Im Israel-Palästina-Konflikt Partei zu ergreifen heisst, sich freiwillig in einen Teufelskreis zu setzen, der keinen Ausgang kennt – und dann so zu tun, als sei die Wahl zwischen zwei Fahnen eine moralische Grosstat. Ist sie nicht. Sie ist ein Versagen der Vorstellungskraft, sauber verpackt als Haltung. Regierungen leben davon, dass Du sie für unvermeidlich hältst, dass Du Gewalt, Grenzen und Hierarchien für Naturgesetze nimmst wie Schwerkraft und Regen. Sind sie nicht. Und solange Du diese Lüge fütterst, fütterst Du die Maschine, die Gaza in Schutt legt.
Pflaster auf Schusswunden
Wenn Du politische Intervention forderst, Sanktionen, Waffenstillstand, die ewige Zwei-Staaten-Lösung, dann verhandelst Du mit exakt den Systemen, die das Schlachten erst eingerichtet haben. Du bittest die Brandstifter, den Löschzug zu spielen – und wunderst Dich, dass es weiterbrennt. Diese «Lösungen» sind Pflaster auf Schusswunden. Sie setzen voraus, dass man Regierungen zutrauen kann, genau die Machtstrukturen abzuräumen, aus denen sie selbst gebaut sind. Doch Völkermord ist kein Betriebsunfall der Staatskunst. Er ist ein Wesensmerkmal. Jede Bombe über Gaza, jeder Kontrollpunkt im Westjordanland verkündet dieselbe Botschaft: Sicherheit kommt von Autorität, also halt still und sei dankbar.
Der Glaube, der die Maschine schmiert
Politische Interventionen sind kurzsichtig, weil sie die Wurzel ignorieren: Den anerzogenen Glauben der Menschheit an Herrscher. Man hat Dir beigebracht, dass ohne Regierung das Chaos ausbricht, also klammerst Du Dich an sie, obwohl sie Deine Welt planiert. Genau diese Angst hält die Völkermordmaschine am Laufen. Und sie rechnet sich: Krieg ist kein Chaos, sondern ein Geschäftsmodell, bei dem die einen sterben und die anderen abrechnen – eine Mechanik, die dieser Blog schon anderswo auseinandergenommen hat.
Keine Partei, sondern eine Absage
Anarchie ist keine Utopie, die über Nacht ausbricht. Sie ist eine langsame, generationenübergreifende Neuausrichtung Deines Verhältnisses zur Macht. Sich zu weigern, in einem Staatenkonflikt Partei zu ergreifen, ist weder Passivität noch die bequeme Apathie des Sofa-Zynikers. Es ist der erste Funke einer intellektuellen Revolution. Wer die falsche Wahl zwischen israelischer und palästinensischer Staatlichkeit verweigert, schafft Raum für die Fragen, die keine Regierung je hören will: Warum muss Land überhaupt von Regierungen kontrolliert werden? Was, wenn Sicherheit aus gemeinschaftlicher Verantwortung entsteht statt aus Armeen und Polizei? Und warum eigentlich sollst Du einem Fremden gehorchen, nur weil er ein Abzeichen trägt, eine Uniform anhat oder sich einen Regierungstitel ans Revers heftet?
Erziehung statt Gesetzgebung
Das ist die Aufgabe der Bildung, nicht der Gesetzgebung. Und mit Bildung ist nicht die akademische Anstalt gemeint, dieser Dressurbetrieb mit Diplom am Ende. Es geht darum, Kindern Zusammenarbeit als Selbstverständlichkeit beizubringen und Gehorsam gegenüber Hierarchien als das zu behandeln, was er ist – absurd. Es geht darum, «Sicherheit» neu zu denken, als Netzwerk gegenseitiger Hilfe statt als Militärparade. Und es verlangt, nicht nur um die Toten in Palästina zu trauern, sondern auch um die Jahrhunderte der Indoktrination, die sie erst möglich machen.
Regierungen sind keine Gebäude und keine Gesetze. Sie sind Ideen. Sie existieren, weil wir kollektiv so tun, als seien sie legitim. Der eigentliche Kampf besteht darin, diese Übereinkunft im eigenen Kopf zu kündigen. Wer «Führer» und «Nationen» anbetet, füttert den Mythos, dass manche Menschen von Geburt an das Recht haben, über andere zu herrschen.
Die DNA einer anderen Welt
Anarchisten kontern das nicht mit Manifesten, sondern mit gelebter Autonomie: Nachbarschaftsräte, die ohne Politiker funktionieren, Basis-Katastrophenhilfe, die jede Behörde blamiert, Gemeinschaften, die Streit im Gespräch lösen statt vor Gericht. Jede dieser Handlungen ist eine Lektion. Sie beweisen, dass eine andere Welt möglich ist – nicht durch Gewalt, sondern durch Vorleben.
Völkermord hält sich, weil Staaten das Monopol auf die Geschichten haben, die wir uns erzählen. Sie nennen Gewalt «Sicherheit», Besatzung «Schicksal» und Widerstand «Terrorismus» – dieselbe Etikettiermaschine, die aus jeder Kritik an einer Regierung reflexhaft Hass auf eine Religion macht. Um das zu durchbrechen, musst Du den Staaten ihre schärfste Waffe entwenden: Deinen Glauben an ihre Notwendigkeit.
Ich stehe auf keiner Seite. Nicht auf der Israels, nicht auf der Palästinas. Ich stehe auf der Seite der Eltern, die ihrem Kind beibringen, dass niemand das Recht hat, ein Zuhause zu stehlen. Auf der Seite des israelischen Teenagers, der den Wehrdienst verweigert. Auf der Seite derer in Ramallah, die ohne Genehmigung Lebensmittel verteilen, weil ein leerer Magen keinen Stempel benötigt. Das sind keine hübschen Gesten. Das ist die DNA der Welt, von der wir träumen.
Man wirft mir Idealismus vor, als sei der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen niedlich-naiv. Naiv ist etwas ganz anderes: Darauf zu vertrauen, dass ausgerechnet Regierungen den Völkermord stoppen, deren Existenz von der Spaltung lebt, die ihn erzeugt.
Samen statt Schnelllösungen
Der Weg aus der Gewalt in Palästina – und überall sonst – führt nicht über ein Abkommen mit Goldrand und Kamera-Handschlag, sondern über Generationen, die in Gemeinschaften aufwachsen, in denen Zusammenarbeit über Kontrolle steht. Das heisst: Aufhören, nach der Schnelllösung zu betteln. Anfangen, Samen zu säen. Anarchie ist kein ferner Traum, sondern tägliche Praxis – Denken, Lehren, Wiederaufbauen. Wer Denkweisen umbaut statt Fahnen zu schwenken, protestiert nicht bloss gegen den Völkermord, er trocknet den Boden aus, auf dem er wächst.
Wer eine Fahne wählt, hat den Kampf verloren, bevor er begonnen hat. Wer auf Diplomaten wartet, wartet auf die Feuerwehr, die den Brand gelegt hat. Wer seinen Kindern Gehorsam beibringt statt Zusammenarbeit, züchtet die nächste Generation von Statisten für das nächste Massaker – und nennt dies «Erziehung»! Wir brauchen keine bessere Regierung, wir brauchen den Mut, die Übereinkunft zu kündigen – und leben frei, mit unserer schwarzen Fahne!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







