Es gibt einen Beruf, der dich lehrt, die Tagespolitik zu lesen wie ein Röntgenbild. Es ist nicht der Journalist, nicht der Politologe, nicht der Talkshow-Philosoph. Es ist der IT-Techniker, der weiss, was ein eindeutiger Identifikator ist – und der deshalb hinter jedem freundlichen Behördenwort den Riegel klicken hört.
Wer im Wortnebel der Tagespolitik die echten Machtfragen finden will, der benötigt keine Haltung, sondern ein wenig Technikwissen. Genauer: Das Wissen um drei harmlose Buchstaben. UID, der «Unique Identifier», der eindeutige Identifikator. Eine einmalig vergebene Zeichenkette, die als Klammer um beliebig viele Datenpunkte gelegt wird. Klingt nach Tabellenkalkulation. Ist in Wahrheit das Betriebssystem moderner Herrschaft.
Die Klammer, die alles zusammenhält
Stell dir eine Personalnummer vor, die nur ein einziges Mal vergeben wird. An ihr hängen Geschlecht, Geburtsdatum, Gehaltsstufe, Urlaubsanspruch, Beziehungsstatus, Kinderzahl – und die Markierung, welche Systeme du benutzen darfst. Wer die Nummer kennt, hält den ganzen Menschen in der Hand. Das ist kein Missbrauch, das ist die Funktion. Genau dafür wurde die UID erfunden: Damit verstreute Informationen über eine Person zu einem einzigen, abfragbaren Profil verschmelzen.
Im Unternehmen ist das praktisch. Zwei Firmen fusionieren, zwei Berechtigungslisten werden untereinandergelegt, eine Formel zieht jeden Mitarbeiter sauber zusammen – heute erledigt das ein KI-Agent in Echtzeit, was früher ein Berufsanfänger per Hand eintippte. Effizienz pur. Und genau diese Effizienz ist der Köder. Denn was im Konzern Ordnung schafft, schafft im Staat Kontrolle.
Vier Nummern und du bist durchsichtig
Das eigentlich Unheimliche beginnt, wenn die UIDs sich verbinden. Nimm die Passnummer: An vier Flughäfen kann es passieren, dass dich ein Sicherheitsbeamter herauszieht, weil deine neue Passnummer nicht zur alten im System passt – das System kennt dich als Nummer, nicht als Mensch. Nimm die Kartennummer: Sie hängt an jeder Transaktion, samt Händler, Betrag und Einkaufsliste im Kassensystem. Nimm die IP-Adresse deines Geräts: Sie bündelt dein Suchverhalten beim Provider und bei den Suchmaschinen, sofern du sie nicht hinter einer VPN-Verbindung versteckst.
Personalnummer, Passnummer, Kartennummer, IP-Adresse. Vier eindeutige Identifikatoren. Wer Zugriff auf alle vier hätte, der hätte nicht nur viel über dich in der Hand – möglicherweise auch etwas gegen dich. Und dafür müsstest du nicht das Geringste verbrochen haben.
Wie man aus Datenpunkten einen Verdächtigen baut
Spielen wir es durch, fiktiv und harmlos. Interessant, dass du am Flughafen nach der Schleuse stets eine Flasche Schnaps kaufst, immer auf der Karte, die nicht deine private ist – also wohl die Firmenkarte. Interessant auch, dass dein seltener Geburtsname und dein Geburtsort laut System dieselben sind wie die eines vor Jahren verurteilten Sexualstraftäters. Auffällig zudem, dass du viel Zeit auf Webseiten für Spielzeug und Kinderkleidung verbringst.
Liegt das daran, dass du Kinder und Enkel hast, ablesbar an Alter, Beziehungsstatus, Bewegungsprofil über die Feiertage und Leseverhalten im Netz? Oder kaufst du für deine häufigen Reisen nach Südostasien ein? Und falls ja – was tust du dort mit all den Kindergeschenken? So schnell wird aus reinen Datenpunkten ein Verdacht modelliert, gegen einen Menschen, der nichts getan hat, ausser zu existieren. Die Daten müssen nicht einmal lügen. Es genügt, sie so nebeneinanderzulegen, dass sie eine Geschichte erzählen.
Die bunte Allianz der Menschenfreunde
Nun der Sprung, an dem es politisch wird. Genau diese Durchleuchtbarkeit soll auf die gesamte Weltbevölkerung ausgedehnt werden. Nicht im Geheimen, nicht von einer Handvoll Verschwörer im Hinterzimmer – sondern offen, dokumentiert, von einer Allianz, in der die komplette Handlungselite der kapitalistischen Welt versammelt ist.
Die ID2020-Allianz will jedem Menschen bis 2030 eine weltweit nutzbare digitale Identität auf biometrischer Basis verpassen. Die Vereinten Nationen verfolgen mit dem Entwicklungsziel «Rechtliche Identität für alle» dieselbe Linie und stützen die Idee vorbehaltlos. Die Weltbank treibt mit dem Programm «Identification for Development» digitale Identifikationssysteme voran, die ausdrücklich «interoperabel» sein sollen. Und die EU baut mit der Europäischen digitalen Identitäts-Brieftasche ein einheitliches System, gedacht als Baustein eben jener globalen Interoperabilität.
«Interoperabel» – das ist das schönste Wort des ganzen Vorhabens. Übersetzt heisst es: Sollte sich der eindeutige Digitalstempel nicht jedem Menschen direkt auf den Leib drücken lassen, weil ein paar Querköpfe sich nicht wie Nutztiere registrieren lassen wollen, dann macht das nichts. Man sorgt einfach dafür, dass die verschiedenen Identifikationssysteme so miteinander sprechen, dass sich die globale Menschenherde trotzdem digital zusammenstückeln lässt. Das Weltwirtschaftsforum fördert das seit Jahren. Und die Bundesregierung schreibt in den Koalitionsvertrag: «Wir unterstützen einen elektronischen Europäischen Sozialversicherungsausweis mit digitaler EU-Identität (EUDI Wallet).» Ein Halbsatz, sauber in der Verwaltungsroutine versteckt, der den freiwilligen Eintritt in den Käfig beschreibt.
Daten bündeln, Bürger fesseln
Das Ziel ist nicht der Komfort. Das Ziel ist, dich vollständig in der Hand zu haben. Man gibt dir eine digitale Bürger-ID und ohne sie – weil es so praktisch ist und die «Sicherheit» vor «Terroristen», «Pandemien», «Fehlinformationen» und namenlosen «Gefährdern» erhöht – eröffnest du irgendwann kein Bankkonto mehr, unterschreibst keinen Arbeitsvertrag und bestellst kein Bier. Wer das für Schwarzmalerei hält, der buche einen Flug nach China und schaue sich ein Sozialkreditsystem im Vollbetrieb an, oder er lese nach, was Edward Snowden über das jahrzehntealte Sammelverhalten der amerikanischen Geheimdienste offenlegte. Wie verletzlich diese Bündelung ist, zeigte sich, als in der Fedpol ein Maulwurf sass, der Zugriff auf genau jene Daten hatte, die eine e-ID benötigt. Und dass das Wegnehmen unter freundlichem Etikett funktioniert, habe ich am Weg vom Eigentümer zum Nutzer bereits zerlegt – dieselbe stille Mechanik, anderes Gewand.
Man verkauft dir vier harmlose Nummern als Bequemlichkeit und baut daraus die Akte, mit der man dich erpressen kann. Man nennt die lückenlose Durchleuchtung «Inklusion» und den Widerstand dagegen «Gefährdung». Man drückt acht Milliarden Menschen einen Digitalstempel auf und nennt dies «Fortschritt»! Wer den Wortnebel der Tagespolitik einmal entschlüsselt hat, der weiss: Hinter «interoperabel» steht kein Bürokrat, sondern ein Schliessmechanismus – und er ist beinahe verdrahtet!







«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







