Es gibt Länder, die besetzt sind und es wissen. Es gibt Länder, die besetzt sind und es nicht wissen wollen. Und dann gibt es Italien – ein Land, das von der Toskana bis nach Sizilien mit über 120 amerikanischen Militäranlagen übersät ist, das die beste Küche der Welt produziert, den besten Espresso der Welt kocht und mit der gelassenen Eleganz eines Mannes, der seinen eigenen Hausschlüssel längst abgegeben hat, so tut, als wäre das alles vollkommen normal.
Die Karte oben ist kein Kunstprojekt. Es ist ein Inventar. USAF-Basen, US-Navy-Basen, NSA-Abhörzentren, Atomwaffendepots, Radaranlagen, CIA-NSA-Stützpunkte, Atom-U-Boot-Basen, Anti-U-Boot-Kriegszentren, Raketensilos. Rund 120 US-Militärbasen, von denen einige als geheime Einrichtungen klassifiziert sind, verteilen sich über das gesamte Land – geregelt durch den bilateralen Vertrag von 1954, der die amerikanische Präsenz auf italienischem Territorium legalisiert. Und die Karte zeigt ausdrücklich: Das sind noch nicht alle. Die «unsichtbaren», insbesondere im Nordosten, sind nicht einmal aufgeführt.
Man stelle sich kurz vor, die Situation wäre umgekehrt. 120 chinesische Militärbasen in Belgien. NSA-Äquivalente in Bayern. Atomwaffendepots in der Nähe von Bern. Der westliche Medienbetrieb würde wochenlang brennen. Sondersitzungen des Sicherheitsrats. Notfallgipfel in Brüssel. Titelseiten. Empörung. Aber es sind amerikanische Basen in Italien. Also, kein Thema.
Mehr als 12’000 US-Militärangehörige sind derzeit im Land stationiert. In Aviano lagern nach inoffiziellen Quellen Atomsprengköpfe. Camp Darby bei Pisa, entstanden durch ein Abkommen von 1951, bei dem das Pentagon tausende Hektar toskanischen Waldes in eine geheime Militärbasis umwandeln durfte, gilt als eine der grössten US-Basen ausserhalb amerikanischen Territoriums. Geheime Abkommen regeln nuklearbetriebene U-Boot-Basen. Der italienische Staat durfte laut dem Vertrag von 1954 nicht einmal vollständig wissen, was auf seinem eigenen Territorium stationiert ist.
Das Akronym AMGOT – American Government Occupied Territory – stammt aus dem Zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Militärverwaltung 1943 die Kontrolle über befreite italienische Gebiete übernahm. Der Begriff verschwand offiziell. Die Realität, die er beschreibt, blieb.
Das juristisch Elegante an der Konstruktion ist dabei ihre Selbstlegitimierung: Italien erklärte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, es habe von den Angriffsplänen der NATO beim Bombardement des serbischen Fernsehens in Belgrad nichts gewusst – Flugzeuge, die von italienischem Boden starteten, hätten Ziele angegriffen, über die Italien keine Entscheidungsgewalt hatte. Das Land stellt das Territorium, trägt die Konsequenzen, aber kennt die Pläne nicht. Das ist keine Partnerschaft. Das ist Outsourcing von Souveränität.
Die Bevölkerung mancher Städte weiss, was sie davon hält. Vicenza hat jahrelang gegen die Erweiterung der dortigen US-Basis protestiert – mit bemerkenswert wenig Effekt. Was die lokale Bevölkerung will, ist in diesem Arrangement eine Variable von untergeordneter Bedeutung.
Und die italienische Politik? Regierungen kommen und gehen, links, rechts, Mitte, Chaos – aber die Basen bleiben. Der Vertrag von 1954 ist das stabilste politische Element der italienischen Nachkriegsgeschichte. Stabiler als jede Regierung, die das Land je hatte.
Das schönste Land Europas. Die weltweit beste Küche. Und über hundert amerikanische Militäranlagen von den Alpen bis nach Lampedusa.
Benvenuti in AMGOT. Der Espresso ist trotzdem ausgezeichnet…








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