Es gibt Wörter, die eine Behörde besser niemals auf ein Papier schreibt, weil sie sonst genau das verraten, was sie gerade tut. «Nationale Überwachungssysteme» ist ein solches Wort. Und der Bund schreibt es nicht nur hin, er wirbt ganz offen Architekten an, die es bauen sollen. Kostenpunkt der ersten Etappe: 45,3 Millionen Franken, freigegeben vom Bundesrat am 12. Juni 2026.
Willkommen bei NASURE, «National Surveillance and Response», zu Deutsch: Nationale Überwachung und Reaktion. Der Name ist kein Versehen eines übermüdeten Kommunikationsbeamten, sondern die ehrlichste Selbstbeschreibung, die aus diesem Amt seit Jahren gekommen ist. Denn während man dir bei jedem Kameramast erklärt, das Wort «Überwachung» sei böswillige Zuspitzung, verkauft dir das Bundesamt für Gesundheit dasselbe Wort als Fortschritt für deine Gesundheit.
Alles fliesst zu einem
Die Idee ist so simpel wie ambitioniert: Sämtliche Melde- und Überwachungssysteme für übertragbare Krankheiten werden in eine einzige nationale Plattform überführt, die alle in der Schweiz überwachten Erreger umfasst. Spitäler, Arztpraxen und Labore liefern ihre Daten nach dem sogenannten Once-Only-Prinzip direkt und automatisiert ans BAG, das sie analysiert, aufbereitet und weiterreicht. Once-Only klingt nach Bürokratieabbau. Es bedeutet in Wahrheit: Einmal erfasst, für immer zentral. Die Zettelwirtschaft, die während Corona angeblich alles lahmlegte, wird durch eine Maschine ersetzt, die nichts mehr vergisst.
Finanziert wird der Spass aus dem grossen Topf namens DigiSanté, für den das Parlament 392 Millionen Franken gesprochen hat, bei veranschlagten Gesamtkosten von 624 Millionen. NASURE selbst trägt einen Verpflichtungskredit von 50,3 Millionen Franken. Ein digitaler Käfig kommt eben nicht zum Nulltarif und bezahlen darfst du ihn selbst.
Corona als Generalschlüssel
Die Begründung ist immer dieselbe und sie ist mittlerweile so abgegriffen wie eine Türklinke im Bundeshaus: Die Pandemie. Damals hätten Meldungen mühsam von Hand übermittelt werden müssen, die Systeme seien nicht verbunden gewesen. Aus diesem Chaos zieht der Bund nun die einzig denkbare Lehre, nämlich mehr Zentralisierung, mehr Automatisierung, mehr permanenter Zugriff. Dass eine Krise, die vorbei ist, dauerhafte Infrastruktur rechtfertigt, hat System. Wie geschickt aus Ausnahmezustand Dauerrecht wird, habe ich an anderer Stelle ausführlich seziert.
Der Bauplan ist gestaffelt. Bis Ende 2028 stehen die Basisfunktionen für das obligatorische Meldewesen. Bis Ende 2034 folgt die zweite Phase, in der bestehende Altsysteme geschluckt werden: Das Sentinella-Meldesystem der Haus- und Kinderärzte, das Meldesystem für seltene Krankheitsbilder bei Kindern und schliesslich die Krönung der Bevölkerungsweiten Beobachtung.
Dein Abwasser lügt nicht
Denn in der zweiten Etappe wird das Abwassermonitoring integriert. Das ist die eleganteste Form der Überwachung, die je erfunden wurde, weil sie dich nicht mal fragt. Kein Test, keine Einwilligung, keine Meldung: Man liest einfach mit, was die Bevölkerung in die Kanalisation gibt. Aktuell werden so SARS-CoV-2, Influenza und RSV beobachtet, unabhängig von individuellen Tests. Es ist ein Abbild der Bevölkerung, das niemand freiwillig liefert und das trotzdem lückenlos entsteht. Wer glaubt, es bleibe bei drei Erregern, hat die Logik solcher Systeme nicht verstanden: Was messbar ist, wird irgendwann gemessen.
Das Gesetz kommt hinterher
Die rechtliche Grundlage? Läuft parallel und in die passende Richtung. Der Aufbau geschieht vorerst im Rahmen des geltenden Epidemiengesetzes, doch die Revision ist längst unterwegs, die Botschaft ging am 20. August 2025 ans Parlament. Sie verstärkt, digitalisiert und vernetzt die Überwachung, treibt die Genomsequenzierung voran und schafft die Grundlage für ein nationales Informationssystem, in das genetische Daten von Erregern aus Mensch, Tier und Umwelt einfliessen. Der Bund erhält dabei zusätzliche Kompetenzen bei nationaler Analyse und Überwachung. Erst baut man das System, dann schreibt man das Gesetz, das es erlaubt. Reihenfolge beachtet.
Nach oben durchgereicht
Und das Ganze endet natürlich nicht an der Landesgrenze. NASURE ist ausdrücklich auf Schnittstellen ausgelegt, die den Datenaustausch nicht nur kantonal und national, sondern auch international abwickeln. Passend dazu hat die Schweiz die revidierten Internationalen Gesundheitsvorschriften der WHO übernommen, in Kraft seit dem 19. September 2025, gestärkt in Prävention, Überwachung und Reaktion. Die nationale Datenmaschine ist also die Schweizer Zulieferung an ein globales Frühwarnsystem. Deine Grippe wird erfasst, ausgewertet und weitergereicht. Am Ende dieser sauberen digitalen Kette steht kein Hausarzt mehr, sondern eine Organisation in Genf, die dir noch nie in die Augen geschaut hat.
Das Bemerkenswerteste an der ganzen Sache ist, wie freimütig sie kommuniziert wird. Kein Leak, kein Whistleblower, keine geheime Akte. Der Staat sagt dir ins Gesicht, dass er ein nationales Überwachungssystem baut, nennt es beim Namen, beziffert die Kosten und lädt dich ein, die Stellen dafür zu besetzen. Wer sich über heimliche Datenkraken empört, während die offenkundige mit Bundesbudget und Pressemitteilung aufgebaut wird, hat schlicht nicht hingeschaut. Dass Überwachung nicht der Preis der Freiheit ist, sondern ihr Grab, ändert daran nichts.
Fast schon komisch wird es beim Blick aufs Konto. Ausgerechnet DigiSanté, aus dessen Topf NASURE gespeist wird, muss laut internen Notizen kräftig sparen, für 2027 sind rund 28 Millionen weniger vorgesehen. Fürs Zusammenlegen deiner Krankheitsdaten reicht das Geld also, für alles andere wird priorisiert. So sehen Prioritäten aus, wenn man ehrlich ist.
Der Staat baut dir eine Maschine, die alles über deine Krankheiten weiss und nennt das Fürsorge. Er liest dein Abwasser aus und nennt das Prävention. Er zentralisiert deine intimsten Daten und nennt das Effizienz. Und wenn du fragst, wo denn hier die Überwachung sei, zeigt er dir freundlich das Schild, auf dem «National Surveillance» steht und wundert sich, dass du dich wunderst!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







