Dieter Hallervorden ist 90. Neunzig. In einem Land, in dem Menschen mit 35 schon vorsorglich ihre Meinung an den Arbeitgeber, den Algorithmus und das moralische Wetter anpassen, steht da ein alter Mann und macht etwas Ungehöriges: Er redet frei. Laut. Ungefiltert. Ohne Triggerwarnung. Skandalös.
Während sich Politik und Kulturbetrieb im synchronen Wegducken perfektioniert haben und Zivilcourage heute meist aus Hashtags besteht, bleibt Hallervorden unbequem. Nicht, weil er provozieren will, sondern weil er sich offenbar weigert, die Realität weichzuspülen, um niemandem den Latte-Macchiato umzustossen. Das allein reicht inzwischen schon, um als «problematisch» zu gelten.
Man kann Hallervorden widersprechen. Man darf ihn kritisieren. Was man aber nicht kann: Ihm Feigheit vorwerfen. Dafür ist er schlicht im falschen Lebensabschnitt. Wer mit 90 noch Haltung zeigt, tut das nicht aus Karrieretaktik, sondern aus Überzeugung. Das ist keine Pose mehr, das ist Charakter.
Während unsere politische Klasse vor allem damit beschäftigt ist, sich gegenseitig die eigene Bedeutung zu bestätigen, steht da ein Kabarettist alter Schule und erinnert daran, dass Meinungsfreiheit kein Museumsstück ist. Er zeigt, dass man nicht alles schlucken muss, was einem serviert wird. Und dass Würde nicht verhandelbar ist.
Hallervorden ist kein Heiliger. Aber er ist ein Lichtpunkt in einer Zeit, die lieber dimmt als aufklärt. Und allein dafür hätte er tatsächlich einen Orden verdient. Mindestens. Ein Mann mit dem Herz am richtigen Fleck und einer überaus ehrlichen Zunge. Chapeau!






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