Ich bin Anarchist. Nicht der Brandstifter, den man dir gezeigt hat, nicht der Vermummte aus den Abendnachrichten, nicht der Prophet des Chaos. Ich trage keine Fackel. Ich trage ein Wissen, das älter ist als jeder Thron: Kein Mensch wurde als Untertan geboren. Anarchie ist nicht der Glaube, dass die Welt brennen soll. Anarchie ist der Glaube, dass kein selbstbestimmtes Wesen jemals gezwungen werden darf, sich einem Kollektiv zu unterwerfen – auch nicht dem grössten, ältesten und bestbewaffneten von allen: Dem Staat.
Das älteste Wort für Freiheit
Öffne das Wort und du findest das Geheimnis. Anarchie kommt vom griechischen an-arché – ohne Arché. Und Arché ist kein harmloses Wort. Es bedeutet Ursprung, erstes Prinzip, Herrschaft. Die alten Philosophen suchten die Arché als den Urgrund aller Dinge. Die Mächtigen machten daraus etwas anderes: Den Anspruch, selbst dieser Urgrund zu sein. Wer Arché sagt, sagt beides in einem Atemzug – Anfang und Befehl. Der Anarchist verneint nicht die Ordnung. Er verneint den Anspruch, dass irgendein Mensch der Ursprung eines anderen Menschen sein könnte. Du bist dein eigener Anfang. Sieh in den Nachthimmel: Die Sterne ziehen ihre Bahnen ohne Minister. Der Wald wächst ohne Verordnung, das Wurzelgeflecht unter deinen Füssen tauscht Nährstoffe ohne Behörde und kein Vogelschwarm benötigt einen Präsidenten, um sich im Flug zu ordnen. Ordnung ist das Urgesetz des Lebendigen. Herrschaft dagegen ist die Störung, die sich als Heilmittel verkleidet hat. Das ist die ganze Philosophie, die du ablehnst, weil man sie dir nie gezeigt hat.
Die Archonten tragen heute Amtstracht
Die Gnostiker der Antike kannten Wesen, die sie Archonten nannten – Herrscher der niederen Sphären, Wächter einer Welt, die sie selbst zum Gefängnis gemacht hatten. Die Archonten erschufen nichts. Sie verwalteten. Sie forderten Tribut für den Durchgang, Gehorsam für das Dasein, Anbetung für das Privileg, überhaupt existieren zu dürfen. Die alten Schriften nennen sie blinde Mächte, die sich für Götter halten.
Sieh dich um. Die Archonten sind nie verschwunden. Sie haben nur die Gewänder gewechselt. Heute heissen ihre Sphären Ämter, ihre Siegel heissen Formulare, ihr Tribut heisst Steuer und ihre Anbetung heisst Wahlsonntag. Der Apparat, der dich verwaltet, hat dich nicht erschaffen. Er hat sich nur zwischen dich und dein Leben geschoben und verlangt Wegzoll für jeden Schritt, den du auf deinem eigenen Pfad gehst.
Der Bann der Gewalt
Jede Magie beruht auf einem Bann. Der Bann des Staates ist der älteste Zauber der Welt: Er verwandelt Raub in Recht, indem er ihn wiederholt, bis niemand mehr die Verwandlung sieht. Nimm einem Menschen mit der Waffe in der Hand sein Erarbeitetes und man nennt dich Räuber. Tu dasselbe mit Briefkopf, Paragraf und Vollstreckungsbeamten und man nennt es Ordnung. Doch der Kern bleibt derselbe: Gewalt gegen Friedliche. Genau hier liegt die Unmoral, die keinem Gesetzbuch zu entnehmen ist, weil die Gesetzbücher von denen geschrieben wurden, die von ihr leben. Ein Gebilde, das friedliche Menschen mit Zwang überzieht, um die systematische Ausbeutung eben dieser Menschen zu finanzieren, ist nicht durch seine Grösse geheiligt. Es ist durch seine Grösse nur schwerer zu erkennen. Herrschaft ist kein Naturgesetz – sie ist ein Ritual, das nur funktioniert, solange die Beherrschten mitspielen.
Zustimmung ist das einzige Sakrament
Woher käme legitime Autorität, wenn es sie gäbe? Es gibt nur eine Quelle und sie liegt nicht im Himmel, nicht in der Krone, nicht in der Verfassung: Sie liegt in der freien Zustimmung derer, über die Autorität ausgeübt wird. Der Arzt, dem du dich anvertraust, der Meister, bei dem du lernst, die Gemeinschaft, der du dich anschliesst – sie alle tragen Autorität, weil du sie ihnen gegeben hast und weil du sie ihnen wieder nehmen kannst. Das ist der heilige Tausch unter Freien. Alles andere ist Besatzung. Ein Vertrag, den du nie unterschrieben hast, geschlossen von Toten, vollstreckt an Lebenden, ist kein Bund. Er ist ein Fluch, der von Generation zu Generation weitergereicht wird, bis einer aufsteht und die Formel zerbricht.
Der Traum hinter der schwarzen Flagge
Ich bin Anarchist, weil ich von einer Welt träume, in der kein Mensch durch Gewaltandrohung gezwungen wird, für eine Institution zu arbeiten oder zu bezahlen, die er nie gerufen hat. Man hat dir beigebracht, diesen Traum kindisch zu nennen. Doch prüfe die Umkehrung: Wer die Drohung für unverzichtbar hält, gesteht damit ein, dass sein System freiwillig niemand tragen würde. Die schwarze Flagge trägt kein Wappen, kein Kreuz, keinen Adler – sie ist die Verneinung aller Banner, unter denen Menschen aufeinander gehetzt wurden. Sie verspricht nichts. Sie fordert nichts. Sie sagt nur: Über diesem Haupt herrscht niemand. Und jede Institution, die Menschen unter Androhung von Gewalt zur Arbeit oder zur Abgabe zwingt, fällt unter eine einzige, uralte Kategorie – man hat ihr viele Namen gegeben, Zehnt, Frondienst, Steuerpflicht, doch ihr wahrer Name war immer Sklaverei. Der Sensenmann holt am Ende Herrscher und Beherrschte gleichermassen, nur einer von beiden hat bis dahin auf Knien gelebt. Die Ketten von heute klirren nicht mehr, sie rascheln in Papierform und laufen als Zahlenkolonnen durch die Ämter. Wer dir sagt, es gehe nicht anders, meint nur, dass es für ihn nicht anders gehen darf! Der Bann ist gebrochen, sobald du ihn aussprichst! Und genau davor fürchten sich die Archonten seit fünftausend Jahren!










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