George Orwell benötigte für seinen Big Brother noch ein ganzes Wahrheitsministerium, Teleschirme in jeder Wohnung und eine Gedankenpolizei. Die Gegenwart erledigt das mit einem Start-up, das sich ausgerechnet «Flock» nennt – die Herde. Eine Firma mit Herdennamen verkauft der Herde die Kameras, mit denen die Herde überwacht wird und die Herde bezahlt das Ganze auch noch aus eigener Tasche: Über Gemeindebudgets, Quartiervereine und Firmenparkplätze. Big Brother ist kein Diktator mehr. Er ist ein Abo-Modell mit freundlichem Kundendienst.

Flock: Die Herde kauft sich ihren eigenen Big Brother

Flock Safety, gegründet in Atlanta und gemästet mit dem Geld der grössten Silicon-Valley-Investoren, betreibt in den USA das wohl dichteste private Überwachungsnetz der westlichen Welt: Rund 120’000 schuhkartongrosse Kameras in mehr als 6000 Gemeinden, die pro Monat etwa 20 Milliarden Kennzeichen erfassen. Die Kästchen fotografieren jedes vorbeifahrende Auto, lesen das Kennzeichen, speichern Zeit, Ort, Marke, Farbe und Karosserieform. Verkauft wird das als Verbrechensbekämpfung. Gekauft wird es von Polizeibehörden, Eigenheimbesitzer-Vereinigungen und Einkaufszentren, die alle glauben, sie würden sich Sicherheit anschaffen. Tatsächlich schaffen sie ein durchsuchbares Bewegungsprofil von jedem, der ein Auto besitzt. Also von praktisch allen.

Der Wochenendausflug als Verdachtsmoment
Wie das in der Praxis aussieht, führt der Fall eines Mannes aus Wisconsin vor. Die Polizei stellte über das Flock-Netz fest, dass sein Wagen regelmässig nach Michigan fährt – wo Cannabis legal ist – und wieder zurück nach Wisconsin, wo es das nicht ist. Diese Fahrten über die Bundesstaatsgrenze wurden in der Anklageschrift als Teil der Begründung für einen hinreichenden Tatverdacht aufgeführt: Michigan sei ein «bekannter Herkunftsstaat für Marihuana, da es dort legal ist». Man liess ihn also gezielt abfangen, durchsuchte den Wagen und verurteilte ihn am Ende einzig wegen Cannabisbesitzes. Nicht erratisches Fahren, kein Zeugenhinweis, keine Ermittlung – eine Datenbankabfrage über sein Reiseverhalten genügte, um aus einem legalen Einkauf im Nachbarstaat einen Durchsuchungsgrund zu konstruieren. Wer glaubt, das bleibe bei Gras stehen, darf gerne durchdeklinieren: Fahrten zur Abtreibungsklinik, zur Moschee, zur Demo, zum Parteitag der falschen Partei. Die Infrastruktur fragt nicht nach dem Delikt. Sie liefert das Muster und das Delikt wird nachgereicht.

Flock: Die Herde kauft sich ihren eigenen Big Brother

Die Hirten hüten vorwiegend ihre Ex-Freundinnen
Und wer bedient dieses Wundernetz? Menschen. Genauer: Beamte mit Login und Privatleben. Die Washington Post hat Polizei- und Gerichtsakten ausgewertet und kam auf mindestens 50 Gesetzeshüter, die beschuldigt oder angeklagt wurden, Kennzeichenscanner für private Zwecke missbraucht zu haben – in 26 Fällen ging es um das Ausspionieren von Ehefrauen, Freundinnen, Ex-Partnerinnen oder Frauen, die man gerne kennengelernt hätte. In 46 dieser Fälle lief die Schnüffelei über Flocks System, der Rest über die Konkurrenzprodukte von Axon und Motorola. Ein Polizeichef aus Georgia fragte die Kennzeichen seiner Ex-Freundin und ihrer Tochter rund 600 Mal ab, ein Kollege aus Kansas lauerte seiner Ex sogar persönlich auf, nachdem die Datenbank sie verraten hatte. Als Suchgrund tippte man schlicht «Ermittlung» ins Formular. Das System nickte. Genau das ist der Punkt, den jede Überwachungsdebatte verschämt umkurvt: Die Frage ist nie, ob eine Datenbank missbraucht wird. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis der Missbrauch auffliegt – meist erst, wenn das Opfer die Abfrageprotokolle selbst anfordert. Dass Schweden gerade denselben Weg beschreitet und sich mit Kameras und Ausnahmebefugnissen in den Überwachungsstaat flüchtet, macht die Sache nicht besser. Es macht sie nur europäischer.

Sieben Tage Ablass
Flock reagierte auf den Skandal, wie Konzerne immer reagieren: Mit einer Pressemitteilung. Man werde die Standardspeicherfrist von 30 auf 7 Tage senken und strengere Kontrollen einführen, beteuerte die Firma, der Chef persönlich versicherte: «Wir sind nicht Big Brother.» Natürlich nicht. Big Brother hätte für 120’000 Kameras Steuergelder und Zwang gebraucht. Flock benötigt nur einen Vertriebskatalog. Zur Ehrlichkeit gehört: Gesichtserkennung setzt das Kennzeichensystem nach Firmenangaben nicht ein und identifiziert weder Fahrer noch Beifahrer. Nur ändert das nichts am Kern – ein Auto, das jeden Morgen vor deinem Haus startet, ist deine Person. Wer seine Route kennt, kennt dein Leben.

Flock: Die Herde kauft sich ihren eigenen Big Brother

Die Herde bekommt ihren Hirten mit Datenbank
Das eigentliche Endspiel läuft derweil eine Etage höher. Die New York Times berichtete, die Trump-Regierung habe Palantir quer durch die Bundesbehörden ausgerollt, um Daten über Amerikaner zusammenzuführen – von Bankverbindungen über Studienschulden bis zu Krankenakten. Palantir dementiert eine Master-Datenbank und beide Lager haben recht: Es gibt keinen Vertrag mit der Aufschrift «Totalüberwachung». Es gibt nur Behörden, die dieselbe Software einführen, mit der sich alles verknüpfen liesse. Wer Palantirs Griff nach dem Westen verfolgt hat, weiss: Man baut keine Käfige, man baut Schnittstellen. Kombiniere die Bewegungsdaten der Herde mit den Verwaltungsdaten des Staates und du hast das, was China Sozialkredit nennt – nur privatwirtschaftlich organisiert, mit besserem Marketing und ohne lästige Gesetzgebung.

Am Ende bleibt die bitterste Pointe im Firmennamen selbst: Eine Herde benötigt keinen Big Brother, der sie unterwirft – sie kauft ihn sich als Sicherheitslösung, montiert ihn an den Ortseingang und lobt die schnelle Lieferung. Der Wolf muss nicht mehr in den Stall einbrechen, die Schafe haben ihm einen Wartungsvertrag angeboten. Jede Kamera, die heute «nur Kennzeichen» liest, ist der Sockel für das System, das morgen deinen Aufenthaltsort mit deiner Steuerakte verheiratet. Und die Herde blökt zufrieden, denn sie hat ja nichts zu verbergen – bis ein Beamter mit gebrochenem Herzen ihre Route abfragt und ein Algorithmus ihre Wochenendfahrt zum Tatverdacht erklärt. Überwachung wird nicht mehr angeordnet, sie wird abonniert – und die Herde nennt dies «Sicherheit»!

Flock: Die Herde kauft sich ihren eigenen Big Brother

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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