Ein Rüstungskonzern des Bundes zahlt Erpressern Lösegeld, die Pensionskasse des Bundes verliert AHV-Nummern, Löhne und Familienstand ihrer Mitglieder an Unbekannte und der Justizminister erklärte die neue digitale Identität vor der Abstimmung für «zu 99 Prozent» sicher. Das fehlende Prozent bist du. Digitalisierung heisst in Bern nicht, dass der Staat deine Daten hütet. Sie heisst: Er sammelt sie ein, weil er es darf. Er verliert sie, weil er es nicht kann. Für das Einsammeln entstehen laufend neue Paragrafen, für das Verlieren haftet nie jemand. Und als das Volk über die E-ID abstimmte, warb ein mehrheitlich bundeseigener Konzern mit seinem Geld für das Ja.
Lösegeld aus der Bundesschatulle
Am 9. und 10. Oktober 2025 knackte die Erpresserbande Akira die Systeme der RUAG LLC in Virginia und zog Daten ab. Die Firma ist die US-Tochter des bundeseigenen Rüstungskonzerns. Der Konzern zahlte. Verwaltungsratspräsident Jürg Rötheli verkündete im Juni bei SRF, man habe «einen kleinen Betrag» überwiesen und sämtliche Daten wiederbekommen. Wiederbekommen. Als gäbe eine Diebesbande eine Kopie zurück wie ein ausgeliehenes Velo und löschte das Original danach aus Anstand. Entschieden wurde nach Rücksprache mit US-Rechtsexperten, nicht mit dem Eigner: Das VBS erfuhr von der Zahlung erst hinterher. Seine Untersuchung kam im August zum erwartbaren Ergebnis: Keine Anhaltspunkte für eine Rechtsverletzung, politische Interessen seien «zu wenig berücksichtigt» worden, weitergehende Massnahmen unnötig. Im selben Papier empfiehlt der Bund allen anderen, Erpressern kein Lösegeld zu zahlen. Für den Bürger gilt die Regel, für den Bundesbetrieb die Ausnahme.
Publica: Die Rente ist sicher, dein Lohnausweis nicht
Am 8. Oktober 2026 musste die Pensionskasse des Bundes einräumen, dass ihr Softwarelieferant PK Softech aus Reinach Ende September gehackt wurde und Daten abgeflossen sind. Die Firma bedient die Publica seit 2017, Auftragsvolumen 12,6 Millionen Franken. Was vermutlich weg ist, liest sich wie der Einkaufszettel eines Identitätsdiebs: Name, Geburtsdatum, AHV-Nummer, Adresse, private Telefonnummer, Lohn, Vorsorgeguthaben, Zivilstand und Angaben zum Partner. Im Bestand stehen rund 66’000 aktive Mitglieder und 40’000 Rentner einer Kasse mit 44,9 Milliarden Franken Bilanzsumme, deren Herzstück ein externer Zulieferer betreibt. Die Publica beruhigt, die Vorsorgegelder selbst seien sicher. Das tröstet ungefähr so wie der Hinweis, der Einbrecher habe den Tresor stehen lassen und bloss Schlüssel, Adressbuch und Familienalbum mitgenommen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt. Einen Tag später wurde bekannt, dass auch die Kassen von Migros, Post und Syngenta sowie zwei Berner Vorsorgeeinrichtungen prüfen, ob bei ihnen Daten abgeflossen sind. Zusammen zählen sie mehr als 180’000 Mitglieder.
Das Leck ist kein Unfall, es ist das Betriebssystem
Neu ist daran genau gar nichts. 2023 erbeutete die Erpressergruppe Play beim Bundeslieferanten Xplain Daten, rund 65’000 Dokumente der Bundesverwaltung landeten im Darknet, davon etwa 5000 mit Personendaten, klassifizierten Informationen und Passwörtern, vorwiegend aus Justiz und Polizei. Monate später traf es die Basler Concevis, zu deren Kunden sechs Bundesämter zählten. Das Muster bleibt: Der Staat sammelt, ein Zulieferer lagert, ein Fremder kopiert und die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt. Gründe, staatlichen Systemen zu misstrauen, gab es schon vorher genug. Auch Geheimdienste bedienen sich. Die USA bieten zehn Millionen Dollar für den Chinesen Zhang Yu, der im Auftrag des Pekinger Staatssicherheitsministeriums COVID-Forschung amerikanischer Universitäten gestohlen haben soll. Sein mutmasslicher Komplize Xu Zewei wurde in Mailand gefasst und im April 2026 an die USA ausgeliefert. Allein die Hafnium-Kampagne, die ihnen zur Last gelegt wird, soll über 12’700 US-Ziele kompromittiert haben. Staaten hacken Staaten. Ausgerechnet Bern soll der Einzige sein, der dichthält?
Gebaut gegen dich, nicht für dich
Wozu also der Eifer? Die Antwort liefert die Art, wie die E-ID durchgeboxt wurde. Am 28. September 2025 sagten 50,39 Prozent Ja, 1’384’549 gegen 1’363’283 Stimmen, nur 7,5 Stände zogen mit. Kurz davor wurde bekannt, dass die zu 51 Prozent bundeseigene Swisscom der Ja-Kampagne 30’000 Franken überwiesen hatte. Das Bundesgericht liess die Beschwerde dagegen an der Frist scheitern, gerechnet ab einer Veröffentlichung auf einer Plattform der Finanzverwaltung, die laut einem Richter kein Mensch kennt. Konzerngeld des Bundes für die Bundesvorlage, Stoppuhr für die Kläger. Die Gegner hatten gewarnt, das Wort «freiwillig» komme im ganzen Gesetz nicht vor. Dieser Blog hatte die E-ID schon vor der Abstimmung als Freifahrtschein für Überwachung beschrieben.
Parallel wollte das Justizdepartement per Verordnung, also am Parlament vorbei, Kommunikationsdienste ab 5000 Nutzern stärker einspannen, grössere zur Identifikation ihrer Kunden und sechs Monaten Datenspeicherung verpflichten. Proton drohte mit dem Wegzug. Im Februar 2026 schickte der Bundesrat den Entwurf in eine zweite Vernehmlassung. Verworfen ist er nicht. Erst der Ausweis, dann die Pflicht, sich auszuweisen: Anonymität stirbt per Systemvoraussetzung und die digitale Identität ist das Scharnier, an dem die Überwachung hängt.
Verschoben heisst nicht verschont
Den Rest erledigt die Wirklichkeit. Die Finanzkontrolle hielt im Dezember 2025 fest, die Transportverschlüsselung der E-ID reiche nicht in allen Fällen aus. Im Februar 2026 fehlten nach einer Budgetkürzung 1,7 Millionen Franken, die Anbindung an internationale Systeme fiel vorerst weg und auf die App wurde ein AHV-Nummern-Filter geklebt. Ende Juni platzte der Starttermin vom 1. Dezember: Deepfakes und Schadsoftware seien gefährlicher als gedacht. Die Vertrauensinfrastruktur dahinter soll trotzdem 2027 laufen. Das Schloss ist nicht fertig, eingezogen wird trotzdem, die Sicherheit kommt später. Wer glaubt, das Netz ende beim Führerausweis, sollte nachlesen, wer ab 2027 über dein Geld entscheidet.
Der Staat verlangt von dir eine lückenlose Identität und bietet dafür eine lückenlose Unverantwortlichkeit. Über 100’000 gefährdete Vorsorgeakten, 65’000 Bundesdokumente, ein Lösegeld unbekannter Höhe und null Verantwortliche. Aktennotiz VBS: Kein Rechtsverstoss, Informationsfluss verbessern, Massnahmen unnötig, Fall erledigt. Das fehlende Prozent ist kein Rundungsfehler, es ist dein Name auf der nächsten Beuteliste!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







