Alle vier oder fünf Jahre dasselbe Ritual. Seit Jahrzehnten dieselben Plakate, dieselben Versprechen, dieselben Gesichter in neuen Anzügen. Du gehst hin, machst dein Kreuzchen, gehst nach Hause – und das System atmet erleichtert auf. Denn du hast soeben das Wichtigste getan, was eine korrupte Ordnung von dir benötigt: Du hast ihr zugestimmt. Nicht mit Begeisterung, vielleicht. Nicht aus Überzeugung, wahrscheinlich. Aber du hast mitgespielt. Und das genügt. Willkommen in der Demokratie. Sie funktioniert wunderbar – für jene, die von ihr profitieren.
Die Grundlüge des westlichen Parlamentarismus ist nicht, dass er offen tyrannisch wäre. Das wäre zu einfach, zu erkennbar, zu angreifbar. Die Grundlüge ist subtiler und deshalb wirksamer: Sie lautet, dass du eine Wahl hast. Dabei hast du seit Jahrzehnten keine mehr. Was du hast, ist eine Auswahl – zwischen Pest und Cholera, zwischen zwei Varianten desselben Programms, zwischen Parteien, die sich in Nuancen unterscheiden und in allem Wesentlichen identisch sind. Steuerpolitik für die Oberschicht, Symbolpolitik für die Masse, Militärausgaben für alle, Sparprogramme für die Schwachen. Links oder rechts der Mitte – das Ziel bleibt dasselbe. Nur die Verpackung wechselt.
Und du? Du wählst die Verpackung. Und nennst das Demokratie.
Der Anarchismus stellt an dieser Stelle eine Frage, die das System nicht beantworten kann und deshalb lieber nicht hört: Was legitimiert eine Regierung eigentlich? Die Antwort, die man uns beigebracht hat, lautet: Die Mehrheit. Die Stimmen. Das Mandat. Aber was bedeutet dieses Mandat konkret? Es bedeutet, dass die Gewählten machen können, was sie wollen – für vier Jahre unantastbar, für vier Jahre mit dem Segen der Bevölkerung ausgestattet, für vier Jahre befreit von echter Rechenschaftspflicht. Du hast gewählt. Du hast mitgemacht. Du hast das Spiel akzeptiert. Das Ergebnis liegt jetzt bei ihnen – und deine nächste Einflussmöglichkeit kommt in vier Jahren, wenn du wieder zwischen Pest und Cholera wählen darfst. Das ist der Freibrief. Unterschrieben von dir. Persönlich.
Wer nicht wählt, entzieht diesem Mechanismus die Grundlage. Nicht aus Gleichgültigkeit – das ist der Reflex, mit dem das System Nichtwähler diskreditiert, weil es sie fürchtet. Sondern aus der Weigerung, eine Legitimation zu erteilen, die man nicht erteilen will. Eine Regierung, die mit dreissig Prozent Wahlbeteiligung an die Macht kommt, hat kein Mandat. Sie hat eine statistische Restgrösse. Sie kann nicht behaupten, im Namen des Volkes zu sprechen, wenn das Volk mehrheitlich den Raum verlassen hat. Die Enthaltung ist keine Passivität – sie ist eine Aussage. Eine, die das System nicht einpreisen kann, weil es keine Schublade dafür hat.
Und was kommt stattdessen? Verantwortung. Die eigene, persönliche, unbequeme Verantwortung, das eigene Leben und das der eigenen Gemeinschaft selbst zu gestalten. Nicht delegiert an Berufspolitiker, die noch nie einen echten Arbeitstag erlebt haben. Nicht abgegeben an Parteifunktionäre, deren Karriere davon abhängt, dass alles bleibt, wie es ist. Sondern behalten – in den Händen derer, die tatsächlich betroffen sind. Lokale Strukturen. Direkte Solidarität. Gemeinschaften, die funktionieren, weil Menschen sich gegenseitig Verantwortung übernehmen, nicht weil ein Staat es per Gesetz anordnet.
Das ist die anarchistische Kernthese – und sie ist unbequemer als jede Wahlempfehlung: Das System repariert sich nicht von innen. Wer wählt, in der Hoffnung, damit etwas zu verändern, gibt dem System genau die Energie, die es braucht, um weiterzumachen wie bisher. Die Geschichte der letzten fünfzig Jahre parlamentarischer Demokratie in Westeuropa ist der Beweis: Die Parteien wechseln, die Probleme bleiben. Die Versprechen kommen, die Lösungen nicht. Der Apparat wächst, die Bürger schrumpfen.
Nicht wählen bedeutet nicht aufgeben. Es bedeutet aufhören, das Falsche zu legitimieren – und anfangen, das Richtige selbst zu tun. Ohne Erlaubnis. Ohne Mandat von oben. Ohne zu warten, dass irgendein Parteihampelmann, der auf Kosten der Allgemeinheit in Berlin oder Bern oder Brüssel residiert, gnädigerweise entscheidet, wann du frei genug bist.
Die Demokratie hat nicht versagt, weil die falschen Leute gewählt wurden.
Sie hat versagt, weil das Wählen selbst das Problem ist…


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