Zwei von drei Schweizern würden auf die freie Spitalwahl verzichten, 57 Prozent auf die freie Arztwahl und die Hälfte liesse sich sogar den Leistungskatalog der Grundversicherung zusammenstreichen. Das ist keine Umfrage, das ist ein Geständnis: Ein Volk, das jedes Jahr mehr bezahlt, bietet freiwillig an, noch weniger dafür zu bekommen. Das Gesundheitssystem kümmert sich längst nicht mehr um deine Gesundheit, sondern um sich selbst. Der Patient ist darin bloss noch der Rohstoff, der zahlt, schweigt und sich bedankt.
Wachs in den Händen der Prämienverwalter
Die Zahlen stammen aus dem 25. Gesundheitsmonitor, erhoben von GFS Bern bei 1046 Stimmberechtigten zwischen Ende Juli und Mitte August 2026. Die Bereitschaft, auf die Spitalwahl zu verzichten, stieg innert eines Jahres um 16 Prozentpunkte auf 65 Prozent, bei der Arztwahl von 43 auf 57 Prozent, beim Leistungsabbau von 36 auf 50 Prozent. 62 Prozent erwärmen sich für eine Budget-Krankenkasse mit entschlacktem Katalog, 56 Prozent für automatische Kostenbremsen. Und weil die Logik im Prämienschock als Erstes stirbt, befürworten 67 Prozent gleich hohe Kopfprämien für alle und zugleich 63 Prozent einkommensabhängige Prämien. Das ist kein Kompromiss, das ist Schnappatmung.
Dabei hat der Schweizer seine Wahlfreiheit längst verkauft. Rund 80 Prozent der Versicherten stecken laut Kassenverband prio.swiss bereits in einem Hausarzt-, HMO- oder Telmed-Modell mit eingeschränkter Wahl. Das Opfer wurde gebracht. Die Prämie stieg trotzdem, 2026 um 4,4 Prozent auf 393,30 Franken im Monat und für 2027 rechnet das BAG bereits mit 4,5 bis 5 Prozent. Wer nach dem Verzicht noch mehr Verzicht anbietet, hat nicht gespart, sondern sich dressieren lassen.
Wer die Umfrage bestellt, kassiert auch die Prämie
Auftraggeber des Gesundheitsmonitors ist Interpharma, der Lobbyverband der forschenden Pharmaindustrie. Dessen Geschäftsführer René Buholzer las aus dem Opferwillen des Volkes prompt die passende Botschaft: Eine moderne Gesundheitspolitik solle Innovationen «nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Kosten, sondern auch mit Blick auf die Versorgungsqualität beurteilen». Übersetzt: Die Arztwahl darfst du abgeben, über den Preis der neuen Pille wird nicht verhandelt. Dass teurere Innovationen die Prämien erneut hochtreiben, steht nicht in der Medienmitteilung, sondern in deiner nächsten Rechnung.
Dort steht auch, wo das Geld landet. 9,4 Milliarden Franken gab die Grundversicherung 2024 für Medikamente aus, laut Helsana-Arzneimittelreport gut 30 Prozent davon für Krebs- und Immunmittel, die bloss 2,8 Prozent der Bezüge ausmachen. Generika kosten im Ausland 45,5 Prozent weniger, ausgewiesen im gemeinsamen Preisvergleich von santésuisse und – man staune – Interpharma selbst. Rund eine Milliarde Franken liesse sich dort sparen, rechnete santésuisse-Direktorin Verena Nold vor, drei Prämienprozente. Gespart wird stattdessen an deiner Spitalwahl.
Roche verbuchte 2025 einen Reingewinn von 13,8 Milliarden Franken, Novartis 14 Milliarden Dollar, Novartis-Chef Vas Narasimhan kassierte 24,9 Millionen Franken. Die Chefs von CSS und Helsana strichen je knapp eine Million ein, Helsana mit 25 Prozent Aufschlag, die CSS begründete ihr Plus von 17 Prozent mit einem der besten Jahresergebnisse der Firmengeschichte. Der geplante Lohndeckel von 405’656 Franken würde bloss den Grundversicherungsteil betreffen, ein Deckel mit eingebautem Loch. Der Prämienzahler wird ausgequetscht, damit die Bilanz glänzt. Wie das Geschäftsmodell dahinter funktioniert, haben wir unter Symptome pflegen, Heilung verhindern seziert, ebenso, warum niemand erforscht, was sich nicht patentieren lässt.
Fliessband im weissen Kittel
Fairerweise: Schweizer Hausärzte nehmen sich mit 15 bis 17 Minuten pro Konsultation im internationalen Vergleich viel Zeit, so eine BMJ-Open-Auswertung über 67 Länder. Das Problem sitzt eine Etage höher. Ein Spitalarzt in der Akutsomatik verbringt laut FMH-Befragung 2025 täglich 114 Minuten am Patientendossier und weitere 35 Minuten mit Vorgaben von Behörden und Versicherern, gegenüber rund 211 Minuten direkter Arbeit am Menschen. Zweieinhalb Stunden Buchhaltung am Tag, damit der Apparat weiss, was er abrechnen kann. Die Medizin behandelt Krankheiten, aber keine Menschen und jede neue Sparmassnahme bringt ein neues Formular, das die Zeit am Bett weiter frisst. Selbstständige Spezialärzte erreichten schon 2018 laut BAG-Studie einen Median von 257’000 Franken, einzelne Fachrichtungen über 600’000. Am Fliessband verdient, wer die meisten Stücke abrechnet.
Arztwahl gegen Rabatt: Der Impffanatiker als Pflichtprogramm
Und dann die Frage, die in keiner Umfrage gestellt wurde. Ohne freie Arztwahl entscheidet die Kasse, wer dich behandelt, nicht dein Vertrauen. Stell dir vor, der zugeteilte Arzt ist ausgerechnet jener Impffanatiker, der dir bei jedem Schnupfen die nächste Auffrischung ans Herz legt und jeden Zweifel als Wissenschaftsfeindlichkeit abstempelt. Wechseln? Nur gegen Aufpreis. Die freie Arztwahl ist kein Luxus, sie ist das letzte Stück Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Wer sie für ein paar Prämienfranken verscherbelt, weiss nicht, was er verkauft. Wege jenseits des Kassenkorsetts gibt es übrigens, man muss sie bloss suchen wollen.
Diagnose: Das Volk als Dauerpatient
Die Leute, die angeblich wegen jedes Bobos die Praxis stürmen, taugen als Sündenbock, weil sie keine Lobby haben. Die Milliarden fliessen woanders hin, zu Konzernen mit Rekordgewinn, zu Kassenchefs mit Rekordlohn und in einen Apparat, der zweieinhalb Stunden täglich Formulare füttert. Dieses Gesundheitssystem kümmert sich nicht um die Gesundheit der Menschen, es kümmert sich um seinen eigenen Kreislauf und der läuft nur, solange du krank bist und zahlst.
Rund 80 Prozent haben die Arztwahl bereits abgegeben, die Prämie stieg trotzdem. Die nächste Umfrage fragt, ob du aufs Spital gleich ganz verzichtest. Wer dem Wärter die Kette selbst reicht, muss sich über den Kerker nicht wundern. Frag zuerst, wer an deiner Krankheit verdient – und hör auf, ihm dafür zu danken!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







