Mama macht das Vorstellungsgespräch, der Praktikant lädt das PDF in ChatGPT und der Roboter wandelt freundlich winkend durchs Weisse Haus. Das ist 2026. Eine Generation, der man systematisch beigebracht hat, das Denken an Maschinen und an die eigenen Eltern auszulagern – und die nun ratlos vor der Erkenntnis steht, dass beide Dienstleister das eigene Leben nicht ersatzweise Mitleben können.
Wer das für Übertreibung hält, sollte die jüngsten beiden Beiträge des Substack-Blogs The AI Philosopher studieren. Michael Ashley hat darin zusammengefasst, wohin die Reise geht – und die Reise führt direkt in jenes Tal, vor dem nüchterne Beobachter seit zwanzig Jahren warnen, ohne dass es jemanden in den Bildungsministerien gestört hätte.
Wenn Mama mitkommt zum Bewerbungsgespräch
Newsweek meldet einen frischen Trend bei Gen-Z-Bewerbern: Sie bringen die Eltern mit. Eine Pollfish-Umfrage hat rund 1000 junge Bewerber befragt. Jeder Fünfte hatte Mama oder Papa im Schlepptau, als es um den ersten Job ging. Man stelle sich kurz die Szene vor – ein Personalchef sitzt einem erwachsenen Menschen gegenüber, daneben mütterliche Bestätigungs-Mimik und vielleicht noch ein väterlicher Daumen nach oben. Wer würde diesen Bewerber einstellen wollen? Niemand, der den Lohn aus eigener Tasche bezahlt.
Diese sogenannten Snowplow-Eltern räumen ihren Kindern jedes Hindernis aus dem Weg – Hausaufgaben, Konflikte, Bewerbungen, ganze Lebenslagen. Was die Generation Helikopter-Plus liebevoll als Fürsorge verkauft, ist in Wahrheit die systematische Demontage der einzigen Eigenschaft, die einen Menschen aus dem Kindheitsstatus entlässt: Die Fähigkeit, sich selbst durchzusetzen, eigene Fehler zu machen und daraus zu lernen.
Das KI-Wettrennen vor dem Yale-Seminar
Die zweite Front liegt in den Hörsälen der amerikanischen Elite-Universitäten. Eine Yale-Studentin namens Amanda erzählte CNN, dass die Seminardiskussionen flach und vorhersehbar geworden sind. Der Grund: Ihre Kommilitonen lassen sich vom Chatbot vordenken, was sie zu sagen haben. Eine andere Yale-Studentin, Jessica, beschreibt die Minuten vor Seminarbeginn als KI-Mad-Dash – jeder schiebt jedes PDF in ChatGPT, damit die Maschine das Lesen erledigt, das eigentlich die Studenten dem Hörsaal schulden würden.
Yale. Nicht irgendein lokales Community College, sondern jene Eliteschmiede, deren Diplom die sechsstelligen Anfangsgehälter rechtfertigen soll. Wenn dort der gedankliche Bankrott einsetzt, dann steht das gesamte Versprechen der akademischen Bildung als Werbeplakat ohne Inhalt da. Universitäten sollten Brutstätten des kontroversen, des unbequemen, des querdenkenden Diskurses sein – heute sind sie Liefertheken für KI-Konsens, mit Studiengebühren ausgepreist wie ein Sportwagen.
Edward Bernays als geistiger Pate der Bequemlichkeit
Was hier sichtbar wird, ist kein Unfall. Es ist das logische Endprodukt eines hundertjährigen Erziehungsexperiments. Edward Bernays, der Public-Relations-Architekt und ideologische Pate der Madison-Avenue-Maschine, hat das Geschäftsmodell des modernen Westens definiert: Verkaufe der Bevölkerung die Idee, dass Arbeit ein Übel sei, das man so weit wie möglich umgehen sollte. Konsumglück statt Selbsttätigkeit, Abkürzung statt Weg, Outsourcing statt Üben – und ganz nebenbei eine Konsumentenschicht, die alles kauft, was Bequemlichkeit verspricht.
KI ist die finale Stufe dieses Programms. Wozu noch lesen, wenn der Chatbot zusammenfasst? Wozu noch schreiben, wenn ChatGPT formuliert? Wozu noch denken, wenn der Algorithmus die plausibelste Antwort liefert? Das Versprechen lautet seit den 1920er-Jahren: Bequemlichkeit ist Glück. Das Resultat 2026: Eine Generation, die nicht einmal mehr eine eigene Idee generieren kann – wie Ashley aus seiner Zeit als College-Essay-Coach berichtet. Studenten, denen die Wortzahl-Anforderung von 850 auf 250 Wörter gesenkt wurde, scheiterten weiterhin am Schreiben. Nicht an der Technik – an der Imagination.
Wikipedia hoch zwei – die Halluzinations-Schlaufe
Dass diese digitale Bequemlichkeit nicht nur das Denken erspart, sondern auch noch falsche Antworten als wahr verkauft, ist die zweite Pointe der Geschichte. Wikipedia war seit Jahren der Goldstandard des gefilterten Konsens – inhaltlich von einer Handvoll Administratoren gelenkt, faktisch von gerichtsbekannten Editier-Kartellen kuratiert. Wer dort die offizielle Linie nicht teilt, wird wegrevertiert, bevor die Tinte trocknet.
KI hat dieses Problem nicht behoben – sie hat es industrialisiert. Heute zitiert der Chatbot Wikipedia als Evangelium, mischt halluzinierte Details dazu und liefert das Resultat im selbstsicheren Predigerton aus. Wer fragt, bekommt nicht mehr Wissen, sondern die plausibelste Verpackung von Unwissen. Und weil Mama und ChatGPT gemeinsam alle Reibungspunkte aus dem Leben des jungen Menschen geräumt haben, fehlt ihm schlicht das mentale Werkzeug, einen Halluzinationsfehler überhaupt zu erkennen.
Und dann der Roboter, der für dich denkt und handelt
Während eine Generation lernt, dass Denken überflüssig ist, kündigt sich die nächste Eskalationsstufe an. NBC meldete, dass Melania Trump im Weissen Haus Seite an Seite mit Figure 03 spazierte – einem schwarz-weissen humanoiden Roboter, der die Anwesenden in mehreren Sprachen begrüsste und höflich winkte. Kim Kardashian präsentierte ihren neuen «Freund», den Tesla-Roboter, der ihr einen Handkuss zuwarf und den «Raise the Roof»-Tanz mimte. In chinesischen Städten patrouillieren laut Newsweek bereits KI-gestützte Robocops, ein Programm, das Xi Jinping in seiner Neujahrsansprache stolz präsentierte.
Was hier geschieht, ist Konditionierung im Reinformat. Erst lehrt man die Bevölkerung, ihrer eigenen Denkleistung zu misstrauen. Dann liefert man ihr freundlich winkende Maschinen, die für sie denken, handeln und am Ende auch konsumieren. Dass die First Lady persönlich Werbung macht für die Embodied-AI-Zukunft, ist kein PR-Unfall, sondern ein Public-Service-Auftritt im Auftrag der nächsten Konsumrunde. Kim Kardashian erledigt das gleiche Marketing für die Tesla-Zielgruppe, Xi erledigt es für die Überwachungs-Klientel. Verschiedene Bühnen, identisches Drehbuch.
Die Tech-Bro-Optimisten und ihr Kartenhaus
Ashley selbst gehört zur Optimistenfraktion – er sieht in der Embodied-AI-Welt eine Explosion neuer Berufsfelder, schwärmt von «Robots as a Service» und rät Eltern, ihre Kinder zu künftigen Unternehmern zu erziehen. Ein hübscher Gedanke, wenn nicht im selben Aufsatz die Pollfish-Daten stünden, dass diese Kinder Mama benötigen, um ein Vorstellungsgespräch zu überstehen.
Genau hier liegt der Bruch im optimistischen Narrativ. Wer der Jugend systematisch das Denken abnimmt, wer ihre Diskurse vom Algorithmus vorgekocht serviert, wer ihre Bewerbungen von Mama erledigen lässt, der erzeugt keine Unternehmer-Generation. Der erzeugt die folgsamste Konsumentenschicht der Geschichte – Abnehmer für die Robotik-Pakete der Tech-Konzerne. RaaS ist kein Unternehmertums-Modell, RaaS ist ein Abo-Modell. Und die zahlende Seite ist genau jene Generation, die niemand mehr als selbstständige Marktteilnehmer betrachten kann.
Das geplante Endprodukt
Was sich hier vollzieht, ist kein Versagen des Bildungssystems, kein Unfall der Technologiegeschichte und keine bedauerliche Nebenwirkung der Digitalisierung. Es ist das geplante Endprodukt: Eine Generation, die das Denken nie gelernt hat, weil das Denken in der vollautomatisierten Welt von morgen ohnehin nicht mehr benötigt wird. Mama füllt das Bewerbungsformular aus, ChatGPT schreibt den Lebenslauf, Figure 03 erledigt den Job und am Ende kassiert das gleiche Silicon-Valley-Kartell, das vor zwanzig Jahren die Smartphones verteilt hat. Der Konsument wird gehalten, betreut und versorgt – dafür darf er nicht mehr selbst denken, das hätte ja Risiken für die Geschäftsbilanz. Bernays hätte applaudiert, der hatte das ganze Drehbuch schon 1928 geschrieben.
Wer die Eltern in die Bewerbungsgespräche der eigenen Kinder schickt, der nennt dies «Familienförderung». Wer die KI in die Seminardiskussion einschleust und die Studenten zu Echo-Kammern degradiert, der nennt dies «Bildung». Wer einer ganzen Generation das Denken austreibt und am Ende den Roboter liefert, der für sie denkt und handelt, der nennt dies «Fortschritt»!









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