Pixar bringt diesen Sommer einen Film in die Kinos, dessen eigentlicher Bösewicht kein Alien und kein verlorenes Spielzeug ist, sondern ein Tablet. In «Toy Story 5» tritt ein froschförmiges Gerät namens Lilypad gegen Holzpferd und Plastik-Astronaut an und kämpft um die Aufmerksamkeit eines achtjährigen Kindes. Der Konzern, der zwei Jahrzehnte lang jede Kindheit mit Merchandise zupflasterte, warnt nun vor dem Bildschirm und kassiert dafür das stärkste Startwochenende des Jahres. Selten war Heuchelei so profitabel.
Die Pointe ist nicht der Film, sondern der Zeitpunkt. Pixar verkauft eine Mahnung gegen die Verkabelung der Kindheit ausgerechnet in dem Moment, in dem die künstliche Intelligenz das alte Bildschirm-Problem auf Anabolika setzt. Was früher nur ein Daddelautomat in der Hosentasche war, gibt jetzt vor, ein Freund zu sein.
Das Problem ist alt, nur der Lack ist neu
Niemand muss «Toy Story 5» sehen, um zu wissen, dass etwas faul ist. Facebook existiert seit 2004 und schon damals war absehbar, dass das öffentliche Protokollieren des eigenen Frühstücks die analoge Wirklichkeit nicht reicher macht. Heute haben wir eine Einsamkeits-Epidemie und das ist keine Befindlichkeitsfloskel. Der oberste Gesundheitsbeamte der USA stellte in seinem Bericht von 2023 fest, dass soziale Isolation das Sterberisiko ähnlich erhöht wie das Rauchen von bis zu fünfzehn Zigaretten am Tag und stärker als Fettleibigkeit. Eine Generation, die nie allein war, weil immer ein Bildschirm leuchtete, ist einsamer als jede vor ihr.
Schon 2016 brachte es Unternehmensberater Simon Sinek auf den Punkt: Wir hätten Altersgrenzen für Rauchen, Alkohol und Glücksspiel, aber keine für soziale Medien und Mobiltelefone. Das sei, als öffne man den Spirituosenschrank und sage dem Teenager: Wenn dich die Pubertät runterzieht, bedien dich. Zehn Jahre später steht der Schrank weit offen und an der Tür hängt ein Roboter, der behauptet, dein bester Kumpel zu sein.
Der Brandstifter im Feuerwehrhelm
Denn das ist der Beitrag der KI zur Lage. Mark Zuckerberg, dessen Plattform die Vereinsamung über zwanzig Jahre industrialisierte, präsentiert nun die Lösung für genau dieses Problem: Künstliche Freunde. Der durchschnittliche Amerikaner habe weniger als drei Freunde, benötige aber etwa fünfzehn, also fülle man die Lücke eben mit Chatbots. Der Mann, der den Brand legte, verkauft die Asche jetzt als Dämmstoff.
Das Schöne daran: Er zitiert seine eigene Schreckenszahl auch noch falsch. Wer in die zugrunde liegenden Umfragen schaut, findet eine Mehrheit mit vier oder mehr engen Freunden. Die Vereinsamung, die seine Maschine kurieren soll, ist in der behaupteten Dramatik gar nicht belegt. Sie ist Verkaufsargument, nicht Befund. Und ein Kind, das seine ersten Gespräche mit einem Sprachmodell führt, lernt nicht Nähe, sondern Konsum. Wer es heute allein vor diesem Apparat sitzen lässt, übergibt es nicht einem Werkzeug, sondern einem Geschäftsmodell mit Plauderfunktion.
Der Staat als später Retter mit Hintergedanken
Und ausgerechnet hier meldet sich die Politik zu Wort, mit jener Selbstlosigkeit, die man von Brüssel und Whitehall gewohnt ist. Grossbritannien hat ein Verbot sozialer Medien für unter Sechzehnjährige verkündet. Verkündet, wohlgemerkt, nicht beschlossen: Die Regeln sollen erst Frühjahr 2027 greifen und das angeblich europaweite Vorreitergesetz ist weder europäisch noch das erste. Australien zog die Altersgrenze bereits im Dezember 2025 ein. Nach zwei Jahrzehnten beredten Wegschauens entdeckt der Staat plötzlich sein Herz fürs Kind, kaum dass die Überwachungstechnik dafür reif ist. Man verzeihe die Skepsis.
Denn der Preis dieser Fürsorge steht im Kleingedruckten und er heisst Altersverifikation. Wer beweisen soll, dass er über sechzehn ist, muss sich identifizieren und damit wird aus dem Jugendschutz eine Kontrollarchitektur für alle. Die Electronic Frontier Foundation, alles andere als eine Randstimme der digitalen Bürgerrechte, warnt seit Jahren, dass solche Alterskontrollen privatsphärefeindliche Überwachungssysteme sind, getarnt als Kinderschutz. Was als Schutzschild beginnt, endet als Personalausweis fürs Internet. Wie elegant sich der Jugendschutz zum digitalen Identitätszwang mausert, lässt sich an der Schweizer E-ID studieren und dass Überwachung nie der Preis der Freiheit ist, sondern ihr Grab, hat dieser Blog schon ausbuchstabiert.
Die einzige Instanz ohne Geschäftsmodell
Bleibt die Frage, wer zwischen dem Kind und diesem Zangenangriff aus Konzern und Kontrollstaat eigentlich noch steht. Die Antwort ist unbequem schlicht: Die Eltern und im Kräftespiel der modernen Familie auffällig oft der Vater. Nicht Ofcom, nicht eine Altersabfrage, nicht ein Gesetz, das 2027 vielleicht in Kraft tritt. Der Einzige in diesem ganzen Theater, der nichts an der Aufmerksamkeit des Kindes verdient, ist der Mann, der ihm abends den Apparat aus der Hand nimmt.
Schon 1996 schrieb Internet-Mitbegründer John Perry Barlow seine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace und beschied den Regierungen, sie hätten im digitalen Raum nichts zu suchen und keine Befugnis erbeten. Dreissig Jahre später bauen genau diese Regierungen den Raum zum Käfig um und nennen den Schlüssel Kinderschutz. Das Kind merkt von alledem nichts. Es wird von einer Billionenindustrie ins Visier genommen, die es ein Leben lang melken will. Der einzige Türsteher ohne Provision ist der eigene Vater.
Ein Vater, der den Bildschirm wegnimmt, erzieht keinen verklemmten Eigenbrötler. Er kauft seinem Kind die wenigen Jahre, in denen Unschuld noch keine Marktlücke ist. Der Staat bietet grosszügig an, diesen Job zu übernehmen. Der Konzern bietet einen Chatbot als Ersatzvater. Beide sollten sich ihre Almosen sparen. Denn wer die Kindheit verteidigt, tut das nicht per Gesetz, sondern am Küchentisch. Wer sie an Ofcom delegiert, hat sie schon verloren. Und wer einen Algorithmus zum besten Freund seines Kindes macht, darf sich nicht wundern, wenn es eines Tages keinen echten mehr kennt!











«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







