Drei Anklagen, drei Freisprüche und ein Plädoyer, das klingt, als stamme es aus der Pressestelle der Knesset: Der Zionismus sei keine blosse Antwort auf Judenhass, keine Religion und schon gar nicht rechtsextrem. Wer anderes behaupte, sitze einem Mythos auf. Dumm nur, dass Israel am 27. Oktober wählt und die amtierende Regierung zwei Minister trägt, die zwei dieser Freisprüche eigenhändig zerreissen. Mythen gibt es tatsächlich. Sie sitzen bloss auf beiden Bänken des Gerichtssaals. Geboren wurde die Bewegung in Basel, also darf ein Schweizer Blog die Akten nachprüfen. Das Ergebnis ist für beide Lager peinlich.
Basel 1897: Der Judenhass als Geburtshelfer, nicht als Vater
Die bequemste Kurzfassung geht so: Pogrome, Dreyfus, Kongress, fertig ist der Zionismus. Tatsächlich tagte der erste Zionistenkongress 1897 im Basler Stadtcasino, organisiert von Theodor Herzl. Der hatte als Pariser Korrespondent der Wiener «Neuen Freien Presse» den Prozess gegen Hauptmann Alfred Dreyfus verfolgt und Anfang 1895 dessen öffentliche Degradierung samt Hetze miterlebt. Dreyfus war 1894 als angeblicher Landesverräter verurteilt worden. Ein Jahr später erschien «Der Judenstaat». Den Gedanken einer jüdischen Nation hatte aber schon 1862 der Sozialist Moses Hess zu Papier gebracht. Möglich machte ihn die Emanzipation, die Frankreich den Juden 1790 und 1791 in Etappen gewährte. Wer Bürger wird, fragt plötzlich, welcher Nation er angehört. So weit punktet die Verteidigung.
Nur beweist einer ihrer eigenen Gründerväter das Gegenteil. Leo Pinsker glaubte an die Assimilation, bis ihn das Pogrom von Odessa 1881 eines Besseren belehrte. Ein Jahr später erschien seine «Autoemanzipation». 1884 berief er die Konferenz von Kattowitz ein und führte die Bewegung der Zionsfreunde an, mehr als ein Jahrzehnt vor Herzls Kongress. Der Judenhass hat den Zionismus nicht gezeugt, aber er hat ihn aus der Bibliothek auf die Strasse geprügelt. Wer daraus eine reine Ideengeschichte macht, malt mit Weichzeichner. Wer umgekehrt nur einen Reflex sieht, unterschlägt drei Jahrzehnte Vorlauf.
Säkulare Gründer, fromme Erben
Auch beim zweiten Freispruch hat die Verteidigung einen Punkt. Herzls Zukunftsroman «Altneuland» von 1902 malt einen Staat aus Elektrizitätswerken und Genossenschaften, in dem der Schabbat eher im Herzen als im Gesetzbuch wohnt und ein arabischer Ingenieur namens Reschid Bey zur Führungsriege gehört. Die hebräische Ausgabe hiess übrigens schlicht «Tel Aviv». Ein Gottesstaat sieht anders aus. Die grosse Ausnahme war Rabbiner Abraham Isaak Kook, ab 1921 erster aschkenasischer Oberrabbiner im Mandatsgebiet, der den gottlosen Pionieren unterstellte, sie arbeiteten unwissentlich am göttlichen Heilsplan. Das Alte solle erneuert, das Neue geheiligt werden, lautete sein Programm.
Genau diese Unterstellung hat überlebt, Herzls Elektrizitätswerke weniger. Kooks Sohn erklärte den Staat zur sichtbaren Stufe der Erlösung und laut jüngster Erhebung nennen sich 26,4 Prozent der erwachsenen jüdischen Israelis religiös oder traditionell-religiös, weitere 11,5 Prozent ultraorthodox. In einer Umfrage vom Mai 2025 ordneten sich 28 Prozent dem religiösen Zionismus zu. Naftali Bennett, Chef einer religiösen Rechtspartei, regierte 2021 bis 2022. Im Finanzministerium sitzt heute Bezalel Smotrich, lebenslanger Siedler und Chef einer Partei, die schlicht «Religiöser Zionismus» heisst. Der angebliche Mythos ist kein Irrtum über die Vergangenheit. Er ist eine Prognose, die gerade eintrifft.
Links gegründet: Alles gehörte allen
Beim dritten Freispruch wird es kabarettreif. Ja, die Gründerjahre gehörten der Linken und selbst der Philosoph, auf den sich die Freisprecher gern berufen, Shlomo Avineri, leitete einst unter Jitzchak Rabin das Aussenministerium. Der erste Kibbuz entstand 1909 in Degania, alles gehörte allen. Die 1920 gegründete Gewerkschaft Histadrut besass zusammen mit dem Staat den Grossteil der Wirtschaft, von der Bank Hapoalim bis zur Reederei ZIM. Arabische Arbeiter durften allerdings erst ab Mai 1953 beitreten, die Gleichheit hatte eine Gästeliste. Als 1995 die Krankenkasse vom Gewerkschaftsbuch getrennt wurde, schrumpfte die Histadrut von 1,8 Millionen auf rund 200’000 Mitglieder. Und schon 1923 verkündete Wladimir Jabotinsky in «Die eiserne Mauer», eine freiwillige Einigung mit den Arabern sei unmöglich, die Besiedlung müsse hinter einer Macht voranschreiten, die die Einheimischen nicht durchbrechen können. Die Rechte war früh da. Sie wartete.
Rechts geerbt: Das Warten hat sich gelohnt
1977 hatte das Warten ein Ende. Die Arbeitspartei verlor erstmals eine Wahl und der Likud verordnete dem Land den freien Markt, zunächst mit verheerendem Ergebnis. Nach dem Stabilisierungsplan von 1985 kamen der Industriekonzern Koor und weitere Gewerkschaftsbetriebe unter den Hammer. Gewinner waren Kapitalbesitzer und Manager, Verlierer die Palästinenser und die orientalischen Juden in der Peripherie. Mit Ehud Barak verliess 2001 der letzte Premier der Arbeitspartei das Amt. Benjamin Netanjahu regiert seit 1996 mit Unterbrechungen rund 19 Jahre. Neben ihm sitzt Itamar Ben-Gvir, Chef der Partei Jüdische Stärke und seit 2022 mit kurzer Pause Minister für nationale Sicherheit.
Die Verteidiger machen daraus einen Ehrentitel: Die Linke predige heute Grenzenlosigkeit und verachte die Souveränität, ausgerechnet die Nationalpopulisten um Netanjahu hielten die Selbstbestimmung hoch und bewahrten so den Geist der Gründer. Das stimmt sogar, bloss anders als gemeint. 2018 schrieb die Knesset mit 62 zu 55 Stimmen ins Grundgesetz, das Recht auf nationale Selbstbestimmung stehe in Israel allein dem jüdischen Volk zu und jüdische Besiedlung sei ein nationaler Wert. Arabisch behielt einen Sonderstatus, Demokratie und Gleichheit kommen im Text nicht vor. Herzls arabischer Ingenieur dürfte heute bestenfalls mit Sonderstatus mitregieren. Der Zionismus ist nicht rechtsextrem, die Rechtsextremen sind bloss seine treuesten Söhne.
Urteil: Wortklauberei mit Wahltermin
Bleibt der Vorschlag mancher Verteidiger, das Wort gleich ganz zu entsorgen, weil es nur noch Ärger mache. Wer drei Anklagen mit Fussnoten abwehrt und die vierte durch Umbenennung, hat Politik begriffen. Die Beschwichtigungsformel kennt man hier schon aus der UNO-Akte, das Firmenschild der Gründer und ihr Siedlungsprogramm ebenso. Wer jede Kritik daran zu Judenhass erklärt, verheizt den Begriff, den er zu schützen vorgibt. Die drei Mythen sind keine Lügen der Gegner, sondern Halbwahrheiten beider Lager: Die Gründer waren säkular, links und von mehr als Hass getrieben, ihre Erben werden frömmer, rechter und regieren mit der Angst als Dauerargument. 1897 tagten im Basler Stadtcasino Sozialisten und Liberale, 2022 feierten ihre Nachfolger dort das Jubiläum unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Herzl träumte von einem arabischen Ingenieur in der Regierung, die Umfragen vom Oktober geben Ben-Gvirs Partei sechs bis acht Sitze. Rechtsextrem sei der Zionismus nicht, versichern die Verteidiger, er habe die Rechtsextremen bloss an den Kabinettstisch gebeten. Am 27. Oktober darf Israel entscheiden, ob der dritte Mythos Regierungsprogramm bleibt!











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