Der Nationalsozialismus gilt als rechts, so fest wie das Amen in der Kirche. Nur verrät der Stammbaum eine andere Familie: Der Erfinder des Faschismus war Chefredakteur des sozialistischen Parteiblatts, die NSDAP trug den Sozialismus im Namen, Kommunisten und Nationalsozialisten riefen gemeinsam zum Streik und Hitler verehrte Stalin als genialen Planwirtschaftler. Und als die beiden Diktatoren 1939 Polen unter sich aufteilten, lieferte der Kreml deutsche Kommunisten an die Gestapo aus. Das ist keine Feindschaft zwischen links und rechts, das ist ein Familienstreit unter feindlichen Zwillingen.

Aussen braun, innen rot: Hitler war Sozialist

Wer das ausspricht, bekommt die Nazikeule übergezogen, bevor der Satz zu Ende ist. Nachgeschlagen wird nie. Wir tun es trotzdem.

Der Vater des Faschismus kam aus der roten Redaktion

Benito Mussolini war kein Aristokrat und kein Kapitalist. Er trat 1901 der Sozialistischen Partei Italiens bei und übernahm 1912 die Chefredaktion ihres Zentralorgans «Avanti», dessen Auflage er von 20’000 auf 100’000 Exemplare hochtrieb. Im Herbst 1914 flog er aus der Partei, weil er für den Kriegseintritt Italiens trommelte, 1919 gründete er die Kampfbünde, aus denen die faschistische Partei hervorging. Der Bruch betraf nicht die Staatsgläubigkeit, sondern die Adresse: Statt der Internationale galt die Loyalität nun der Nation.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Mit dem 1933 gegründeten Staatskonzern IRI übernahm das Regime Banken, Stahlwerke, Werften und Rüstungsbetriebe und besass fortan einen riesigen staatsgeführten Industriesektor mit über tausend Tochterfirmen. Faschismus ist Sozialismus, der die Klasse gegen die Nation getauscht hat – eine Häresie aus dem eigenen Haus, keine Erfindung der Handelskammer.

Die taz wusste es – weil Bild bezahlt hat

Hitler-Biograf Joachim Fest schrieb 2003 ausgerechnet in der taz, der Nationalsozialismus gehöre «eher auf die linke als auf die rechte Seite» und habe mit Stalins Totalitarismus mehr gemein als mit Mussolinis Faschismus. Der Text erschien in der sogenannten Feindes-taz, deren Gastbeiträge Bild-Chefredakteur Kai Diekmann selbst bezahlte. Die linke Hauszeitung musste sich die Wahrheit also von Springer liefern lassen und distanziert sich bis heute davon.

Fests berühmtester Satz, Hitler habe nicht die Betriebe, sondern die Menschen sozialisiert, hat allerdings einen Haken, auf den ein Leserbrief elf Tage später hinwies: Er stammt aus Hermann Rauschnings «Gesprächen mit Hitler», deren Echtheit umstritten ist. Man benötigt ihn auch nicht. Das Gesetzblatt lügt weniger als jeder Zeitzeuge.

Sozialismus per Verordnung

Gregor Strasser, Reichsorganisationsleiter der NSDAP, beschwor im Mai 1932 im Reichstag eine antikapitalistische Sehnsucht, die angeblich 95 Prozent des Volkes erfasst habe. Nach der Machtübernahme wurde geliefert. Am 2. Mai 1933 zerschlug das Regime die freien Gewerkschaften, fortan setzten staatliche Treuhänder die Löhne fest. Das Reichserbhofgesetz nahm den Besitzern von rund 700’000 Höfen das Recht, ihr eigenes Land zu verkaufen oder zu beleihen. Ab Oktober 1936 galt ein totaler Preis- und Lohnstopp und ein Reichskommissar bestimmte, was eine Ware kosten darf. 1939 folgte die Zentralverwaltungswirtschaft samt Bezugsschein für fast alles. Wer das für Marktwirtschaft hält, hält auch die Vampirwirtschaft jener Jahre für ein Gütesiegel.

Aussen braun, innen rot: Hitler war Sozialist

1937 gründete der Staat die Reichswerke Hermann Göring, die 1940 rund 600’000 Menschen beschäftigten. Der Fabrikant blieb auf dem Papier Eigentümer und wurde zum Betriebsführer degradiert, der herstellt, was die Behörde befiehlt, zu Preisen, welche die Behörde festlegt. Ludwig von Mises nannte das schon 1941 Sozialismus mit kapitalistischer Fassade. Dass solche Modelle stets im Untergang enden, ist eine andere Geschichte – aber eben eine sozialistische.

Rote Fäuste, braune Hemden

In der Weimarer Republik war der Hauptfeind der KPD nicht die NSDAP, sondern die SPD. «Kommunist sein heisst Todfeind des Sozialfaschismus sein», dekretierte Ernst Thälmann 1930 und im August 1931 stimmten die Kommunisten im preussischen Volksentscheid gemeinsam mit den Nationalsozialisten gegen die sozialdemokratische Regierung. Im November 1932 legten die kommunistische RGO und die NS-Betriebszellen gemeinsam den Berliner Nahverkehr lahm, auf der Rednertribüne standen Walter Ulbricht und Joseph Goebbels Seite an Seite.

Als im Frühjahr 1933 ganze kommunistische Kampfformationen geschlossen in die SA übertraten, taufte sie der Berliner Volkswitz nach der Frikadelle: Aussen braun, innen rot. Hitler selbst prahlte 1941, seine frühe Partei habe «zu neunzig Prozent aus Links-Leuten» bestanden, so überliefert es die Studie von Rainer Zitelmann. Die Sozialdemokratie lobte er als Sammelbecken der rassisch besten Deutschen, das Bürgertum verachtete er als feige, über Mussolini und Franco lästerte er hinter vorgehaltener Hand.

Der Führer und sein Idol im Kreml

Hitler nannte Stalin im internen Kreis einen «genialen Kerl», vor dem man wegen seiner umfassenden Wirtschaftsplanung unbedingten Respekt haben müsse. Im Juli 1941 erklärte er, die Kräfte eines Volkes liessen sich sinnvoll nur mit einer Planwirtschaft von oben einsetzen.

Aussen braun, innen rot: Hitler war Sozialist

Im Geschäft beruhte die Sympathie auf Gegenseitigkeit. Im Herbst 1939 teilten die beiden Regime Polen und bis Ende jenes Jahres übergab der sowjetische Geheimdienst rund 500 Häftlinge an Deutschland, darunter Kommunisten und KPD-Funktionäre, die vor Hitler nach Moskau geflohen waren. Die Kommunistin Margarete Buber-Neumann wechselte an der Grenzstelle Brest-Litowsk direkt aus dem sowjetischen Straflager in die Hände der Gestapo. Ein Genosse lieferte Genossen an den Klassenfeind – oder eben an den Konkurrenten im selben Fach.

Die Gegenseite hat auch Akten

Die Gegenseite hat Argumente und sie verdienen mehr als die Keule. Sozialdemokraten und Kommunisten stellten die ersten KZ-Häftlinge und selbst Zitelmann räumt ein, dass sie die grössten Opfer trugen, während bürgerliche und kapitalistische Kreise gut verdienten. Der Ökonom Germà Bel zeigt, dass das Regime Mitte der Dreissigerjahre Staatsbetriebe reprivatisierte, als kein anderes westliches Land das tat, auch um Unternehmer an sich zu binden. Strasser, der Prophet der antikapitalistischen Sehnsucht, wurde am 30. Juni 1934 auf Hitlers Befehl ermordet. Und die Auslieferungen begannen schon vor dem Pakt, als «Morgengabe» an Hitler taugen sie laut Forschung nicht.

Nur: Stalin liess die Altbolschewiken Sinowjew, Kamenew und Bucharin ebenfalls erschiessen und niemand erklärt ihn deshalb zum Konservativen. Eigentum, das der Staat jederzeit kommandieren darf, ist ungefähr so privat wie die Meinung in einer Cancel-Culture-Republik. Selbst Zitelmann sieht Hitler als Extremisten beider Ränder, der rechts und links in einem neuen Extrem aufheben wollte. Wer die Eigenschaften zählt, landet trotzdem näher am totalitären Bruder als am Bürgertum.

Das Etikett, das 1945 verschwand

Hitler war kein Liberaler, kein Konservativer und schon gar kein Marktradikaler. Er war ein nationaler Sozialist, der die Internationale hasste, den Klassenkampf durch die Volksgemeinschaft ersetzte und das Bürgertum für feige hielt. Mussolini kam aus der roten Redaktion, Goebbels stand neben Ulbricht und Stalin lieferte Kommunisten an die Gestapo. Nach 1945 hat jemand das Etikett diskret abgelöst und der Linken das Familienalbum sauber zurechtgeschnitten. Lies das Gesetzblatt, bevor du die Keule schwingst – unterschrieben hat es ein Sozialist!

Aussen braun, innen rot: Hitler war Sozialist

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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