Wem gehört die Macht im Zeitalter von KI und Cloud? Dem Stimmbürger, der brav an die Urne trottet, gehört sie jedenfalls nicht. Sie gehört drei Konzernen, die keine einzige Fabrik deines Landes besitzen müssen, um es an der Leine zu führen. Amazon, Microsoft und Google vermieten die Rechenzentren, auf denen Forschung, Verwaltung und Wirtschaft laufen. Und wer mietet, gehorcht.
Die Ökonomin Cecilia Rikap vom University College London hat dem Phänomen ein ganzes Buch gewidmet. «The Rulers» erschien im August 2026 und stützt sich auf 112 Interviews in den grössten Konzernen der Welt. Ihre These: Diese Firmen sind keine Unternehmen mehr, sondern politische Akteure und Wirtschaftsplaner, die niemand gewählt hat und niemand abwählen kann.
Gemeinsam forschen, allein kassieren
Das Prinzip ist so simpel wie genial. Man besitzt nicht mehr die Kuh, man besitzt den Melkstand. Universitäten, Startups, öffentliche Labore und chinesische Hochschulen forschen fleissig mit, schreiben Aufsätze, liefern Daten und Ideen. Am Ende landet das Ergebnis im Patentregister – mit exakt einem Eigentümer. Rikap hat das nachgezählt und 2024 in einer begutachteten Studie festgehalten: Google, Amazon, Microsoft, Alibaba und Tencent teilten trotz Hunderter Forschungskooperationen höchstens 0,3 Prozent ihrer Patente mit irgendwem.
Dieselbe Studie zeigt, wer das Spielfeld der Spitzenforschung kontrolliert. Unter 6471 Organisationen aus 65 Ländern, die an den führenden KI-Konferenzen auftraten, sassen Google und Microsoft an den zentralsten Knoten des Netzes. Microsoft schliesst dabei die Lücke zwischen westlicher und chinesischer Forschung. Zwischen 2012 und 2021 trug fast jeder vierte Microsoft-Aufsatz mindestens einen Autor aus China, zu den Partnern zählte sogar die National University of Defense Technology, die der chinesischen Zentralen Militärkommission untersteht. Ohne Redmond gäbe es dieses globale Netz in dieser Form gar nicht. Das ist kein Wettbewerb mehr. Das ist ein Kolonialhandel mit Wissen als Rohstoff, bei dem die Eingeborenen den Doktortitel tragen.
Die Steckdose als Herrschaftsinstrument
Wer heute KI entwickeln, betreiben oder verkaufen will, benötigt Rechenleistung, Speicher und Schnittstellen. Diese Infrastruktur gehört drei Firmen. Im zweiten Quartal 2026 kontrollierten Amazon 28 Prozent, Microsoft 20 Prozent und Google 15 Prozent des weltweiten Cloud-Markts, so Synergy Research. Zusammen fast zwei Drittel eines Markts, der in einem einzigen Quartal 143,4 Milliarden Dollar umsetzte. Selbst Riesen wie Disney oder Walmart hängen laut Rikap am Tropf dieser Anbieter, sobald sie KI einsetzen wollen. Wer Weltkonzerne zu Untermietern degradiert, muss sich vor einem Gemeindeschreiber in Liestal nicht fürchten.
Rikap beschreibt die Macht dieser Position zweifach. Wer am Knotenpunkt sitzt, kann abdrehen. Und wer am Knotenpunkt sitzt, sieht alles, was durchfliesst – welche Firma was rechnet, wann, wie viel und mit wem. Der Vermieter liest beim Mieter mit, ganz legal und mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dass eine einzige Softwarefirma mittlerweile vom Steueramt bis zum NATO-Gefechtsstand in den Datenbanken des Westens sitzt, ist kein Ausrutscher dieser Entwicklung. Es ist ihr Geschäftsmodell. Planwirtschaft war gestern ein Schimpfwort. Heute heisst sie Abonnement.
Das grosse Absaugen der Köpfe
Damit der Melkstand läuft, benötigt er Melker. Der Staat bezahlt jahrzehntelang Grundlagenforschung, finanziert Universitäten und bildet Doktoranden aus. Dann kommt der Konzern mit dem Scheckbuch. 2011 ging laut Stanfords AI Index noch ein ähnlich grosser Teil der neuen KI-Doktoren in Nordamerika an die Hochschulen wie in die Industrie, rund 41 Prozent hier wie dort. 2022 wanderten bereits 70,7 Prozent in die Privatwirtschaft ab, nur noch 20 Prozent blieben in der Wissenschaft. Am Londoner Buchstart vom 29. September sass ausgerechnet Mariana Mazzucato mit auf dem Podium, Gründungsdirektorin des Instituts, an dem Rikap forscht. Seit Jahren zerlegt sie das Märchen vom genialen Garagengründer. Der Steuerzahler bezahlt die Ausbildung, der Aktionär kassiert die Dividende. Im Silicon Valley nennt man das Unternehmergeist.
Die Schweiz mietet sich ihre Abhängigkeit
Und die stolze Eidgenossenschaft? Sie hat ihre Bundesverwaltung freiwillig an die Leine gelegt. 2022 vergab der Bund Public-Cloud-Verträge mit einem Kostendach von 110 Millionen Franken an Amazon, Microsoft, Oracle, IBM und Alibaba, vorwiegend wegen des Preises. Rund 61 Millionen sind seither abgerufen und die Verträge laufen nach der Verlängerung bis maximal August 2031. Google ging leer aus und klagte, ein Bürger zog gegen den Bezug bei ausländischen Anbietern überhaupt vor Gericht. Gestoppt hat es niemand. Neutralität mit Rechnungsadresse in Seattle, Redmond und Hangzhou.
Was das bedeutet, regelt kein Bundesrat, sondern Washington. Der CLOUD Act von 2018 verpflichtet US-Anbieter, Daten herauszugeben, egal wo auf der Welt sie liegen. Wie das in der Praxis klingt, hat Microsoft France am 10. Juni 2025 unter Eid vor dem französischen Senat erklärt: Garantieren könne man nicht, dass Bürgerdaten ohne Zustimmung der Behörden nie in die USA flössen. Es sei bloss noch nie geschehen. Bern versichert derweil, sensible Daten kämen nicht in die fremden Wolken. Wer schon gesehen hat, wie der Bund mit AHV-Nummern und Pensionskassendaten umgeht, schläft bei diesem Versprechen ausgezeichnet.
Mieter ohne Kündigungsrecht
Rikap träumt von demokratischer Planung, von Technik für Menschen statt für Aktionäre. Der Gedanke ehrt sie. Nur hat das Projekt einen Haken: Die Infrastruktur, auf der man es diskutieren müsste, gehört bereits den Angeklagten. Euch wird nichts gehören war nie eine Drohung, sondern eine Produktbeschreibung. Wem die Macht gehört, beantwortet sich darum mit einer Gegenfrage: Wem gehört das Rechenzentrum, auf dem deine Behörde, deine Universität und deine Überwachung laufen? 1291 schworen sich die Eidgenossen, keine fremden Vögte zu dulden. 2022 haben sie die Vögte per Ausschreibung bestellt. Früher benötigte man für eine Besatzung Panzer, heute genügt ein Rahmenvertrag mit Kostendach. Wer den Stecker besitzt, benötigt kein Parlament – er braucht nur Kunden, die vergessen haben, dass sie Bürger waren!










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