Die Behauptung macht wieder die Runde: Die Pockenimpfung habe die Epidemien nicht beendet, sondern verursacht. Sie ist falsch und das auf die dümmste vorstellbare Art, denn sie ist überflüssig. Die echte Akte trägt einen Gründungsvater, der an der Begutachtung vorbei publizierte, einen zweiten, der die Öffentlichkeit über seine eigenen Versuche belog, ein Impfvirus, dessen Identität hundert Jahre lang niemand kannte und Zehntausende Geschädigte in ordentlich geführten Registern. Sie muss nicht frisiert werden. Sie muss gelesen werden.

Zwei Jahrhunderte Impfgeschichte: Erst Ruhm, dann Schweigegebot, gefolgt von Kindersärgen

Wer die Skandale erfindet, verschenkt die belegten. Das ist keine Spitzfindigkeit, das ist die ganze Tragik dieser Debatte: Jede erfundene Zahl liefert dem Apparat einen Gratissieg und begräbt unter dem Jubel über die Widerlegung genau die Leichen, die tatsächlich im Keller liegen. Also machen wir es andersherum und nehmen ausschliesslich, was dokumentiert ist.

Die erste ehrliche Impfstatistik schrieb ein Versklavter
Die Geschichte beginnt nicht bei Jenner. Das Einimpfen echter Pockenlymphe, Variolation genannt, kam aus Asien und Afrika nach Europa. In Boston brachte 1721 der versklavte Westafrikaner Onesimus das Verfahren dem Prediger Cotton Mather bei, der den Arzt Zabdiel Boylston zum Versuch überredete. Boylston impfte während der Epidemie rund 250 Menschen, sechs starben. Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern die Methode: Thomas Nettleton und James Jurin von der Royal Society sammelten daraufhin systematisch Sterbezahlen und lieferten damit eine der frühesten quantitativen Wirksamkeitsprüfungen der Medizingeschichte – siebzig Jahre vor Jenner. Schon damals hielten Kritiker der Auswertung entgegen, Schwangere und Kranke seien von der Impfung ausgeschlossen worden, die Vergleichsgruppe also gesünder. Der Einwand war berechtigt. Er ist bis heute derselbe. Wer wissen will, wann die Debatte über Selektionsverzerrung in Impfstudien begann, ist im Jahr 1722 richtig.

Der Gründungsvater publizierte an der Begutachtung vorbei
Edward Jenner reichte sein Manuskript 1797 bei der Royal Society ein. Sie lehnte ab, unter anderem wegen dünner Datenlage. Jenner veröffentlichte die Inquiry 1798 auf eigene Kosten und Derek Baxby, der massgebliche Jenner-Historiker, formuliert die Folge in seiner Bicentenary-Analyse unmissverständlich: Die Privatpublikation entzog die Arbeit der redaktionellen Prüfung und trug zweifellos zu ihren Mängeln bei. Der zentrale Mangel war Jenners Behauptung, eine einzige Impfung erzeuge lebenslange Immunität. Sie war falsch, die Revakzination musste später nachgeschoben werden. Der Kernversuch bestand aus einem Kind.

Der eigentliche Hammer liegt aber im Erbgut. Seit 1939 war bekannt, dass das Impfvirus Vaccinia nicht mit dem Kuhpockenvirus identisch ist. Was es stattdessen war, wusste bis vor wenigen Jahren niemand. Ein Forscherteam sequenzierte einen originalverschlossenen amerikanischen Pockenimpfstoff von 1902 und fand im New England Journal of Medicine eine Übereinstimmung von 99,7 Prozent mit Pferdepocken. Sechs weitere US-Impfstoffe aus den Jahren 1850 bis 1902 liegen bei über 99,5 Prozent Ähnlichkeit mit einem Pferdepockenstamm und kein einziger historischer Impfstoff fällt in dieselbe Verwandtschaftsgruppe wie Kuhpocken. Die Menschheit wurde über ein Jahrhundert lang mit einem Virus geimpft, dessen Herkunft die Impfenden falsch angaben, weil sie sie nicht kannten.

Zwei Jahrhunderte Impfgeschichte: Erst Ruhm, dann Schweigegebot, gefolgt von Kindersärgen

Was in den Heften stand und was im Vortrag
Louis Pasteurs Familie hielt seine 102 Laborhefte bis 1971 unter Verschluss, ausgewertet werden konnten sie erst ab 1985. Der Princeton-Wissenschaftshistoriker Gerald Geison verglich sie in The Private Science of Louis Pasteur mit den Veröffentlichungen. Beim gefeierten Milzbrand-Versuch von Pouilly-le-Fort 1881 gab Pasteur öffentlich an, seinen eigenen sauerstoffabgeschwächten Impfstoff verwendet zu haben. Tatsächlich spritzte er ein mit Kaliumdichromat behandeltes Präparat seines Mitarbeiters Chamberland – chemische Inaktivierung also, das Verfahren seines Konkurrenten Toussaint. Die Mitwisser wurden zum Schweigen verpflichtet. Bemerkenswert ist die Verteidigung: Als der Nobelpreisträger Max Perutz Geison angriff, bestritt er die Faktenlage nicht, sondern erklärte sie für unerheblich, weil der Impfstoff ja gewirkt habe. Geison präzisierte in seiner Erwiderung den Vorwurf der aktiven Falschdarstellung. Merke: Der prominenteste Verteidiger räumt die Täuschung ein und streitet nur über ihre Bedeutung.

Beim Tollwutimpfstoff dasselbe Muster. In seinem Bericht an die Akademie vom 26. Oktober 1885 behauptete Pasteur, er habe vor dem Fall Joseph Meister fünfzig Hunde ohne einen einzigen Fehlschlag immunisiert – Belege für diese Versuche legte er nie vor. Aufschlussreicher ist ein Detail, das die Fachzeitschrift Emerging Infectious Diseases 2025 nüchtern festhält: Émile Roux, Pasteurs engster Mitarbeiter am Projekt, hielt das Präparat nach fünf Wochen Tierversuch für nicht reif für den Menschen und weigerte sich, es zu verabreichen. Pasteur war kein Arzt und durfte selbst nicht spritzen, die Injektion setzte Jacques-Joseph Grancher. Roux blieb der Sitzung fern. Der berühmteste Impferfolg der Medizingeschichte lief gegen das ausdrückliche Votum des Mannes, der die Methode mitentwickelt hatte.

Und weil jetzt gleich jemand mit dem Sterbebett kommt
«Le microbe n’est rien, le terrain est tout», angeblich Pasteurs Widerruf im Sterben. Dafür existiert keine zeitgenössische Quelle. Die früheste breit zitierte Fundstelle ist ein Buch von Hans Selye aus dem Jahr 1956, einundsechzig Jahre nach Pasteurs Tod. Selbst innerhalb des Terrain-Lagers wird eingeräumt, dass der Satz wahlweise Béchamp, Claude Bernard oder Pasteur zugeschrieben wird. Wer damit argumentiert, hat verloren, bevor er anfängt.

Beim Prioritätsstreit mit Antoine Béchamp liegt es feiner. Der massgebliche Aufsatz stammt von Keith Manchester und erschien 2001 in Endeavour. Manchester schreibt ausdrücklich gegen die Alternativmedizin-Lobby an – und hält trotzdem fest, Pasteur sei ohne Frage aggressiv und unduldsam gegenüber Widerspruch gewesen und habe Béchamp schäbig behandelt. Eine Quelle, die dem Gegenlager angehört und den Kernpunkt trotzdem einräumt, ist der stärkste Beleg, den man bekommen kann. Denselben Massstab muss man sich aber selbst gefallen lassen: Béchamps dramatische Schilderung des Londoner Kongresses von 1881, Pasteur habe ihn öffentlich des Plagiats bezichtigt und sei dann geflohen, deckt sich mit keinem der beiden zeitgenössischen Presseberichte. Manchester hat sie geprüft. Die Times vom 8. August 1881 berichtet deutlich nüchterner und Pasteurs Vortrag richtete sich in der Sache gegen den Engländer Bastian. Béchamps Version entstand zwei Jahre später aus dem Zorn heraus. Auch Béchamps eigene Lehre von den Mikrozymen ist gefallen und zwar an ihrer Beliebigkeit: Sie konnte zu viel erklären und liess sich deshalb nicht prüfen. Die Keimtheorie wurde nie widerlegt. Ihr berühmtester Vertreter hat bei zwei seiner drei ikonischen Experimente die Öffentlichkeit belogen. Das sind zwei verschiedene Sätze und nur einer davon ist wahr.

Zwei Jahrhunderte Impfgeschichte: Erst Ruhm, dann Schweigegebot, gefolgt von Kindersärgen

Als der Staat Eltern einsperrte, weil sie Nein sagten
England machte die Pockenimpfung 1853 zur Pflicht und schärfte 1867 nach. Wer sich weigerte, zahlte Bussen, wurde gepfändet oder ging in Haft. Am 23. März 1885 marschierten Zehntausende durch Leicester, im Zug Eltern, die ihre Haftstrafe bereits abgesessen hatten, ein Leichenwagen mit einem Kindersarg und eine Puppe Edward Jenners, die man erst aufhängte und dann köpfte. Der Zwang traf nicht alle gleich. Wer Vermögen hatte, zahlte die Busse aus der Portokasse, wer in der Fabrik stand, verlor Möbel oder Freiheit. Erst 1898 kam die Gewissensklausel und schuf nebenbei den Rechtsbegriff des Verweigerers, der zuerst gar keinen Krieg meinte, sondern eine Impflanzette. Wer glaubt, dieser Reflex sei Geschichte, sollte sich ansehen, wie die deutsche Justiz mit Ärzten umsprang, die Atteste ausstellten.

Der Impfstoff war ein anderes Kind mit einer Blase am Arm
Rund achtzig Jahre lang funktionierte Impfen so: Man schnitt in den Arm eines geimpften Kindes, nahm die Flüssigkeit aus der Pustel und rieb sie in die Wunde des nächsten. Was mitwanderte, wanderte mit. Im norditalienischen Rivalta infizierten sich 1861 vierundvierzig von dreiundsechzig geimpften Kindern mit Syphilis. In Bremen erkrankten 1883 nach einer Impfaktion 191 von rund 1290 Werftarbeitern an Gelbsucht, der ersten dokumentierten Hepatitis-B-Epidemie der Medizingeschichte. In Neapel dienten Findelkinder als lebendes Virusdepot, von denen über achtzig Prozent das erste Lebensjahr nicht überlebten. England verbot die Methode 1898.

Lübeck, wo der Schutz die Krankheit war
1930 bekamen in Lübeck 251 Neugeborene einen Tuberkuloseimpfstoff, der im hauseigenen Labor mit hochvirulenten Tuberkelbakterien verunreinigt worden war. Das waren 251 von 412 Kindern, die in jenem Jahr überhaupt in der Stadt zur Welt kamen, ein Jahrgang also, den man geschlossen durch ein ungeprüftes Verfahren schickte. 173 erkrankten, 72 starben. Nicht der Impfstamm war schuld, sondern ein Labor, das schlampte und eine Leitung, die die ersten Todesfälle wochenlang als Zufall wegerklärte, bis Ende April zwei Säuglinge mit schwerer Bauchtuberkulose starben und jede Ausrede erledigten. Es benötigte Leichen, um ein Argument zu gewinnen. Das ist die Konstante dieser ganzen Geschichte.

Zwei Jahrhunderte Impfgeschichte: Erst Ruhm, dann Schweigegebot, gefolgt von Kindersärgen

Die Grossserie lernte nichts dazu
1955 verliess das kalifornische Cutter-Labor Polioimpfstoff, in dem das Virus nicht abgetötet war. Ergebnis: 40’000 Poliofälle, 200 dauerhaft gelähmte Kinder, zehn Tote. Zwischen 1955 und 1963 erhielten rund 98 Millionen Amerikaner Polioimpfstoff, der mit dem Affenvirus SV40 verunreinigt war, zwischen zehn und dreissig Prozent der Chargen mit lebendem Virus. Bekannte Bestände wurden nicht zurückgerufen, sondern bis 1963 aufgebraucht, weil ein Rückruf teuer gewesen wäre und ein Eingeständnis noch teurer. 1976 stoppte Washington am 16. Dezember die Schweinegrippe-Kampagne, nachdem die Überwachung 1098 Fälle des Guillain-Barré-Syndroms erfasst hatte, 532 davon bei frisch Geimpften. Die Pandemie, gegen die geimpft wurde, kam nie.

Und die Gegenwart, damit niemand sich in Nostalgie flüchtet
Der Grippeimpfstoff Pandemrix ging 2009 an über 30 Millionen Europäer und erhöhte in Finnland das Narkolepsierisiko bei Kindern um das Dreizehnfache, die Metaanalyse landet bei etwa einem Fall pro 18’400 Dosen. Auf den Philippinen bekamen ab 2016 über 830’000 Kinder den Dengue-Impfstoff Dengvaxia, ohne dass jemand ihren Vorinfektionsstatus prüfte – bei den Nichtvorinfizierten verdreifachte sich das Risiko für schweren Dengue. Danach fiel die Masern-Durchimpfung des Landes von 82 auf 69 Prozent und die Masern kamen zurück. Und beim Polio-Endspiel gilt heute: In eineinhalb Jahren zählte die Überwachung 672 Lähmungsfälle durch impfstoffabgeleitete Polioviren in 39 Ländern, ein Vielfaches der Wildvirusfälle. Das Mittel lähmt inzwischen mehr Kinder als der Erreger, gegen den es gerichtet ist.

Wer Legenden benötigt, hat die Akte nie aufgeschlagen
Und jetzt der Teil, der weh tut. Die Pocken wurden ausgerottet, 1980 amtlich beendet nach einer Krankheit, die allein im 20. Jahrhundert 300 Millionen Menschen tötete. Polio fiel von geschätzt 350’000 Fällen im Jahr 1988 auf einen zweistelligen Rest. Wer behauptet, die Impfung habe die Pocken vermehrt, sagt damit nicht bloss etwas Falsches, er wirft Pouilly-le-Fort, Lübeck und Dengvaxia gleich mit auf den Müll, weil ein einziger widerlegter Satz genügt, um den ganzen Stapel als Spinnerei abzuräumen. Genau darauf wartet der Apparat, dem Sicherheit und Wirksamkeit ohnehin lieber als Werbeslogan denn als Prüfauftrag von der Zunge gehen. Der Skandal war nie, dass Impfstoffe wirken, sondern dass ihre Erfinder, Hersteller und Behörden über zwei Jahrhunderte hinweg zuerst verkündeten und erst danach nachsahen, ob es stimmte. Wer die Akte ehrlich führt, benötigt keine erfundene Zeile, denn die echten sind schlimmer. Wer sie fälscht, arbeitet für die Gegenseite und merkt es nicht einmal. Und am Ende steht die immer gleiche Rechnung: Die Hefte blieben hundert Jahre im Schrank, der Ruhm ging sofort in Druck, die Kinder wurden begraben – und man nennt dies «Vertrauen in die Wissenschaft»!

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