Ein Blutdrucksenker, für dessen Wirkprinzip es 1998 den Medizin-Nobelpreis gab, steht seit Jahrzehnten frei im Regal und wird trotzdem kaum verordnet. Der Grund ist kein medizinischer: Man bekommt kein Patent auf eine Aminosäure. Fünf Jahre Cholesterinsenker in der Vorbeugung verhindern bei einem von 104 Menschen einen Herzinfarkt, retten null Leben und bescheren dafür einem von fünfzig einen Diabetes.
Diese Zahlen stammen nicht aus einer Broschüre mit Aluhut-Aufdruck, sondern von TheNNT, einer Ärztegruppe, die nach eigener Auskunft keinen Rappen Fremdgeld und keine Werbung annimmt. Der Salzburger Arzt Michael Spitzbart sagt im Gespräch mit Milena Preradovic dasselbe in schärferer Tonlage und empfiehlt, die Pillen sofort wegzuwerfen. Manche seiner Zahlen halten der Prüfung nicht stand. Das Erstaunliche ist, dass die Sache dadurch schlimmer wird und nicht besser.
Die Trefferquote, über die niemand redet
Statine senken das Cholesterin zuverlässig. Sie senken das Sterberisiko bei Menschen ohne vorangegangenen Infarkt nach derzeitiger Datenlage gar nicht. 98 Prozent der Behandelten haben über fünf Jahre keinerlei Nutzen, dafür trägt jeder Zehnte Muskelbeschwerden davon. Zwölf randomisierte Studien mit rund 1800 Teilnehmern zeigen zudem, dass die Mittel den Coenzym-Q10-Spiegel messbar drücken – ausgerechnet jenen Stoff, an dem die Kraftwerke der Muskelzellen hängen.
Dieselbe Ärztegruppe schreibt in ihrem Fazit, Mittelmeerkost sei erheblich wirksamer als jedes Statin und komme ohne Schaden. Das ist keine Behauptung ins Blaue: PREDIMED, 7447 Teilnehmer, spanisch staatsfinanziert, senkte schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um dreissig Prozent. Olivenöl und Nüsse.
Die Demenz-Anklage trägt in dieser Schärfe allerdings nicht. Die grösste Auswertung mit 55 Studien und über sieben Millionen Patienten findet unter Statinen ein niedrigeres Demenzrisiko, die randomisierten Langzeitversuche finden gar nichts. Wer null Leben rettet und dafür jeden Zehnten mit Muskelschäden bezahlen lässt, benötigt die Demenz als Anklage ohnehin nicht.
Viermal Krebs pro Tag und neunzig Prozent Fett
Zwei Zahlen aus dem Gespräch muss man auseinandernehmen, weil beide danebenliegen und beide trotzdem auf etwas Belegtes zeigen.
Erstens bekomme jeder Mensch viermal täglich Krebs, den das Immunsystem wegräume. Die Vier ist Folklore, niemand hat je vier gezählt. Der Mechanismus dahinter steht dagegen in jedem Lehrbuch – und auf der Onkologie-Seite von Bayer, wo man liest, dass täglich Krebszellen entstehen und in der Regel vom Immunsystem eliminiert werden. Wenn ein Pharmakonzern die Prämisse der Immunüberwachung selbst verkauft, ist sie schlecht als Esoterik abzutun.
Zweitens werde Fruktose zu zehn Prozent in Energie und zu neunzig Prozent in Fett verwandelt. Isotopen-Tracer-Studien am Menschen sagen etwas anderes: Rund 41 Prozent werden zu Glukose, etwa ein Viertel zu Laktat, unter einem Prozent direkt zu Blutfetten. Die Neunzig ist um Grössenordnungen daneben. Der Punkt bleibt trotzdem stehen, nur besser belegt: Als man 41 übergewichtigen Kindern neun Tage lang Zucker durch Stärke ersetzte, bei identischer Kalorienzahl, sank das Leberfett und das Bauchfett. Neun Tage. Ohne ein einziges Medikament.
Otto Warburg bekam 1931 den Nobelpreis für den Befund, dass Tumorzellen Zucker vergären, statt ihn zu veratmen. Daraus leitet Spitzbart eine jährliche vier- bis sechswöchige ketogene Kur ab. Seine Belege sind, wie er selbst einräumt, sein Patientenstamm – vierzig Jahre Anekdote. Die Forschung ist genau so weit, wie die Industrie sie gelassen hat: 2018 zeigte die Gruppe um Lewis Cantley in Nature, dass Ketose die Insulin-Rückkopplung unterdrückt und eine Klasse von Krebsmedikamenten im Mausmodell erst wirksam macht. Allein verabreicht schadete die Diät in einem der Modelle. Die nüchterne Bilanz lautet: Ohne hochwertige klinische Studien bleibt die Wirkung am Menschen unbekannt. Es gibt sie nicht, weil niemand Hunderte Millionen in den Nachweis steckt, dass man ein Produkt weglassen soll. Das ist das tatsächliche Geschäftsmodell und es funktioniert beim Zucker tadellos, wo die Politik lieber Symptome besteuert und Ursachen subventioniert.
Messen statt schlucken
Spitzbarts Ansatz ist unspektakulär und deshalb unverkäuflich: Der Körper benötigt siebenundvierzig lebensnotwendige Substanzen und wenn eine davon bei siebzig Prozent liegt, läuft das ganze System bei siebzig Prozent. Erst messen, dann auffüllen.
Das Verblüffende ist, wie gut das belegt ist, sobald jemand hinschaut. Arginin, die Aminosäure aus dem Nobelpreis von 1998: Elf doppelblinde Studien, systolisch 5,4 Millimeter Quecksilbersäule weniger. Ballaststoffe binden Gallensäuren, der Körper baut neue aus Cholesterin, der Spiegel sinkt. Bewegung schlägt bei Depression in einer Auswertung von 218 randomisierten Studien die Vergleichsbedingungen deutlich.
Beim inneren Dialog wird es dann richtig komisch. Nur zehn Prozent der westlichen Welt führten ein positives Selbstgespräch, heisst es. Die Spiegelzahl dazu – achtzig Prozent aller Gedanken seien negativ – geistert seit Jahrzehnten durch die Ratgeberliteratur und wird dort reihum der National Science Foundation zugeschrieben, die nie eine solche Untersuchung veröffentlicht hat. Gemessen wurde etwas Bescheideneres: Bis zu siebzig Prozent des spontanen Gedankenstroms sind negativ getönt und die Zahl der täglichen Gedanken liegt nach der Arbeit einer Gruppe der Queen’s University bei rund 6200 und nicht bei 60’000. Die Richtung stimmt, die Wucht ist geliehen.
Und dann die eigentliche Ironie: Während Tryptophan gegen den nächtlichen Grübelmonolog empfohlen wird, zerlegt die Psychiatrie gerade ihre eigene Serotonin-Erzählung. Joanna Moncrieffs Übersichtsarbeit in Molecular Psychiatry findet keinen verlässlichen Beleg, dass Depression auf zu wenig Serotonin beruht. Über achtzig Prozent der Bevölkerung halten es trotzdem für erwiesen. Die Werbung hat besser funktioniert als das Molekül. Der empfohlene Serotonin-Wert aus dem Labor hilft dabei übrigens nicht weiter, weil das Serum über den Spiegel im Gehirn praktisch nichts aussagt – die Blut-Hirn-Schranke ist keine Verhandlungssache.
Ein Punkt, bei dem es wehtun kann: Packungsangaben um das Zehnfache zu überschreiten, ist bei Tryptophan keine Mutprobe, sondern bei gleichzeitiger Einnahme von Antidepressiva der Weg ins Serotoninsyndrom. Wer seine Nebenwirkungen selbst zusammenbaut, ist auch nicht schlauer als der Konzern, der sie verschweigt.
Neunzig Impfungen, sechs Kinder und ein Leichtmetall
Hier liegt der Strang, bei dem alle drei Seiten unsauber arbeiten. Neunzig Impfungen bis achtzehn stimmen nicht: Der amerikanische Kalender kommt, jährliche Grippe und Corona eingerechnet, auf 72 Dosen, im deutschsprachigen Raum sind es dank Kombinationspräparaten deutlich weniger. Aluminiumhydroxid ist zudem kein Schwermetall, sondern ein Leichtmetall – Quecksilber wäre eines gewesen, das haltbare Thiomersal flog aber schon 2001 aus den Routineimpfungen.
Die zehnfach selteneren Allergien bei Ungeimpften gehen auf eine Umfrage unter 415 homeschoolenden Familien zurück, die für allergischen Schnupfen sogar den Faktor dreissig nannte und zweimal zurückgezogen wurde. Nun kommt der Teil, den beide Lager nicht gerne hören. Das Robert-Koch-Institut hat dieselbe Frage an 17’641 Kindern der KiGGS-Erhebung geprüft und keinen Zusammenhang zwischen Impfstatus und Atopie gefunden. Von den auswertbaren Kindern waren 0,7 Prozent ungeimpft. In der Altersgruppe sechs bis zehn stützt sich die Aussage auf ganze sechs ungeimpfte Kinder, bei den elf- bis siebzehnjährigen auf acht. Sechs. Mit dieser Fallzahl lässt sich gar nichts beweisen, in keine Richtung und eine grössere Untersuchung hat schlicht niemand bezahlt.
Beim Aluminium selbst fand eine dänische Registerauswertung mit 1,2 Millionen Kindern keinen Zusammenhang mit fünfzig chronischen Erkrankungen, unabhängige Forscher greifen die Arbeit methodisch frontal an. Nachprüfbar ist derweil das Entlarvendste: Das Paul-Ehrlich-Institut begründet auf Anfrage, warum Aluminium bleibt. Ein anderes Wirkverstärker-System wäre eine komplette Neuentwicklung mit neuen klinischen Prüfungen. Es geht nicht um Sicherheit. Es geht um Zulassungskosten.
Wenn die Behandlung selbst auf der Todesliste steht
Bleibt die wuchtigste Behauptung: Die Medizin selbst sei die dritthäufigste Todesursache. Die Zahl geht auf Martin Makary und Michael Daniel zurück, die 2016 im BMJ vier Untersuchungen aus den Jahren 2000 bis 2008 mittelten und auf die amerikanischen Klinikaufnahmen von 2013 hochrechneten. Ergebnis: Rund 251’000 Tote. Keine neuen Daten, keine formale Synthese – die Redaktion von BMJ Quality & Safety stellte genau das klar, spätere Auswertungen kommen auf deutlich niedrigere vermeidbare Sterblichkeit. Und trotzdem: Dass über die Grössenordnung gestritten wird statt über eine belastbare Zahl, liegt nicht an schlechten Forschern. Es liegt daran, dass auf keinem Totenschein ein Feld für diese Frage vorgesehen ist.
Am Ende steht eine Industrie, die einen Nobelpreis von 1998 seit fast dreissig Jahren links liegen lässt, weil das Molekül keinen Eigentümer hat. Sie verkauft fünf Jahre Tabletten für einen verhinderten Infarkt pro 104 Behandelten und nennt das Prävention. Sie finanziert neunzig Prozent der Studien, die ihre eigenen Produkte prüfen und wundert sich über die hervorragenden Ergebnisse. Und wenn dir jemand Olivenöl, Spaziergänge und ein ordentliches Blutbild empfiehlt, dann heisst es, dafür gebe es keine Evidenz – was vollkommen zutrifft, weil niemand sie je bezahlt hat!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







