Im Land der Bankentürme und Uhrenvitrinen wächst eine Branche zuverlässiger als jede Börse: Die Armenspeisung. Die Caritas-Märkte melden für 2025 über 1,1 Millionen Einkäufe und damit den vierten Verkaufsrekord in Folge, die Schweizer Tafel karrt elf Prozent mehr Restposten in Gassenküchen und Notschlafstellen als im Vorjahr. Wo andere Länder Wirtschaftswachstum feiern, verzeichnet die Schweiz Wachstum beim Anstehen für Teigwaren.

Der Bund schaut dabei nicht weg. Er schaut genau hin, zählt sauber, modernisiert seine Tabellen und lässt die Zahlen anschliessend in einer Medienmitteilung verdunsten. Hungern muss hier offiziell niemand, man isst bloss nach Lieferplan, nach Kundenkarte und nach dem, was der Grossverteiler am Abend nicht mehr verkaufen konnte.

Armut Schweiz: Hunger im Bankenparadies, Abfall als Abendessen

Restposten als Grundversorgung

Die Schweizer Tafel hat 2024 rund 7655 Tonnen Lebensmittel eingesammelt, 18 Prozent mehr als im Vorjahr und damit rund 510 Einrichtungen beliefert. 2025 waren es rund 8500 Tonnen oder 1,7 Millionen Einkaufstaschen à fünf Kilogramm, Gegenwert 61,8 Millionen Franken. Was der Detailhandel nicht mehr loswird, landet bei denen, die sich den Detailhandel nicht mehr leisten können. Kreislaufwirtschaft, Schweizer Art.

Die 22 Caritas-Märkte zählten 2025 über 1,1 Millionen Verkäufe, gefragt sind Teigwaren, Milch und Öl. Der Geschäftsleiter berichtet von immer mehr neuen Kunden neben der Stammkundschaft, der Umsatz sank trotzdem leicht, weil die Preise für Grundnahrungsmittel gesenkt werden mussten. Die Gassenküchen kennen das Muster längst. In St. Gallen verdoppelte sich 2023 die Zahl der Mahlzeiten von 30 auf 60, die Sieber-Werke in Zürich meldeten über 30 Prozent mehr Gäste, Basel rund 20 Prozent. Am Tisch sitzen längst nicht mehr nur Süchtige, sondern Leute mit Lohn, die Krankenkasse, Strom und Teuerung nicht mehr stemmen. Wer glaubt, Hunger sei ein Importproblem, sollte die globale Kornkammer-Krise und die Düngerblockade vor Hormus einmal bis zum Einkaufskorb zu Ende denken.

Armut Schweiz: Hunger im Bankenparadies, Abfall als Abendessen

Die Armutsgrenze als Diätplan

2024 waren laut Bundesamt für Statistik (BFS) 8,4 Prozent der Bevölkerung oder rund 743’000 Menschen einkommensarm. Die Grenze liegt bei 2388 Franken im Monat für eine Einzelperson und 4159 Franken für eine Familie mit zwei Kindern. Davon bezahlst du Miete, Essen, Hygiene und Mobilität, die Krankenkasse ist bereits abgezogen. Rund 175’000 davon arbeiten und sind trotzdem arm. Besonders häufig trifft es Alleinerziehende, Alleinlebende, Leute ohne Berufsausbildung und Haushalte ohne Arbeit. Weitere 1,45 Millionen gelten als armutsgefährdet, 20,7 Prozent können keine unerwartete Rechnung von 2500 Franken bezahlen. Ohne Sozialtransfers läge die Armutsquote bei 16,5 Prozent, der Staat flickt also gerade die Hälfte des Lochs.

Schon in der Erhebung von 2014 konnten sich 1,7 Prozent nicht einmal jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten. Bei Kindern aus Haushalten mit tiefem Einkommen ist laut BFS rund jedes siebte in wichtigen Lebensbereichen benachteiligt, vom Velo bis zur täglichen Mahlzeit. Der Durchschnittshaushalt legt laut BFS 1736 Franken im Monat auf die Seite und gibt 638 Franken für Nahrung aus, die tiefste Einkommensklasse dagegen gibt oft mehr aus, als sie einnimmt. Der Durchschnitt ist eben die bequemste Lüge der Statistik. Wer nach Miete und Prämie noch einkaufen geht, rechnet nicht in Menüs, sondern in Restbeträgen. Das Prekariat, das abgehängt und ruhiggestellt wird, hat inzwischen eine Kundenkarte.

Armut Schweiz: Hunger im Bankenparadies, Abfall als Abendessen

Sozialhilfe in Hochauflösung

Sieben Jahre lang hat das BFS seine Sozialhilfestatistik umgebaut, mit rund 1000 Datenlieferanten und monatlicher Verarbeitung. Stolz verkündet das Amt, Kantone und Gemeinden liessen sich nun besser miteinander vergleichen. Das Elend hat jetzt also ein einheitliches Format. Für 2025 meldet es 267’300 Bezüger, 4,5 Prozent mehr als im Vorjahr, Quote 2,9 Prozent, Vergleiche mit früher bitte nur mit Vorsicht. Kinder und Jugendliche tragen mit 4,8 Prozent die höchste Quote aller Altersgruppen. Geschiedene liegen bei 4,2, Ledige bei 3,7, Verheiratete bei 1,4 und Verwitwete bei 0,8 Prozent. Ausländer kommen auf 5,4, Schweizer auf 1,9 Prozent. Die Westschweiz und Basel-Stadt liegen oben, Spitzenreiter ist Genf mit rund 7,5 Prozent und dem deutlichsten Anstieg. Die höchste Sozialhilfequote des Landes trägt Schulranzen.

Im Flüchtlingsbereich beziehen 83,6 Prozent Sozialhilfe, beim Schutzstatus S sind es 81,1 Prozent oder rund 68’000 Menschen. Diesen Status hat der Bundesrat gebaut, nicht die Ukrainer. Die Zahlen zum Asylbereich hält das BFS gleich ganz zurück, weil einzelne Kantone «weitere Abklärungen» erfordern. Derselbe Staat, der eine halbe Milliarde ins Ausland verschenkt, braucht für die eigenen Asylakten eine Nachspielzeit.

Armut Schweiz: Hunger im Bankenparadies, Abfall als Abendessen

Polster aus Luft, Prämien aus Blei

Über 82 Prozent sparen mindestens gelegentlich, zeigt eine ZHAW-Studie mit 963 Befragten. Trotzdem haben rund 15 Prozent gar keine flüssigen Reserven, knapp 45 Prozent wären nach drei Monaten ohne Lohn am Ende, nur 23 Prozent kämen länger als ein Jahr durch. Fast jeder Vierte musste im vergangenen Jahr Geld leihen, 29 Prozent kämpften mit der Steuerrechnung. Grösste Sorge sind die steigenden Fixkosten, die finanzielle Zufriedenheit dümpelt bei 5,6 von 10 Punkten. Und ab Januar steigt die mittlere Prämie für Erwachsene um 22.80 auf 487.60 Franken, Monat für Monat. Einzig der Referenzzins steht seit September 2025 bei 1,25 Prozent still. Das Gesundheitssystem ohne Gesundheit frisst den Wocheneinkauf schneller als jeder Vermieter.

Satt wird hier nur die Statistik

Die Schweiz hat Armut nicht bekämpft. Sie hat sie an Tafeln, Kirchen und Freiwillige ausgelagert und die Buchhaltung behalten. Die Tafel rettet Lebensmittel vor dem Abfall, die Politik rettet sich vor der Frage, warum es sie braucht. Die Prämie kommt jeden Monat pünktlich, das Abendessen nur noch nach Lieferplan. Ein Land, das sein Elend in Tonnen Restposten misst, hat die Armut nicht verloren, sondern ihr eine Logistikabteilung gebaut!

Armut Schweiz: Hunger im Bankenparadies, Abfall als Abendessen

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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