Der zionistische Kolonialismus ist keine Erfindung seiner Gegner, er ist das Firmenschild seiner Gründer. Herzl plante eine Landnahmegesellschaft nach britischem Muster, schmierte einen osmanischen Spitzenbeamten und warb bei Cecil Rhodes für etwas «Coloniales». Weizmann bot Palästina als Wachhund am Suezkanal feil, Jabotinsky verlangte eine eiserne Mauer gegen die Einheimischen. Wer heute «Kolonialismus» sagt und dafür als Judenhasser gebrandmarkt wird, hat bloss das Kleingedruckte der Gründungsurkunde vorgelesen.
Die Firma heisst Kolonie
Die Bewegung hat ihr Programm nie versteckt, sie hat es ins Handelsregister eintragen lassen. 1891 entstand in London die Jewish Colonization Association, eine Aktiengesellschaft mit Baron Edmond de Rothschild unter den Aktionären. 1899 übergab Rothschild ihr seine Siedlungen in Palästina samt 15 Millionen Francs, 1923 folgte die Palestine Jewish Colonization Association. Das Geld der politischen Zionisten floss durch den Jewish Colonial Trust. In Argentinien setzte die Association bis 1930 rund 20’000 Kolonisten auf etwa 500’000 Hektar. Kolonie hier, Kolonie dort, Kolonie im Briefkopf.
Theodor Herzl lieferte 1896 in «Der Judenstaat» die Bauanleitung. Seine «Jewish Company» sei «nach dem Vorbilde der grossen Landnahmegesellschaften gedacht», eine «jüdische Chartered Company», gegründet «unter dem Schutze Englands» mit Hauptsitz London. Welches Land, war zweitrangig: «Palästina oder Argentinien?», fragte Herzl und versprach, man werde nehmen, «was man ihr gibt». London gab tatsächlich, erst den Nordsinai bei El-Arish, dann 1903 ein Hochland in Ostafrika. Die Heimat der Ahnen stand im Katalog neben der Pampa und dem kenianischen Hochland.
Wall gegen Asien, Bombe gegen Bestien
Welchen Blick diese Kolonisten auf ihr Zielgebiet warfen, schrieb Herzl gleich mit. In Palästina wolle man für Europa «ein Stück des Walles gegen Asien bilden» und «den Vorpostendienst der Cultur gegen die Barbarei besorgen». Für die Säuberung eines Landes von wilden Tieren empfahl er, die Bestien zusammenzutreiben und «eine Melinitbombe unter sie» zu werfen. Eine Schutztruppe solle «etwa ein Zehntel der männlichen Einwanderer» umfassen und die «Hereinziehung nichtjüdischer Arbeitssclaven» werde man durch Boykott vereiteln. In den Kapiteln über Landkauf und Besiedlung kommen die Einheimischen Palästinas schlicht nicht vor.
Den Weg zum Sultan pflasterte Herzl mit Bargeld. In seinen Tagebüchern hielt er 1899 fest, wie er dem Generalsekretär des osmanischen Aussenministeriums, Nuri Bey, 10’000 Francs Vorschuss und weitere 30’000 für eine Audienz zusagte, bar und auf Wunsch des Empfängers ohne Quittung. Im November drohte er demselben Mann, ohne jüdische Kolonisation komme eben die Kolonisation durch andere und die werde Konstantinopel teuer zu stehen kommen. Der Visionär verhandelte wie ein Grundstücksmakler mit Schmiergeldkasse.
Etwas «Coloniales»
Im Januar 1902 schrieb Herzl einen Briefentwurf an Cecil Rhodes in sein Tagebuch, an den Vorkämpfer des britischen Imperialismus, nach dem eine ganze afrikanische Kolonie benannt war. Es gehe diesmal nicht um Afrika, sondern um ein Stück Kleinasien, nicht um Engländer, sondern um Juden. Warum er sich dann ausgerechnet an Rhodes wende? Weil es sich um etwas «Coloniales» handle, das zwanzig bis dreissig Jahre Entwicklung benötige (Briefe und Tagebücher, Band 3, Seite 327). Der Gründervater des Judenstaats bat den Architekten Rhodesiens um Hilfe, ausdrücklich als Kolonisator unter Kolonisatoren.
Ein Ausrutscher war das nicht. Der italienische Philosoph Domenico Losurdo hat in «Die Sprache des Imperiums» die Belege aus Herzls Schriften zusammengetragen. «Die zionistische Idee, die eine koloniale ist», werde in Ländern mit Überseebesitz leichter verstanden, schrieb Herzl. Den Engländern schmeichelte er, ihre Politiker hätten als Erste «die Notwendigkeit der kolonialen Ausbreitung» erkannt. Die Juden sollten «als Culturträger des Westens» in «diesen jetzt verseuchten, verwahrlosten Winkel des Orients Reinlichkeit, Ordnung» bringen. Die Kolonie löste zudem ein Problem daheim: Sie sollte «ein schreckliches Proletariat» abführen und die jüdischen Arbeiter «vom Sozialismus u. Nihilismus» abwenden. Rhodes hatte dieselbe Rechnung aufgemacht, überliefert bei Lenin: «Wenn Sie den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten werden.» Zwei Männer, ein Rezept, ein Kontinent als Ventil.
Wachhund am Suezkanal
Chaim Weizmann schliesslich verkaufte das Projekt dem Empire als Sicherheitsdienstleistung. Schon 1903 hatte er seinen Genossen nach einem Besuch in London empfohlen, die politische Arbeit in erstklassige Hände zu legen, «ich nenne es einfach Propaganda». Ende 1914 schrieb er dem Guardian-Herausgeber C. P. Scott, eine jüdische Siedlung «als britische Dependenz» bringe in 25 bis 30 Jahren eine Million Juden ins Land. Diese würden «die Zivilisation zurückbringen» und «eine sehr wirksame Wache am Suezkanal» bilden, Palästina werde «ein asiatisches Belgien». London griff zu. Mit der Balfour-Erklärung 1917 hoffte die britische Regierung laut Britannica auf eine pro-britische Bevölkerung, welche die Zugänge zum Kanal und damit die Route nach Indien sichert. Die arabische Mehrheit kam im Dokument nur als «nichtjüdische Gemeinschaften» vor, ohne Namen und ohne politische Rechte. Ein Volk wurde zur Fussnote seines eigenen Landes erklärt, damit ein anderes den Seeweg nach Indien bewachen konnte. Als London 1939 im Weissbuch die weitere Einwanderung auf 75’000 Personen begrenzte und alles Weitere an die Zustimmung der Araber knüpfte, schrien die Zionisten Verrat. Die Zustimmung der Einheimischen galt als Zumutung.
Die eiserne Mauer
Am ehrlichsten war Wladimir Jabotinsky. In «Die eiserne Mauer» hielt er 1923 fest, es gebe kein einziges Beispiel einer Kolonisierung mit Zustimmung der Einheimischen. Die Araber liebten Palästina wie die Azteken ihr Mexiko und die Sioux ihre Prärie, kulturell stünden sie «fünfhundert Jahre hinter uns». Also müsse die zionistische Kolonisierung weitergehen «ungeachtet der einheimischen Bevölkerung», geschützt durch eine Macht, deren Mauer die Einheimischen nicht durchbrechen können. Zwischen «Militaristen» und «Vegetariern» im eigenen Lager gebe es nur einen Unterschied: Die einen wollten jüdische Soldaten auf der Mauer, die anderen britische. Gerechtigkeit müsse geschehen, ob Josef, Simon, Iwan oder Achmed einverstanden seien.
Aus dieser Mauer wurden Bombe, Strick und Terror, aus der Kolonisierung 1948 die Nakba. Dass dieselbe Führung sich zuvor nicht zu fein war, mit dem Dritten Reich Geschäfte zu machen, passt ins Bild einer Bewegung, die jeden Partner nahm, der Land versprach.
Was die Verteidiger einwenden
Die Gegenseite hält dagegen, es habe kein Mutterland gegeben und die Siedler seien Verfolgte aus dem Zarenreich gewesen. Der Politologe Alan Dowty rechnet am Stroum Center der University of Washington vor, mindestens 80 Prozent seien Flüchtlinge gewesen. Er verwirft das Etikett Siedlerkolonialismus, räumt aber ein, die frühen Siedler hätten sich selbst Kolonisten genannt. Das Mutterland fehlte tatsächlich. Also mietete man sich eine Schutzmacht, erst in Konstantinopel, dann in London. Und die Azteken-Vergleiche stammen nicht von Kritikern, sondern von Jabotinsky selbst.
Die Mauer steht noch
Die Gründer nannten es Kolonisation, ihre Erben nennen es Heimkehr und wer den Originalbegriff zitiert, bekommt das Antisemitismus-Etikett umgehängt. 1896 der Wall gegen Asien. 1902 das Coloniale für Rhodes. 1914 der Wachhund am Kanal. 1923 die eiserne Mauer. Frag die Sioux, wie eine Heimkehr aussieht, die man mit Soldaten auf der Mauer absichert!











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