Dein Fernseher ist aus, dein Telefon liegt stumm auf dem Tisch. Glaubst du. In Wahrheit vermisst der Bildschirm im Wohnzimmer seinen eigenen Inhalt im Takt von Millisekunden, die Apps von Facebook und Instagram unterliefen monatelang den privaten Modus deines Browsers und Autos von General Motors verpfiffen den Fahrstil ihrer Besitzer an die Versicherer. Die Konzerne nennen das Komfort, die Gerichte buchen es als Vergleich und du bezahlst das Gerät, das dich verkauft.
Die Wanze mit Fernbedienung
Anfang September 2026 legte der amerikanische Technikkanal Gamers Nexus gemeinsam mit Level1Techs und zwei Sicherheitsforschern ein über zweistündiges Video vor. Die Vorwürfe: LG-Fernseher sollen im Bereitschaftsmodus über das Mikrofon Ton erfassen, Sprachfetzen als Klartext ablegen, ohne Netz zwischenspeichern und später hochladen. Dazu durchkämme das Gerät das Heimnetz nach Telefonen, Druckern und Uhren. LG liess über Tom’s Hardware ausrichten, die Behauptungen seien nicht wahr. Am 12. September folgte eine lange Stellungnahme, die Geräte zeichneten Gespräche «nicht kontinuierlich» auf. Zugegeben hat der Konzern dafür das Scannen des Netzwerks, angeblich eine «Standardfunktion». Gamers Nexus konterte, LG habe die gemeldeten Sicherheitslücken mit keinem Wort angesprochen. Unabhängig bestätigt ist bis heute keine der beiden Seiten. Merke: Das Abhören ist behauptet, das Schnüffeln im Netzwerk zugegeben. Wie tröstlich.
Der Bildschirm, der zurückstarrt
Für das eigentliche Geschäft benötigt der Fernseher gar kein Mikrofon. Es heisst Automatic Content Recognition (ACR) und erzeugt laufend digitale Fingerabdrücke dessen, was über deinen Bildschirm flimmert. Forscher der UC Davis, des University College London und der Universität Carlos III in Madrid massen 2024 den Datenverkehr. Demnach erstellen LG-Geräte alle 10 Millisekunden einen solchen Abdruck, Samsung alle 500 Millisekunden, auch dann, wenn bloss eine Spielkonsole am HDMI-Anschluss hängt. LG funkt die Pakete alle 15 Sekunden nach Hause, Samsung jede Minute. Abschalten lässt sich das, versteckt in verschachtelten Untermenüs, einen zentralen Schalter gibt es nicht.
Neu ist nichts davon. Vizio zahlte 2017 2,2 Millionen Dollar, weil laut FTC elf Millionen Fernseher Sehgewohnheiten sekundengenau mitschnitten und die Daten an Dritte gingen, die Alter, Einkommen und Familienstand dazulegten. Samsung schrieb 2015 in seine Datenschutzbestimmungen, gesprochene Worte samt persönlicher Angaben würden bei der Sprachsteuerung erfasst und an Dritte übertragen. Im Dezember 2025 verklagte Texas fünf Hersteller wegen ACR, Samsung lenkte im Februar 2026 ein, LG im Mai. Beide benötigen dort nun eine echte Einwilligung. Samsung betont, seine Fernseher spionierten nicht. Ausserhalb von Texas darfst du weiter gratis Datenspender sein.
Die Wanze in der Hosentasche
Dein Telefon ist der ergiebigere Spitzel. Google zahlte 2022 391,5 Millionen Dollar an 40 US-Bundesstaaten, weil Nutzer den Standortverlauf für abgeschaltet hielten, während der Konzern laut den Generalstaatsanwälten munter weiter aufzeichnete. Amazon blätterte 2023 25 Millionen hin, weil Alexa laut FTC Kinderaufnahmen standardmässig unbegrenzt speicherte und Löschwünsche der Eltern nur teilweise erfüllte. Apple zahlt 95 Millionen, weil Siri ungewollt angesprungen sei und Gespräche erfasst haben soll, die teils menschliche Auftragnehmer anhörten. Schuld eingestanden hat Apple selbstverständlich nicht, Amazon bestreitet jeden Gesetzesverstoss. Dass Datensammler und Dienste einander gern die Hand reichen, ist hier ein altes Thema. Das Muster bleibt: Zahlen, bestreiten, weitermachen.
Facebook, das Mikrofon und mein Gegenversuch
Bleibt die Frage, die sich jeder schon gestellt hat: Hört Facebook mit? Ich habe es auf meinem Android-Telefon ausprobiert. In den Facebook-Einstellungen war abgeschaltet, was sich abschalten lässt. Personalisierter Werbung habe ich nie zugestimmt. Trotzdem tauchten Anzeigen zu Dingen auf, über die ich bloss gesprochen hatte. Seit die App Micro Guard von Protectstar das Mikrofon für alle Apps ausserhalb einer Freigabeliste sperrt und jeden Zugriffsversuch protokolliert, ist dieser Spuk verschwunden. Fürs iPhone bietet Protectstar die App nicht an, dort bleiben nur der Regler in den Datenschutzeinstellungen und die Anzeige, die ein aktives Mikrofon meldet.
Meta beteuert seit Jahren, das Mikrofon nicht für Werbung anzuzapfen. Peinlich nur, was 2024 auftauchte: Eine Verkaufspräsentation der Cox Media Group, die laut 404 Media versprach, Werbung nach dem auszurichten, was Menschen in der Nähe von Gerätemikrofonen laut aussprechen. Name des Produkts: «Active Listening». Auf den Folien standen Facebook, Google, Amazon und Bing als Partner, die Stimmdaten sollten laut AppleInsider mit über 470 weiteren Datenquellen verknüpft werden. Google warf Cox aus seinem Partnerprogramm, Amazon bestritt jede Zusammenarbeit. Meta liess ausrichten, Cox sei bloss allgemeiner Marketingpartner, nicht Teil dieses Programms. Eine Prüfung kündigte der Konzern trotzdem an.
Bewiesen hat das Lauschen bis heute niemand. Eine Studie der Northeastern University durchleuchtete 2018 über 17’000 Android-Apps samt jenen von Facebook und fand keinen einzigen heimlichen Mikrofonzugriff, wohl aber Apps, die Bildschirmfotos und Videos an Dritte schickten. Die beruhigende Nachricht ist zugleich die schlimmere: Meta benötigt dein Mikrofon womöglich gar nicht. Von September 2024 bis Juni 2025 lauschten die Android-Apps von Facebook und Instagram laut Forschern aus Madrid, Nijmegen und Löwen heimlich auf lokalen Netzwerkanschlüssen. Das Meta Pixel auf unzähligen Websites schob seine Kennung dorthin und verknüpfte so dein Surfverhalten mit deinem Konto, selbst im privaten Modus, mit VPN und nach dem Löschen der Cookies. Kaum war die Arbeit veröffentlicht, verschwand der Code. Und wer 2019 im Messenger Sprachnachrichten abschreiben liess, dem hörten bezahlte Auftragnehmer zu, wovon in den Datenrichtlinien kein Wort stand. Ein Laborbeweis ist mein Gegenversuch nicht. Bei einem Konzern, der den privaten Modus nachweislich unterlaufen hat, liegt die Beweislast allerdings längst beim Angeklagten.
Toilettenbilder, Zyklusdaten, Fahrstil
Noch intimer wird es, wenn die Geräte Körper und Wohnung vermessen. Entwicklungsversionen eines Roomba-Saugroboters fotografierten laut MIT Technology Review eine Frau auf der Toilette, 15 solcher Bilder landeten über Etikettierer in Venezuela in privaten Facebook- und Discord-Gruppen. iRobot betonte, es habe sich um Testgeräte gehandelt. Bei der Zyklus-App Flo befanden kalifornische Geschworene 2025, Meta habe Angaben zu Periode und Schwangerschaft rechtswidrig abgegriffen, Meta widerspricht. Dein Auto? Mozilla erklärte Autos 2023 zur schlimmsten je getesteten Produktkategorie, alle 25 Marken fielen durch, 19 dürfen Daten sogar verkaufen.
Nissan führte «sexuelle Aktivität» als Datenkategorie auf, bestreitet aber, solche Daten wissentlich zu sammeln. General Motors verkaufte laut FTC Standort- und Fahrdaten an Auskunfteien, deren Berichte bei Versicherern landeten. Seit Januar 2026 gilt ein fünfjähriges Verbot. Und dein Rechner? Microsofts Recall schiesst laut Hersteller alle paar Sekunden ein Bildschirmfoto. Erst nach dem Aufschrei von Sicherheitsforschern muss man der Funktion ausdrücklich zustimmen. Ein Fortschritt, gewiss. So wie es ein Fortschritt ist, wenn der Einbrecher vorher klingelt.
Helvetischer Trost und ein paar Gegengifte
Und die Schweiz? Der EDÖB nahm schon 2018/19 einen Smart-TV-Hersteller unter die Lupe und hielt fest, dass Nutzer die Datenübermittlung vollständig unterbinden und das Gerät wie einen herkömmlichen Fernseher betreiben können. Können, wohlgemerkt, wenn sie es selbst tun. Wer Ruhe will, schaltet ACR ab, bei LG heisst die Funktion «Live Plus», bei Samsung «Viewing Information Services». Dazu Apps die Mikrofonrechte entziehen, den Fernseher in ein eigenes Gastnetz verbannen und einen DNS-Filter wie Pi-hole die Werbeadressen schlucken lassen. Wie lange ein entgoogeltes Telefon im Netz überhaupt noch mitspielen darf, entscheidet übrigens bald Google selbst.
Das Gerät verkauft seinen Käufer
Wie viel weiss also dein Gerät über dich? Mehr, als in den Bedingungen steht, die du nie gelesen hast und genau so viel, wie du ihm erlaubst, weil du zu bequem warst, es zu verbieten. Wer das für Verschwörungsgeraune hält, schaue sich die Flock-Kameras, die Berliner Verhaltens-KI und die Kameratore von Oxford an. Überwachung kommt längst nicht mehr nur vom Staat, sie steht im Elektronikmarkt im Regal, mit Garantie und Ratenzahlung. Früher musste die Stasi ihre Wanzen in fremde Wohnungen schmuggeln, heute trägst du sie selbst nach Hause und bezahlst die Mehrwertsteuer. Der Konzern verdient am Gerät, an deinen Daten und an der Busse, die er aus der Portokasse begleicht. Wer das Mikrofon abklemmt, gilt als Spinner, wer es offen lässt, als Kunde. Abgeschaltet ist in deinem Wohnzimmer nur noch dein Misstrauen!











«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







