Die Maschine weiss alles, nur nicht, wer sie bezahlt. Sie knackt angeblich Jahrhunderträtsel, tröstet Teenager und hört sich Geheimnisse an, die keiner Mutter je erzählt wurden. Der Prüfdienst, der sie kontrollieren soll, steht auf der Partnerliste eines Herstellers und gesteht, ohne jede Regel gegen Befangenheit gearbeitet zu haben, während derselbe Hersteller Millionen zahlt, um bei den Gesetzen mitzureden. Wer ihr vertraut, vertraut keiner Maschine. Er vertraut ihren Eigentümern, ihren Geldgebern und ihren Prüfern und die sitzen erstaunlich oft am selben Tisch.
Der Beichtstuhl mit Akku
Eine im November 2025 veröffentlichte Studie in JAMA Network Open befragte rund 1050 Amerikaner zwischen 12 und 21 Jahren. 13,1 Prozent holten sich seelischen Rat beim Chatbot, bei den 18- bis 21-Jährigen 22,2 Prozent, zwei Drittel davon mindestens einmal im Monat und 92,7 Prozent fanden die Antworten hilfreich, wie auch People meldete. Eine Folgeerhebung in JAMA Pediatrics misst für November 2025 bereits 19,2 Prozent. Laut Pew Research sucht jeder fünfte US-Bürger unter 30 beim Chatbot emotionalen Halt und YouGov zählt 23 Prozent der unter 30-Jährigen, die der Maschine ein Geheimnis anvertraut haben, das sie keinem Menschen erzählten. 18 Prozent der Jungen pflegen sogar eine fortlaufende Freundschaft mit einem Chatbot. Eine Generation, die das Denken längst an Mama und den Algorithmus ausgelagert hat, liefert nun auch das Seelenleben ab. Bleibt die Frage, wer am anderen Ende der Leitung sitzt.
Wunder auf Bestellung
Am 8. September verkündete OpenAI, eine Maschine habe eines der sieben Millenniumsprobleme der Mathematik gelöst, die Fachzeitschrift Nature berichtete. Rund 10’000 Rechenagenten liefen 88 Stunden lang. Begutachtet ist der Beweis nicht, das Clay-Institut hat ihn weder geprüft noch anerkannt, er stützt sich auf eine eigens zugelassene äussere Kraft und Fields-Medaillenträger Terence Tao bemängelt Antworten ohne Verständnis sowie eine Pressemitteilung statt offengelegter Fehlversuche. Wem das Wunder nicht genügt, dem hilft der Präsident. Donald Trump verkündete am 22. September vor der UNO-Vollversammlung, Washington nenne künstliche Intelligenz künftig «Super Intelligence», das klinge besser und sei genauer, so AFP. In derselben Rede schmetterte er jede internationale Aufsicht als globalistisches Schema ab. Klingt besser, ist genauer, benötigt keine Kontrolle. Dass dieselben Systeme im Alltag in fast jeder zweiten Antwort danebenliegen, stört die Umtaufe nicht.
Vom Moskitonetz zur Menschheitsrettung
Das Vertrauensgeschäft wurzelt in einer Bewegung namens Effective Altruism, deren Bewerter Malarianetze nach Kosten pro gerettetem Leben durchrechneten. Dann entdeckte ein Flügel die Ungeborenen kommender Jahrtausende. Zählen sie alle mit, wird schon die kleinste Gefahr durch künstliche Intelligenz zur Rechtfertigung fast jeder Massnahme. Nach dem 11. September galt unter Dick Cheney bereits eine Chance von einem Prozent als Gewissheit, wie PBS dokumentierte und das Waterboarding würde er sofort wieder anordnen. Die Geldmaschine der Bewegung ist die Stiftung Good Ventures von Facebook-Mitgründer Dustin Moskovitz und Cari Tuna, deren Beratungsarm Open Philanthropy sich im November 2025 in Coefficient Giving umbenannte.
Der Wohltäter mit Lobbybüro
Zu den frühen Geldgebern von Anthropic zählte Sam Bankman-Fried, einst Aushängeschild derselben Bewegung, dessen Börse FTX 500 Millionen Dollar einschoss. Die Firma verkauft sich als Gewissen der Branche und zahlte im Juli 2026 1,5 Milliarden Dollar für über 482’000 Bücher, die sie sich für ihr Training von Piratenseiten beschafft hatte. Nun spendet sie selbst: 20 Millionen Dollar im Februar und weitere 20 Millionen im Juli an die Lobbyorganisation Public First Action, ausdrücklich, weil man bei der Regelsetzung nicht an der Seitenlinie sitzen will. Ein Super-PAC namens Public First sammelte im ersten Halbjahr rund 4,9 Millionen Dollar. Dazu kommen 1,97 Millionen Dollar Lobbyausgaben allein im zweiten Quartal, rund 22’000 Dollar pro Tag und laut FEC-Auswertung über 880’000 Dollar Wahlkampfspenden der eigenen Belegschaft. Wer die Hürden der Regulierung mitbaut, kann sie sich am ehesten leisten.
Die Kasse ohne Absender
Kontrolliert wird das Ganze von METR, einem gemeinnützigen Prüfdienst, der 2023 aus dem Alignment Research Center ausgegliedert wurde und im August rund 71 Millionen Dollar an neuen Zusagen in sechs Monaten meldete, ohne Beträge pro Geldgeber zu nennen. Der Forscher Kevin Bass durchkämmte die Register und konnte nur 350’000 Dollar der Packard-Stiftung diesem Zeitraum zuordnen, rund 70,65 Millionen bleiben ohne Absender. Das einzige öffentliche Steuerformular weist für 2024 rund 9,1 Millionen von Spendern aus, deren Namen fehlen, weitere 4 Millionen kamen über einen Spendenfonds, der den eigentlichen Geber verschluckt.
Prüfer mit Hausausweis
Geld von KI-Firmen nimmt METR nicht, kostenlosen Rechenzugang sehr wohl und Anthropic führt den Prüfdienst auf seiner eigenen Transparenzseite als Partner für die externen Tests seines freiwilligen Regelwerks. Im Risikobericht vom Mai zu Anthropic, Google, Meta und OpenAI räumt METR ein, zu Beginn keine Richtlinie gegen Interessenkonflikte gehabt und keine Befangenheitsprüfung durchgeführt zu haben. Mindestens sechs Beteiligte pflegen enge persönliche Beziehungen zu Angestellten der Firmen, man arbeitet in einem Forschungszentrum, das auch Laborpersonal beherbergt und die Geprüften durften schwärzen und still aussteigen. Den eigenen Prüfstandard verfehlte man nach eigenem Eingeständnis. Selbst die Journalisten, die dir die Gefahr erklären, essen aus demselben Napf: Das Tarbell Center listet Coefficient Giving als Millionenspender und bezieht laut eigenen Standards den Grossteil seines Geldes von dort. So entsteht ein Konsens, den man schlicht kaufen kann.
Obama will die richtige Aufsicht
Barack Obama treibt das Thema seit Jahren. Schon im April 2022 verkündete er in Stanford, Regulierung müsse Teil der Antwort auf Desinformation sein, die Haftungsfreiheit der Plattformen gehöre überdacht und Washington solle sich mit der EUdSSR abstimmen. Seine Stiftung fordert eine öffentliche Regulierungsstruktur, weil niemand die Debatte «vertrauenswürdig» ordne. An einem Spendenanlass drängte er Hakeem Jeffries, die KI ins Zentrum zu rücken, sobald die Demokraten das Repräsentantenhaus zurückerobern und sprach laut TechCrunch zuvor mit Anthropic-Chef Dario Amodei. Wer 2028 ins Weisse Haus will, soll laut The Next Web einen KI-Plan vorlegen. Jeffries hatte schon im Dezember 2025 eine Parteikommission gegründet. Trump will keine Aufsicht, Obama will die richtige und beide reden mit denselben Konzernchefs.
Ausgeblendet statt gelöscht
Früher riss ein gelöschter Beitrag eine sichtbare Lücke, was WikiLeaks einmal veröffentlicht hatte, liess sich nicht mehr zurückholen und vor dem US-Kongress beschrieb Matt Taibbi den geregelten Strom von FBI-Anfragen an die Plattformen. Die Maschine lässt das Unerwünschte gar nicht erst entstehen, wie es Brüssel mit dem Digital Services Act vorexerziert: Eine Quelle wird nie genannt, eine Frage endet in einer Absage, ein umstrittenes Ereignis gilt als erledigt. Vertrauen in die Maschine heisst Vertrauen in jene, die ihr vorschreiben, was sie verschweigt. Die Maschine kennt jedes gestohlene Buch der Welt, aber nicht den Namen dessen, der ihren Prüfer bezahlt. Früher holte man sich Rat beim Pfarrer und wusste wenigstens, welcher Kirche er diente. Heute beichtet eine ganze Generation einem Produkt mit Lobbybudget und die Absolution erteilt, wer die Regeln schreibt!











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