Vierundzwanzig israelische Soldaten und Geheimdienstler erzählen nachts auf den Dächern von Tel Aviv, wie ihre Armee in Gaza ganze Familien als einkalkulierten Posten verbuchte und wie eine Software die Zielvorschläge ausspuckte. Die zwei Israelis, die das filmten, bekamen in Venedig 25 Minuten stehenden Applaus. Zu Hause hängt ihnen der Mob bereits die Schlinge um den Hals – vorerst nur auf Bildern. Yuval Abraham und Rachel Szor verdienen keine Distanzierung, kein «ja, aber» und keine Einordnung. Sie verdienen uneingeschränkte Solidarität.
NAZA: Das Kürzel für den eingeplanten Leichenberg
Der Filmtitel ist kein Kunstgriff, sondern Dienstsprache. NAZA bezeichnet im israelischen Geheimdienst die Zahl der Zivilisten, deren Tod bei einem Luftschlag erwartet wird. Die Befragten beschreiben das KI-System «Lavender», das aus Telefonaten und Bewegungsdaten Ziele errechnete. Einer spricht von einer Fabrik, ein anderer von einem Videospiel, das «wahnsinnig Spass» mache. Eine Quelle schildert die Freigabe von 500 toten Zivilisten für einen einzigen Hamas-Kämpfer. Wer wissen will, wohin die Reise mit der KI als Henkersgehilfe geht, hat hier den Prototyp.
Die Armee weist alles zurück. Sie nennt die Zeugen rangniedrige Soldaten ohne Einblick und betont, über Schläge entschieden ausschliesslich Menschen. Nachprüfen darf das niemand, denn ausländische Journalisten kommen nur unter militärischer Aufsicht in den Streifen. Eine Wahrheit, die man nicht besichtigen darf, ist bequem zu verteidigen.
Der Mob vor dem Elternhaus
Am 16. September zogen Dutzende vor das Haus von Szors Eltern in Savyon und skandierten «Todesstrafe für Verräter». Angeführt wurden sie vom rechtsextremen Provokateur Mordechai David, der ankündigte, die beiden überall im Land zu jagen, juristisch. Das Adverb ist der Feigenblatt-Anteil einer Hetzjagd. David gilt als Verbündeter von Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und versprach, das sei erst der Anfang. Der Aktivist Ziv Baranes rief zur nächsten Belagerung des Familienhauses auf. Ben-Gvir selbst teilte ein KI-Video, das die beiden hinter Gittern zeigt. Für Abraham ist das eine Wiederholung: Schon nach seiner Berlinale-Rede 2024 stand ein Mob vor dem Haus seiner Familie in Beerscheba.
Die ehemalige Hamas-Geisel Eliya Cohen verlangte, die Gesichter der beiden auf Plakaten und in sämtlichen Medien zu verbreiten. Man solle ihnen auf der Strasse ins Gesicht spucken. Er sass 505 Tage in Gefangenschaft, sein Zorn ist menschlich nachvollziehbar. Seine Behauptung, der Film arbeite mit Statisten statt Zeugen, blieb genau das: Eine Behauptung. Unter einem Beitrag des New Yorker Filmfestivals sammelten sich Drohungen wie «Yuval, komm nicht zurück» und das Schimpfwort «Kapo». Auf X kursiert eine Montage, die beiden Regisseuren eine Henkersschlinge um den Kopf legt, versehen mit der Forderung, sie auf dem «Gaza-Platz» aufzuhängen. In Ashdod prangen ihre Gesichter an einer Wand, daneben das Wort «Verräter» und rote Zielscheiben. Über Nacht schrieb jemand «Helden» darüber. Ein einziger Pinselstrich Anstand gegen eine Wand voller Fadenkreuze.
Die Regierung liefert den Stempel
Der Mob handelt nicht auf eigene Rechnung. Kulturminister Miki Zohar nannte den Film Landesverrat. Er will den beiden die Staatsbürgerschaft entziehen und hetzte den Inlandsgeheimdienst auf die anonymen Quellen. Benjamin Netanyahu legte nach: Zwei Gesetze, eines zur Ausbürgerung aller, die Soldaten «verleumden», eines mit zwanzigfachem Schadenersatz. Man werde sie an der Tasche und an der Staatsbürgerschaft treffen, denn ihr Platz sei nicht bei uns. Wenige Wochen vor der Wahl verkauft sich die Ausbürgerung von Journalisten offenbar besser als die Aufarbeitung. Abraham hatte das bereits in Venedig vorausgesagt: Man wolle jede Diskussion über die begangenen Verbrechen verhindern und jene zum Schweigen bringen, die darüber sprechen. Die Regierung bestätigt ihn seither täglich.
Präsident Isaac Herzog nannte den Film eine Schande. Die Ausbürgerung hielt er aber für chancenlos und empfahl den Zeugen, sich an ihre Kommandanten zu wenden. Also an genau jene Stelle, die laut Film die Freigaben unterschrieb. Herausforderer Gadi Eisenkot und Demokraten-Chef Yair Golan verurteilten den Film ebenfalls. Wer im Wahlkampf Einigkeit sucht, findet sie im Hass auf zwei Filmemacher, deren Film im Land kaum jemand gesehen hat.
Die Nestbeschmutzer haben Nestgenossen
Immerhin marschiert nicht ganz Israel mit. Dreiundvierzig israelische Menschenrechtsorganisationen und über tausend Filmschaffende stellten sich hinter die beiden und nannten die staatliche Reaktion typisch für diktatorische Regime. Die Journalistengewerkschaft verurteilte die Drohungen. Die Regisseure selbst baten alle Verleiher, den Film am 6., 7. und 8. Oktober nicht zu zeigen, weil sie um die Sicherheit ihres Publikums fürchten. Wer so handelt, zündelt nicht. Er schützt Menschen vor jenen, die ihm den Strick zeigen.
Und nein, das ist kein Antisemitismus. Wer diesen Vorwurf gegen zwei Israelis erhebt, die ihren eigenen Soldaten zuhören, verheizt den Begriff bis zur Asche. Abraham und Szor stehen in einer Reihe mit all jenen, die man schlimmer findet als jeden Antisemiten, weil sie aus dem eigenen Haus kommen und trotzdem hinsehen.
Verräter ist, wer das Protokoll vorliest
Bestritten wurden die Aussagen der 24 Zeugen allesamt, widerlegt bisher keine einzige. Bekämpft werden dafür die Überbringer. Das ist die ganze Wahrheit dieser Affäre und sie steht in keinem Film, sondern an einer Hauswand in Ashdod. In Venedig gab es 25 Minuten Applaus, in Savyon zwei Nächte Rufe nach der Todesstrafe. Wer Landsleute «Kapo» schimpft, weil sie Kriegsverbrechen dokumentieren, hat vom Wort nur die Häme behalten. Ein Staat, der Journalisten ausbürgern will, weil sie seinen Soldaten zugehört haben, hat die Pressefreiheit nicht verloren, er hat sie eigenhändig beerdigt. Und jede Schlinge, die ihnen ein Hetzer um den Hals malt, ist das ehrlichste Gütesiegel, das dieser Film je bekommen wird!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







