. Wer schweigt, hat ihn bereits verlassen – und genau davor fürchtet sich das ganze Theater! Das Rad wird sich drehen, solange Zorn als Währung gilt. Nur wer nichts mehr einzahlt, ist kein Gefangener mehr! Die Wächter fielen einst vom Himmel, weil sie sich von Menschen nährten. Heute füttern die Menschen sie freiwillig – und nennen dies «Haltung»!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







