Der öffentliche Intellekt ist tot. Niemand hat ihn erschossen, niemand hat seine Bücher verbrannt, kein Tribunal hat ihn mundtot gemacht. Er wurde wegrationalisiert – von einer Maschine, die sein einziges Kapital, das Wissen, zur Ramschware degradiert hat. Intelligenz gibt es heute im Monatsabo, geliefert in Sekunden, höflich formuliert und auf Wunsch erklärt wie für einen Sechsjährigen.
Was jahrhundertelang als härteste Währung galt, liegt nun im digitalen Wühltisch. Und eine Gesellschaft, die Wissen nicht mehr bestaunen muss, hört irgendwann auf, die Wissenden zu bestaunen.
Als Denken noch Eintritt kostete
Es gab eine Epoche, in der Linguisten Hörsäle füllten und Romanautoren behandelt wurden wie Rockstars. Wer Marx gegen Rand abwägen konnte, galt als gebildet und wer im Studentenwohnheim Kerouac zitierte, als interessant. Der Grund war banal: Wissen war knapp. Wer etwas nicht wusste, fuhr in eine Bibliothek, bestellte Fernleihen oder kannte jemanden, der es wusste. Ein Jurist wälzte acht Stunden Präzedenzfälle, ein Student fotokopierte sich durch Zettelkästen, ein Journalist telefonierte sich die Finger wund. Diese Knappheit erzeugte Ehrfurcht. Der Denker war ein Hochleistungssportler des Geistes, sein vollgestopfter Schädel ein Vermögen, sein Bücherregal eine Machtdemonstration. Dann kam die Suchmaschine und erledigte die Quizfrage. Dann kam der Chatbot und erledigte den Rest. Heute klingt jeder Praktikant nach Professor, wenn er die richtige Eingabezeile bedient – und genau deshalb klingt der Professor nach nichts Besonderem mehr. Den freigewordenen Sendeplatz des öffentlichen Intellekts hat der Influencer übernommen, der keine Bücher liest, sondern Reichweite bewirtschaftet – und der seine Thesen nicht mehr verteidigen muss, weil der Algorithmus ohnehin nur Zustimmung ausspielt.
Die Zahlen lesen die Grabrede
Wer den Leichnam besichtigen will, benötigt nur die Statistik. Eine im Fachjournal «iScience» publizierte Langzeitauswertung von mehr als 236’000 Amerikanern zeigt: Der Anteil der Menschen, die an einem gewöhnlichen Tag zum Vergnügen lesen, fiel zwischen 2003 und 2023 von rund 28 auf 16 Prozent – ein Minus von 40 Prozent in zwei Jahrzehnten, Hörbücher und E-Reader bereits grosszügig mitgezählt.
Die Universitäten liefern das Begleitprogramm: Der Anteil geisteswissenschaftlicher Bachelor-Abschlüsse an US-Hochschulen sank binnen zehn Jahren von 16,8 auf 12,8 Prozent und eine Erhebung der American Academy of Arts and Sciences meldet, dass mehr als ein Drittel der Institute allein zwischen 2020 und 2023 weiter schrumpfende Einschreibungen verzeichnete. Philosophie, Geschichte, Literatur: Die Fächer, die einst den öffentlichen Intellekt hervorbrachten, werden abgewickelt wie defekte Filialen einer Warenhauskette – leise, verwaltungstechnisch sauber und ohne dass jemand eine Schweigeminute einlegt.
Wissensarbeit im Ausverkauf
Der Tod ist nicht nur kulturell, er ist ökonomisch messbar. Eine Stanford-Studie auf Basis der Lohndaten von Millionen Beschäftigten stellt fest: In den am stärksten KI-exponierten Berufen – Softwareentwicklung, Buchhaltung, Kundendienst – brach die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um rund 13 Prozent ein, während die Älteren in denselben Jobs verschont blieben. Die Maschine frisst zuerst das kodifizierte Buchwissen, das sich Berufseinsteiger an Universitäten teuer zusammengekauft haben. Erfahrung schützt vorerst noch, das Diplom nicht mehr. Selbst die Experten, die noch im Sattel sitzen, erleben die Degradierung im Alltag: Anwälte berichten von Mandanten, die mit maschinell erstellten Verträgen anrücken und nur noch ein Gegenlesen verlangen – aus dem hochbezahlten Berater wird der Korrekturleser einer Maschine. Genau jene Bildung, die den Wissensarbeiter unersetzlich machte und dem Intellekt seine Aura verlieh, ist zum Massenprodukt geworden. Dass damit auch ein Geldsystem ins Rutschen gerät, das seit Jahrtausenden auf menschlicher Arbeitsleistung beruht, habe ich an anderer Stelle seziert.
Beethoven aus dem Automaten
Wohin die Reise geht, führt die Musik vor – seit jeher der Frühwarnkanal jeder Kulturverwahrlosung. Früher war grosse Musik knapp: Wer Beethovens Neunte hören wollte, sass in einem Konzertsaal, nicht vor einem Knopf. Heute liefert der Streamingdienst Deezer den Endstand: Rund 75’000 der täglich angelieferten Tracks sind komplett KI-generiert, 44 Prozent aller Neuzugänge.
Gehört werden sie praktisch nicht – sie machen gerade einmal ein bis drei Prozent der Streams aus und 85 Prozent dieser Streams stuft die Plattform als Betrug ein und entzieht ihnen das Geld. Während die synthetische Flut anschwillt, stagniert die Zahl menschlich produzierter Einreichungen auf der Plattform seit über einem Jahr nahezu vollständig. Eine Flut von Inhalten, die niemand verlangt hat, produziert von niemandem, gestreamt von Klickrobotern für Klickroboter. Das ist die Blaupause für den Geist: Unendliches Angebot, verdampfter Wert und Betrug als letztes funktionierendes Geschäftsmodell.
Grabrede ohne Trauergemeinde
Bleibt die Frage, was aus einer Gesellschaft wird, die das Denken abgegeben hat wie einen Mantel an der Garderobe. Was die Maschine mit dem Menschen anstellt, der sich ihr widerstandslos ausliefert, habe ich bereits durchdekliniert und gut kommt der Mensch dabei nicht weg. Denn die Antwort auf die wirklich entscheidenden Fragen steht in keiner Datenbank und lässt sich auch nicht in Nanosekunden abrufen. Sie betrifft nicht Information, sondern Urteilskraft und Urteilskraft war schon immer das Einzige, was den Intellekt vom Stichwortgeber unterschied. Der Hörsaal ist leer, die Bibliothek ein Coworking-Space, der Essay ein Prompt. Die Gesellschaft, die einst ihre Denker feierte, wischt deren Lebenswerk heute in drei Sekunden aus einem Chatfenster. Und wenn eines Tages niemand mehr eine Frage formulieren kann, auf die noch keine Maschine trainiert wurde, schreibt der Chatbot eben auch den Nachruf – fehlerfrei, höflich und in Sekunden geliefert. Eine Zivilisation hat das Denken wegrationalisiert – und nennt dies «Demokratisierung des Wissens»!










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