Der Kommunismus ist nicht an den Dissidenten gestorben, sondern an seiner eigenen Nomenklatura, die sich den Staat, den sie verwaltete, in die Tasche steckte. Der Kapitalismus erledigt dasselbe gerade mit besserer Rechtsberatung: In den zwölf Monaten bis September 2025 haben die Konzerne des S&P 500 1020 Milliarden Dollar in den Rückkauf eigener Aktien geschaufelt, ein Rekord. Im selben Land klafft bei Strassen, Brücken und Wasserwerken eine Investitionslücke von 3,7 Billionen Dollar.
Wer den viel zitierten Absatz über die Endphase des Kapitalismus Karl Marx zuschreibt, liegt daneben. Der Text stammt von Chris Hedges, vorgetragen 2015 am Left Forum in New York. Das ist keine Entwarnung, sondern eine Verschärfung. Denn Marx selbst hat es in einem einzigen Satz gesagt und der ist härter als jede Aufzählung geplünderter Sozialleistungen.
Die Schranke heisst nicht Sozialismus, sie heisst Kapital
«Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst», steht im dritten Band des Kapitals (MEW 25, Seite 260). Kein Wort von Brücken, keines von Wahlbeteiligung. Marx beschreibt eine Maschine, die irgendwann nur noch sich selbst als Zweck kennt und deshalb alles frisst, was sie einst getragen hat. Hedges hat diesen Gedanken mit Requisiten möbliert und die Staatsausgaben als das benannt, worauf das Kapital am Ende zielt: Den Kadaver des Staates als Futterstelle. Die Requisiten sind heute abgezählt, datiert und mit Aktenzeichen versehen. Genau darum zieht die Ausrede nicht mehr, das sei linke Untergangsromantik. Die Zahlen liefern die Eigentümer selbst, in Quartalsberichten, mit Stolz.
Eine Billion für den Kurs, null für die Brücke
Aktienrückkäufe sind kein Investment, sondern das Gegenteil davon. Ein Konzern kauft die eigenen Papiere vom Markt, verknappt sie und hebt so Kurs und Gewinn je Aktie, ohne ein einziges Produkt zu verbessern. Die zwanzig grössten Konzerne stemmen dabei knapp die Hälfte der gesamten Rückkaufsumme und bei gut jedem sechsten Unternehmen schrumpfte die Zahl der Aktien binnen eines Jahres um mindestens vier Prozent. Das ist Bilanzkosmetik mit Milliardenbudget. Zusammen mit den Dividenden flossen in zwölf Monaten 1,685 Billionen Dollar an die Eigentümer. Die gesamte Investitionslücke der amerikanischen Infrastruktur über ein Jahrzehnt wäre damit in gut zwei Jahren geschlossen. Stattdessen trägt das Land die Note C, neun von achtzehn Kategorien stehen im D-Bereich und die Ingenieure rechnen vor, dass jeder Haushalt 700 Dollar im Jahr spart, wenn die Investitionen gehalten werden. Es fehlt kein Geld. Es fehlt die Absicht.
Kaperung des Staates, Ausgabe 2025
Die Weltbank hat für den Vorgang längst ein Wort, geprägt an den Oligarchen der Neunzigerjahre: Kaperung des Staates. Heute läuft sie ohne Koffer voller Bargeld. Laut Oxfam wuchs das Vermögen der Milliardäre 2025 um 2,5 Billionen auf 18,3 Billionen Dollar, dreimal schneller als in den Jahren davor, während die ärmere Hälfte der Menschheit 0,52 Prozent des Weltvermögens hält. Elon Musk verdient in vier Sekunden, was ein Mensch im weltweiten Durchschnitt in einem Jahr erarbeitet. In Deutschland stieg die Zahl der Milliardäre um ein Drittel auf 172, ihr Vermögen um 30 Prozent. Ein deutscher Milliardär verdient in weniger als anderthalb Stunden das durchschnittliche Jahreseinkommen, während rund ein Fünftel der Bevölkerung in Armut lebt. Wie die Beute verteilt wird, zeigt der Umbau von unten nach oben per Parlamentsbeschluss, den wir hier schon zerlegt haben.
Der Staat als stiller Teilhaber seiner eigenen Plünderer
Im August 2025 kaufte die US-Regierung zehn Prozent von Intel, finanziert aus bereits zugesagten Subventionen, wenige Wochen nachdem der Präsident den Rücktritt des Intel-Chefs verlangt hatte. Ein Analyst des libertären Cato-Instituts beschrieb den Ablauf trocken: Der Konzernchef musste im Weissen Haus das Knie beugen, danach bekam der Präsident seine zehn Prozent.
Nvidia und AMD überweisen 15 Prozent ihrer China-Chipumsätze direkt an Washington. Das ist kein Kapitalismus mehr und auch kein Sozialismus, das ist Tribut. Der Unterschied zur Sowjetunion schrumpft auf die Frage, wer wen ausfüllt: Dort privatisierten die roten Direktoren den Betrieb in die eigene Tasche, hier zieht der Staat als Aktionär in das Unternehmen ein, das seine Regeln schreibt. Wie weit die Verschmelzung gediehen ist, zeigen ein ungewähltes Unternehmen, das längst mitregiert und eine UNO, die ihre Sitzordnung an Privatklubs vermietet.
Was ausser Dividenden noch abgerechnet wird
Bezahlt wird die Rechnung dort, wo am wenigsten zurückkommt. Das Haushaltsgesetz vom Juli 2025 bringt nach Berechnung des Kongress-Haushaltsdienstes bis 2034 zehn Millionen zusätzliche Unversicherte, davon 7,5 Millionen über Medicaid, mit dem Auslaufen der Prämienzuschüsse über vierzehn Millionen. Russland kennt das Drehbuch: 1996 gewann Jelzin die Wahl mit Umfragewerten unter 25 Prozent, finanziert von Oligarchen, die vorher mit Staatsbetrieben zum Spottpreis belohnt worden waren. Die Nomenklatura räumte die Läden leer, bevor das Regal umfiel. Diese hier räumt die Notaufnahme leer und nennt es Effizienz. Das Muster ist dasselbe, das die Silicon-Oligarchen bei der Demokratie anwenden: Erst aushöhlen, dann abschalten, dann behaupten, es sei nie anders gewesen.
Zwei Leichen, ein Sektionsbefund
Beide Systeme enden bei derselben Klasse, einer, die den Apparat nicht mehr braucht, den sie beherrscht. Der Kommunismus brauchte siebzig Jahre für den Selbstverzehr, der Kapitalismus nimmt sich mehr Zeit und arbeitet gründlicher, weil er dafür auch noch Applaus erhält. Marx hat nicht den Sieg des Proletariats richtig vorhergesagt, sondern die Selbstverdauung des Kapitals.
Die Sowjetunion brach zusammen, als nichts mehr zu verteilen war. Der Westen bricht zusammen, während die Quartalszahlen Rekorde melden. Die Nomenklatura trug Parteiabzeichen, diese hier trägt Aktienoptionen. Und wenn die letzte Brücke einstürzt, beschliesst der Verwaltungsrat noch am selben Abend ein Rückkaufprogramm…










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