Berlin hängt rund 30 Kameras mit 8K-Auflösung ans Kottbusser Tor, lässt einen Privatkonzern die Bilder durch eine Verhaltens-KI jagen und verspricht dem Bürger treuherzig, sein Gesicht bleibe unerkannt. Derselbe Konzern erklärt in seiner eigenen Pressemitteilung, seine KI erkenne Personen anhand von Körpergrösse und Kleidung. Kleidung. Ein Berliner Künstler hat daraus die einzig logische Konsequenz gezogen und ein T-Shirt gedruckt, dessen Muster den Träger für den Algorithmus schlicht auslöscht. Der Staat rüstet mit Millionen auf, der Bürger antwortet mit Baumwolle – und wer von beiden gerade dümmer aussieht, ist die eigentliche Frage dieses Herbstes.
Testgelände Kotti: 4,6 Millionen für ein Strichmännchen-Kino
Seit dem 24. Dezember 2025 erlaubt das geänderte Berliner Polizeigesetz die dauerhafte Videoüberwachung an sieben sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten und seit dem 23. August werden am Kottbusser Tor rund 30 Axis-Kameras mit 8K-Auflösung und 180-Grad-Panorama montiert. Bis 2030 sind dafür laut Innenverwaltung rund 2,5 Millionen Euro Investition und 2,1 Millionen Betrieb eingeplant. Den Zuschlag erhielt die Dortmunder IT-Holding Adesso, die als Generalunternehmer mit der Video-KI-Firma Staige arbeitet – erstmals in Deutschland baut damit ein Privatunternehmen eine solche Anlage im öffentlichen Raum und dasselbe Gesetz erlaubt, mit den Daten der Passanten kommerzielle Überwachungssoftware zu trainieren. Du bist nicht der Kunde, du bist der Trainingsdatensatz.
Was die Wundermaschine leistet, lässt sich in Hamburg nachlesen, wo dieselbe Technikgattung seit 2023 läuft. Der erst nach über einem Jahr per Informationsfreiheitsanfrage herausgerückte Evaluationsbericht nennt etwa einen Hinweis pro Stunde, im 59-tägigen Testfenster also rund 1400 Alarme, von denen die Polizei ganze elf als relevant einstufte. Über 99 Prozent Fehlalarm, kein Wort dazu im Bericht, das System fiel zweimal tagelang aus und niemand merkte es. In Mannheim läuft der Versuch seit 2018 und eine unabhängige Evaluation gab es nirgends. Berlin kauft also eine Technik, die laut Mannheimer Polizeipräsident Schläge nicht von Umarmungen unterscheiden kann und nennt das Kalibrierungsphase.
Ein Muster, das die Maschine erblinden lässt
Gegen diese Kulisse stellt der Berliner Künstler Simon Weckert sein Projekt Digital Camouflage, das er selbst als tragbares Statement und als Experiment über die Täuschbarkeit maschinellen Sehens beschreibt. Die Frage, mit der er sein Publikum empfängt, ist die eigentlich unverschämte: Warum sollte sich jemand vor Maschinen verstecken wollen? Die Antwort hängt gerade am Kotti. Das aufgedruckte Muster ist ein sogenanntes adversariales Muster, entwickelt gegen die Personenerkennung des weltweit verbreiteten Objekterkennungsalgorithmus YOLO und es fährt zwei Strategien gleichzeitig: Es zieht die Aufmerksamkeit des Algorithmus auf sich und drückt zugleich dessen Konfidenzwert für den Träger in den Keller.
Ergebnis in Weckerts Tests: YOLOv3 stufte den Träger häufig nicht mehr als Person ein. Die Mechanik dahinter stammt ausgerechnet von der Tsinghua-Universität in Peking, die 2022 das Grundproblem früherer Anti-Erkennungs-Aufnäher löste: Sobald sich Stoff faltete oder die Kamera schräg stand, zerfiel der Trick in Einzelteile. Die Chinesen erzeugten stattdessen eine endlos kachelbare Textur, deren jeder Ausschnitt für sich allein den Detektor täuscht – egal, wie der Wind das Hemd wirft. Der chinesische Überwachungsstaat forscht an Tarnung gegen die eigene Kameraflut und der deutsche Bürger zieht sich das Ergebnis über den Kopf.
Das Mailänder Start-up Cap_able strickt seit 2023 Pullover, die YOLO statt eines Menschen eine Giraffe oder ein Zebra erkennen lassen, mit einer Erfolgsquote von rund 60 Prozent und einem Preis von 420 Euro für den Kapuzenpullover. Privatsphäre gibt es also wieder – als Luxusartikel. Und der Berliner Adam Harvey entwarf schon 2010 mit CV Dazzle eine Schminktechnik gegen Gesichtserkennung, die er heute selbst als wirkungslos ausweist, weil der damals angegriffene Algorithmus längst ausgemustert ist. Genau das ist die ehrliche Grenze der Textilwaffe, die Weckert auf seiner Seite offen benennt: Die Wirkung hängt vom Erkennungssystem ab, von dessen Version und Konfiguration, von Distanz, Blickwinkel und Beleuchtung. Sein Muster wirkt gegen bestimmte YOLO-basierte Detektoren, nicht gegen jede Kamera, nicht gegen Gesichtserkennung und nicht ewig, denn mit jedem neuen Modell kann der Effekt verpuffen. Sein Fazit ist entwaffnend ehrlich: Kunstprojekt, kein Sicherheitsprodukt. Ob es das Staige-System am Kotti überhaupt kratzt, hat niemand gemessen. Ein Verhaltensscanner, der Strichmännchen aus Gelenkpunkten baut, kann eine unsichtbare Person schlecht beim Würgen erwischen – oder er meldet den schwebenden Kopf als Auffälligkeit.
Der Werkzeugkasten jenseits der Garderobe
Wer nicht auf ein Wettrüsten zwischen Stoffdruckern und Software-Updates setzen will, hat gröbere Mittel. Ein Bahnfahrer klebte fünf Kaugummis auf Kameras im Erfurter Hauptbahnhof, kassierte einen Strafbefehl über 2000 Euro und handelte ihn vor Gericht auf 900 Euro an einen Kinderverein herunter, weil die Anklage auf wackligen Füssen stand. Derselbe Bericht zitiert einen Juristen der Gesellschaft für Freiheitsrechte: Ein Tuch über die Linse, ein Plakat davor oder ein Strauss Luftballons in der Sichtachse dürften mangels Eingriffs in die Sachsubstanz straffrei bleiben. In Köln erstritt eine Bürgerinitiative nach eigenen Angaben, dass die Polizei ihre Kameras bei Versammlungen physisch abblenden muss. In den USA zerlegen Bürger derweil die Nummernschildscanner von Flock mit dem Vorschlaghammer – die Herde wehrt sich.
Die zivilisierte Variante heisst Klage und Wahlzettel. Grüne und Linke prüfen in Berlin ein Normenkontrollverfahren, am 20. September wird das Abgeordnetenhaus neu gewählt. Wer glaubt, das reiche, schaue nach Schweden, wo das Volk seinen Käfig per Mandat bestellte oder in die Schweiz, wo der Bundesrat mit der VÜPF-Revision gleich neun Millionen Menschen unter Generalverdacht stellt. Baden-Württembergs Innenminister will die Verhaltensscanner bereits mit Echtzeit-Gesichtserkennung und Stimmerkennung koppeln. Die Berliner Innensenatorin verspricht heute, das Gesicht bleibe unerkannt. Die Betonung liegt auf heute.
Baumwolle gegen Beton
Auf der einen Seite ein Staat, der Millionen in 8K-Panoramakameras, Edge-KI und einen Konzern mit monatelangem Datenleck in der Vita pumpt, auf der anderen ein Mensch, der ein T-Shirt anzieht und für die teure Maschine schlicht aufhört zu existieren. Das Hemd wird nicht ewig wirken, das schreibt sein Erfinder selbst aufs Etikett – mehr Ehrlichkeit, als jede Innenverwaltung je für ihre Kameras aufbrachte. Aber es beweist, was die Kameras eigentlich verbergen sollen: Die ganze Apparatur ist ein Kartenhaus aus Wahrscheinlichkeiten und wer das Kartenhaus kennt, benötigt zum Umblasen keine Sprengladung, sondern ein Muster. Der Bürger, der sich vor seinem eigenen Staat verstecken muss, ist der eigentliche Skandal, nicht das Hemd, das ihm dabei hilft. Peking liefert die Tarnkappe, Dortmund die Kamera und der Berliner zahlt beides, das eine per Steuer, das andere aus der eigenen Tasche. Berlin filmt seine Bürger rund um die Uhr, lässt sie von einem Konzern als Trainingsfutter verwerten – und nennt dies «Kalibrierungsphase»!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







