Stell Dir eine Halle vor, in der Roboter Larven wärmen, eine Künstliche Intelligenz die Männchen von den Weibchen sortiert und am Ende der Fertigungsstrasse Millionen Insekten in die Freiheit entlassen werden. Nicht als Drehbuch für einen schlechten Endzeitfilm, sondern mit behördlichem Segen über Kalifornien und Florida.

Silicon Valley lässt die Insekten frei: 32 Millionen Mücken aus Googles Labor

Hinter der Anlage steht keine Seuchenbehörde und keine Universität, sondern Alphabet, die Mutter von Google. Deren Lebenswissenschafts-Tochter Verily betreibt seit Jahren ein Vorhaben mit dem putzigen Namen Debug und die jüngste Ausbaustufe sucht die föderale Genehmigung, bis zu 32 Millionen im Labor gezüchtete Mücken auf zwei Bundesstaaten loszulassen. Man beruhigt uns sofort: Es seien selbstverständlich die guten Mücken.

Der Werbekonzern als Schöpfungsverwalter
Der Sprung ist grösser, als die handzahme Berichterstattung zugibt. Begonnen hat das Ganze 2017 als überschaubares Feldexperiment im kalifornischen Fresno, gut 20 Millionen Tiere über zwanzig Wochen, ausdrücklich nur, um Belege für die grössere Bühne zu sammeln. Die grössere Bühne ist jetzt da. Derselbe Apparat, der Suchergebnisse, Onlinewerbung, Kartendienste und die halbe Cloud beherrscht, will Mückenpopulationen im industriellen Massstab konstruieren. Verily hat dafür automatisierte Fabriken hochgezogen, die Millionen Insekten pro Woche ausspucken, eine Bilderkennung trennt die Geschlechter und Roboter überwachen die Brut. Dieselbe Art von Algorithmus, die entscheidet, welche Anzeige Du zu sehen bekommst, entscheidet hier, welches Insekt sich fortpflanzen darf. Wer Alphabets diskreteste Sparte für ein possierliches Forschungslabor hält, sollte einen Blick auf das übrige Geschäftsmodell des Hauses werfen, jenen Pharma- und Überwachungskonzern mit einer Suchmaschine als Fassade, den ich an anderer Stelle bereits seziert habe. Niemand hat Google gewählt, um das Ökosystem zu verwalten. Die Firma erledigt es trotzdem.

Silicon Valley lässt die Insekten frei: 32 Millionen Mücken aus Googles Labor

Die guten Mücken und warum sie tatsächlich funktionieren
Und jetzt der Teil, der beiden Lagern gleichermassen sauer aufstösst: Die Methode ist real und sie wirkt. Freigesetzt werden ausschliesslich Männchen, die nicht stechen, beladen mit dem natürlich vorkommenden Bakterium Wolbachia. Paart sich so ein Männchen mit einem Wildweibchen, schlüpfen die Eier nicht. Cytoplasmatische Inkompatibilität heisst der Trick und Gentechnik ist dabei ausdrücklich nicht im Spiel, was die wenigsten Alarmschläger zur Kenntnis nehmen. In Singapur hat ein zweijähriger, randomisierter Grossversuch das Dengue-Risiko um über siebzig Prozent gesenkt und die Mückenpopulation um achtzig bis neunzig Prozent. Das ist keine Behauptung aus einer Pressestelle, das steht im New England Journal of Medicine. Weil ausschliesslich sterile Männchen unterwegs sind, vermehrt sich das Eingesetzte nicht selbst weiter, die Wirkung verpufft ohne Nachschub aus der Fabrik. Ein dauerhafter Eingriff ins Erbgut der Wildpopulation ist das gerade nicht. Wer all das pauschal wegwischt, macht es sich zu bequem.

Silicon Valley lässt die Insekten frei: 32 Millionen Mücken aus Googles Labor

Wo das Experiment tatsächlich entgleiste
Womit wir beim eigentlichen Treppenwitz wären. Die Empörungsmaschine verrührt Google, Bill Gates und einen geplanten Untergang der Menschheit zu einem einzigen Brei und übersieht dabei genau die Stelle, an der es wirklich krachte. Das war nicht Wolbachia, das war die Gentechnik-Variante. Der Unterschied ist kein Detail: Die eine Methode macht Männchen unfruchtbar, die andere schreibt das Erbgut um und schickt es in die Natur. Die von der Gates-Stiftung mitfinanzierte Firma Oxitec liess im brasilianischen Jacobina hunderttausende gentechnisch veränderte Mücken mit eingebautem Letalgen frei, deren Nachwuchs eigentlich sterben sollte. Tat er nicht: Eine Yale-Studie im Fachblatt Scientific Reports wies nach, dass Erbgut der Laborstämme in die Wildpopulation wanderte, je nach Messung trugen zehn bis sechzig Prozent der einheimischen Mücken plötzlich Oxitec-Gene. Weibchen, die eigentlich gar nicht hätten existieren dürfen, gerieten mehrfach versehentlich in die Freisetzung. Ein Gesundheitsrisiko für Menschen fand sich nicht, aber die beruhigende Ansage «die sterben ohnehin alle» war schlicht falsch. Derselbe Geldgeber lobt derweil Anlagen, die mehr als 30 Millionen Mücken pro Woche ausstossen und sein World Mosquito Program kippt seit Jahren ganze Schwärme über Lateinamerika, Afrika und Asien aus.

Warum kein Mensch mehr glauben mag
Genau hier liegt der wunde Punkt, den weder die Hochglanz-Pressetexte noch die Weltuntergangs-Prediger sauber treffen. Wir leben in der Ära des kollabierten Vertrauens und die Verantwortung dafür tragen nicht die Skeptiker. Behörden hielten während Corona zurück, was nicht ins Bild passte, Pharmakonzerne erhielten Haftungsfreistellungen, von denen jedes normale Unternehmen träumt und Regulierer wechseln durch Drehtüren in genau die Branchen, die sie eigentlich kontrollieren sollten, um danach für dieselben Konzerne die Genehmigungen abzunicken. DDT galt einst als Wunder, bevor man es verbot. Ganze Flüsse wurden im Namen des Fortschritts vergiftet und jede Generation bekommt versichert, die Fachleute hätten alles im Griff, bis Jahre später das Unvorhergesehene eintrifft. Es ist dasselbe Muster wie überall: Kaum wird ein Problem sichtbar, halten die Technokraten die Lösung schon bereit, am liebsten eine, die sich patentieren, skalieren und von oben verordnen lässt.

Die Frage ist nicht, ob Mücken Krankheiten übertragen. Das tun sie, millionenfach. Die Frage ist, warum ausgerechnet eine nicht gewählte Konzernmacht, die ihr Geld mit Aufmerksamkeit und Daten verdient, festlegen soll, welche Lebewesen auf diesem Planeten in welcher Zahl existieren dürfen.

Die guten Mücken stechen nicht, das stimmt sogar. Was sticht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der ein Werbekonzern sich zum Verwalter der Schöpfung ernennt und das Ganze «Debugging» nennt. Wir sollen einer Industrie vertrauen, deren letzte grosse Beruhigungspille sich in der Wildnis munter weitervermehrt, statt brav zu sterben. Und während die einen blind applaudieren und die anderen blind Alarm schlagen, baut Silicon Valley in aller Ruhe die Fabrik, die entscheidet, was lebt – und nennt das Fortschritt!

Silicon Valley lässt die Insekten frei: 32 Millionen Mücken aus Googles Labor

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