Es gibt eine Schweizer Spezialdisziplin, die kein anderes Land so virtuos beherrscht: Das grosse Versprechen feierlich verkünden und die Umsetzung dann jener Ebene überlassen, die zuletzt gefragt wurde und zuerst haftet. Die elektronische Identitätskarte, vermarktet unter dem possierlichen Kunstnamen Swiyu, ist das jüngste Prachtexemplar dieser Gattung: Gross angekündigt, technisch wackelig, terminlich bereits zweimal verschoben und an der Basis ein einziges grosses Achselzucken.
Eine frische Umfrage unter rund 700 Gemeinden – knapp ein Drittel aller über 2100 in der Schweiz – fördert ein Bild zutage, das man höflich als Offenbarungseid bezeichnen müsste: Sieben von zehn teilnehmenden Gemeinden geben zu Protokoll, schlicht zu wenig zu wissen, um sich auf die Umstellung vorzubereiten. Das ist bemerkenswert. Nicht weil die Gemeinden überfordert wären, sondern weil sie genau jene Stelle sind, die am Ende dem Bürger gegenübersitzt und erklären soll, wie das Wunderwerk funktioniert.
Der Bund delegiert und nennt es Partizipation
Das Bundesamt für Justiz, auf seine Informationspflicht angesprochen, verweist auf «regelmässige Videokonferenzen», an denen sich «Interessierte aus allen Bereichen» beteiligen könnten. Übersetzt in Klartext heisst das: Wer wissen will, was auf ihn zukommt, möge es sich selbst zusammenklauben. Die Direktorin des Gemeindeverbandes fasst die Stimmung trocken zusammen: Man hätte ein früheres Auf-Uns-Zukommen erwartet. Stattdessen herrscht ein Vakuum, in dem die unterste Verwaltungsebene rätselt, welche technischen und organisatorischen Vorkehrungen überhaupt nötig sind. Führung sieht anders aus. Das hier ist Führung im Konjunktiv.
Pikanterweise räumt das Bundesamt mittlerweile selbst ein, dass der für Dezember 2026 anvisierte Start erneut ins Wanken geraten könnte. Wer die Biografie dieses Projekts kennt, lächelt müde: Erster Gesetzesentwurf 2021 an der Urne abgeschmettert, neuer Anlauf, neues Gesetz, im September 2025 ein hauchdünnes Ja mit 50,39 Prozent, dann die Verschiebung vom Sommer auf Dezember 2026 und jetzt das nächste Wackeln. Termine gelten in dieser Behördenwelt nicht als Verpflichtung, sondern als unverbindliche Stimmungsäusserung.
Wenn die Sicherheit erst nachgereicht wird
Nun könnte man einwenden, ein bisschen Bürokratenchaos sei der Preis jeder Digitalisierung. Das Problem reicht tiefer. Die Eidgenössische Finanzkontrolle, also die obersten Buchprüfer des Bundes, kam in ihrem Bericht zum Schluss, dass zentrale Sicherheitsbausteine noch fehlen oder unausgereift sind. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, jene Funktion, die verhindert, dass Unbefugte mitlesen, wurde nicht von Anfang an vollständig eingeplant, sondern soll im weiteren Verlauf ergänzt werden. Beim Zugang für Behörden und Organisationen genügte zeitweise ein schlichtes Login mit Benutzername und Passwort. Für einen staatlichen Ausweis, der online ein Bankkonto eröffnen und das Strafregister abfragen soll, ist das ungefähr so beruhigend wie ein Tresor mit japanischen Shoji.
Die zuständigen Stellen teilen diese Einschätzung naturgemäss nicht ganz und berufen sich auf den «agilen Ansatz», bei dem offene Punkte halt schrittweise abgearbeitet würden. Agil heisst in der Praxis: Wir bauen das Ding, während wir es schon verkaufen und reparieren die Sicherheit unterwegs. Bei einer Wetter-App mag das durchgehen. Bei der digitalen Identität von acht Millionen Menschen ist es ein Versprechen auf Vertrauensvorschuss, das niemand quittiert hat.
Das unkündbare Gedächtnis
Richtig gemütlich wird es beim Blick auf die Daten. Die biometrischen Informationen aus der Online-Verifikation – ein Gesichtsvideo, das man beim Antrag an den Bund übermittelt – werden bis zu 15 Jahre gespeichert. Fünf Jahre über das Ablaufdatum der maximal zehn Jahre gültigen E-ID hinaus. Ein Löschbegehren? Nicht vorgesehen. Man darf seine E-ID jederzeit für ungültig erklären, indem man die App vom Handy wirft, doch das hinterlegte Gesichtsvideo bleibt brav in einer bundeseigenen Cloud liegen, bis die Frist abgelaufen ist. Die Umsetzung der Online-Verifikation ging für bis zu 12,8 Millionen Franken an eine Westschweizer IT-Firma, vergeben über elf Jahre. Die ISO-Sicherheitszertifizierung des Rechenzentrums war zum Zeitpunkt der Recherche, man lese und staune, lediglich mündlich erteilt.
Dass ausgerechnet die Identifikation per Gesichtsvideo zum Herzstück wird, hat eine besondere Note. Der Chaos Computer Club führte bereits 2022 vor, wie sich solche Auto-Verifikationssysteme mit manipulierten Videos und Wiedereinspielungen täuschen lassen. Die Antwort des Bundes auf diese Schwachstelle war nicht etwa der Verzicht auf das Verfahren, sondern die noch längere Speicherung der Beweisdaten. Man hat das Sicherheitsleck also nicht geschlossen, man hat eine Überwachungskamera davorgestellt und das Aufnahmeband auf 15 Jahre verlängert.
Vorprogrammiert ist nicht das Scheitern, sondern das Achselzucken danach
Wer beim Bund nach einem Maulwurf sucht, muss nicht lange graben – die Anfälligkeit der Behörden für undichte Stellen ist dokumentiert. Und wer wissen will, wohin die Reise grundsätzlich geht, findet die Logik vom Eigentümer zum blossen Nutzer längst beschrieben. Die E-ID ist technisch kein Hexenwerk, politisch beschlossen und mehrheitlich, wenn auch zähneknirschend, gewollt. Was fehlt, ist die simpelste aller Tugenden: Verwaltungsdisziplin. Ein verbindlicher Fahrplan, klare Zuständigkeiten, eine Stelle, die Fragen beantwortet, statt auf Gremien zu verweisen.
Die Katastrophe ist nicht vorprogrammiert, weil das Projekt zu kompliziert wäre. Sie ist vorprogrammiert, weil oben niemand führen will und unten niemand reklamiert hat, man habe ja zuerst die eigenen Bedürfnisse erheben wollen.
Am Ende wird der Bund ein Grossprojekt verkünden, die Umsetzung der untersten Ebene überlassen und sich anschliessend ehrlich wundern, dass die Kritik genau von dort kommt, wo die Umsetzung stattfinden muss. Man wird die biometrischen Daten von acht Millionen Menschen 15 Jahre lang in einer Cloud horten, deren Sicherheitssiegel mündlich verliehen wurde – und nennt dies «digitale Souveränität»! Und wenn der Server erst einmal jedes Gesicht kennt, fragt niemand mehr, wer eigentlich zusehen darf – es genügt vollkommen, dass er kann!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







