Die Kornkammern der Welt versagen im Gleichschritt. In Nebraska und Iowa ersäuft die Ernte im Rekordregen, in Frankreich ist der Mais verdorrt, am Schwarzen Meer liegen die Getreidehäfen Russlands und der Ukraine still und der Dünger steckt hinter der Strasse von Hormus fest. Wer da an Pech glaubt, hat 2015 nicht hingeschaut: Damals spielten eine Denkfabrik, ein Umweltverband und zwei Lebensmittelkonzerne in Washington genau diese Weltlage durch, Jahrzehnt inklusive. Elf Jahre später läuft das Szenario in Echtzeit und die Rechnung landet an der Kasse, nicht im Konferenzsaal.
Iowa säuft ab, Nebraska schwimmt
Im Mittleren Westen regnet es, als hätte jemand den Hahn abgebrochen. Lincoln in Nebraska verbuchte mit rund 290 Millimetern den nassesten September seiner Messgeschichte, am 30. September fielen am Flughafen an einem einzigen Tag 156 Millimeter, rund 18 Millimeter mehr als der bisherige Tagesrekord vom August 1910. Iowa kam landesweit auf rund 200 Millimeter und damit auf einen der fünf nassesten September, der Osten des Staates brach den Rekord. In einer Berichtswoche blieben in Iowa gerade 1,7 Tage für die Feldarbeit, Agronomen warnen vor umknickenden Stängeln, abfallenden Kolben und verfallender Kornqualität. Farmer zeigen schimmelnde Bohnen und Kolben, die noch am Stängel auskeimen. Wer jetzt drischt, drischt nasses Korn, wer wartet, verliert die Kolben. Dabei war die Ernte schon vorher angezählt. Washington kappte im September die Maisprognose auf rund 400 Millionen Tonnen, 7 Prozent unter Vorjahr. Beim Weizen steuern die USA auf ein Minus von 26 Prozent zu, die kleinste Ernte seit 1970/71.
Europa verdorrt, das Schwarze Meer ist zu
Europa wollte in Amerika einkaufen, was die Hitze verbrannt hat. Der Händlerverband COCERAL senkte seine Getreideprognose für EU und Grossbritannien allein zwischen Juni und September um 16,7 Millionen Tonnen, so viel wie Italien, Belgien und die Niederlande zusammen ernten. Frankreichs Mais schrumpft auf 7,6 Millionen Tonnen, 45 Prozent unter 2025 und womöglich das schwächste Ergebnis seit mindestens 1980. Wie man eine Nahrungsmittelkrise herbeiregiert, hat London längst vorgemacht.
Am Schwarzen Meer führen Moskau und Kiew Krieg gegen die Ernte des jeweils anderen. Russland hat Odessa abgeriegelt, über das rund 90 Prozent der ukrainischen Agrarexporte liefen, Strasse, Schiene und Donau schlucken etwa 40 Prozent davon, in Mykolajiw verfaulen die Tomaten im Feld. Die Ukraine wiederum hat über 90 Prozent der russischen Exportkapazität im Asowschen und Schwarzen Meer stillgelegt. Einen Waffenstillstand für Getreideschiffe lehnte Moskau binnen eines Tages ab, obwohl die eigenen Bauern auf einer Ernte von fast 140 Millionen Tonnen sitzen. Obendrauf kletterte Harnstoff nach der Hormus-Sperre bis April auf über 850 Dollar je Tonne, 80 Prozent mehr als im Februar. Den Getreidepreisindex der FAO trieb das im September auf 17,2 Prozent über Vorjahr. Die Gegenrechnung liefert Washington selbst: Die weltweiten Weizenvorräte hob das US-Landwirtschaftsministerium im September sogar auf rund 276 Millionen Tonnen. Die Speicher sind also nicht leer, bloss die Türen zugenagelt.
Das Drehbuch von 2015
Im November 2015 luden das von John Podesta gegründete Center for American Progress, der WWF, Cargill und Mars rund 65 Entscheidungsträger zum Planspiel «Food Chain Reaction». Simuliert wurden die Jahre 2020 bis 2030. Die Auslöser: El Niño, Dürren in Nordamerika, Australien, China, Indien und Brasilien, Missernten in mehreren Kornkammern zugleich und schrumpfende Vorräte. Die Preise trieb das Spiel zeitweise auf das Vierfache des langjährigen Mittels. Die Antworten der Teilnehmer lauteten CO2-Preis, Emissionshandel, globale Emissionsobergrenze und in der EU eine Fleischsteuer.
Elf Jahre später herrscht El Niño, Europa und Nordamerika verdorren, die Kornkammern fallen reihum aus. Beweist ein Planspiel eine Tat? Nein, Regen kann nicht bestellt werden und Befund steht gegen Befund. Belegt ist etwas anderes: Wer die Krise vorher durchspielt, hat die Antworten griffbereit, wenn sie eintrifft. Und diese Antworten verteuern Essen, statt es zu vermehren. 2021 rechnete die Rockefeller-Stiftung vor, die «wahren Kosten» amerikanischer Nahrung lägen mit 3,2 Billionen Dollar dreimal über dem Kassenzettel. Der Preisschock wird zum pädagogischen Werkzeug umgedeutet, der Hunger by Design zur Klimapolitik. Wer nach der schlechtesten Weizenernte seit 1972 noch von Zufall spricht, hat das Programmheft nicht gelesen.
Wer den Mangel verwaltet
Die Verteilung ist längst geregelt. Das Welternährungsprogramm der UNO verwaltet die Daten von 92 Millionen Hilfsempfängern mit dem Überwachungskonzern Palantir, die Beziehung begann laut WFP-Sprecher 2015 am WEF in Davos. Eine interne Revision rügte, die Datenschutzbedenken seien seit Beginn nicht angemessen behandelt worden, eine Ausstiegsstrategie fehle. Verlängert wird trotzdem um fünf Jahre. In Uganda erfasste das WFP von 1,4 Millionen Flüchtlingen Iris und Fingerabdrücke, für mehr «Fairness» an der Essensausgabe.
In Indien steht die Ration bereits im Automaten. In Bhubaneswar betreibt das WFP mit der Regierung von Odisha seit August 2024 einen Kornautomaten, der rund um die Uhr 50 Kilogramm in fünf Minuten ausspuckt, aber erst nach biometrischer Prüfung der Lebensmittelkarte. Am selben System hängen rund 813 Millionen Inder, die subventioniertes Getreide beziehen. In Uttar Pradesh sollten solche Maschinen bis zu fünf Prozent der Rationsläden ersetzen. Kein Finger, kein Reis.
Derweil liefert das israelische Steakholder Foods 3D-gedruckte Pflanzensteaks in amerikanische Läden, während bei rund 1,73 Dollar je Liter Diesel binnen eines Monats 16 US-Speditionen Konkurs anmeldeten. Auf der Liste steht RP Hay Hauling aus Parker in Arizona, ein Heutransporteur, der jetzt Gläubigerschutz sucht. Wie die Welternte an der Zapfsäule stirbt, ist hier nachzulesen.
Gedeckter Tisch für die Planer
Drei Kornkammern versagen im selben Herbst, die Antworten lagen schon elf Jahre vorher bereit und der Verteilapparat scannt bereits Augen und Finger. 2015 spielten 65 Entscheidungsträger in Washington die Hungerkrise durch, 2026 bezahlt sie die Rentnerin an der Migros-Kasse. Der Regen ersäuft den Mais, die Drohne versenkt den Weizen, die Blockade frisst den Dünger. Was früher Hungersnot hiess, heisst heute Ernährungssicherheitsprogramm mit Irisscanner. Wer sein Brot morgen ohne Augenscan essen will, sät es heute selbst!











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