«Zionismus ist doch bloss die Idee eines sicheren Staates für Juden, mit Regierungshandeln hat das nichts zu tun.» So klingt die Beschwichtigungsformel, mit der jede Debatte erstickt wird, bevor sie beginnt. Dumm nur, dass die Gründerväter selbst etwas anderes zu Papier brachten: Herzl warb für etwas «Koloniales», Jabotinsky verlangte die Besiedlung gegen den Willen der Einheimischen, 1948 verloren über 700’000 Palästinenser ihre Heimat und seit 2018 steht im Grundgesetz, wem die nationale Selbstbestimmung allein gehört. 2025 kam eine UNO-Kommission zum Schluss, der Staat der Gründerväter habe in Gaza Völkermord begangen. Die harmlose Idee hat eine Akte und die ist dicker als jede Talkshow-Ausrede.
Geboren in Basel, getauft als Kolonie
Fair bleibt fair: Der politische Zionismus entstand nicht im Luxushotel, sondern aus der Angst. Theodor Herzl schrieb «Der Judenstaat» unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre, 1897 beschlossen rund 200 Delegierte in Basel eine «öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte» in Palästina. Nur lebten dort bereits Menschen. Schon 1895 notierte Herzl im Tagebuch, man werde die mittellose Bevölkerung diskret über die Grenze schaffen. Seine Verteidiger wenden ein, er habe damals noch an Argentinien gedacht. Als ob Vertreibung in Südamerika ein besseres Programm wäre. Wohin die Reise ging, verriet Herzl 1902 in seinem Brief an den britischen Kolonialisten Cecil Rhodes. Warum er sich ausgerechnet an ihn wende? «Weil es etwas Koloniales ist.» Wer das für eine böswillige Unterstellung hält, liest die Selbstauskunft der Gründer, die hier schon ausführlich seziert wurde.
Wladimir Zeev Jabotinsky wurde deutlicher. In seinem Essay «Die eiserne Mauer» schrieb er 1923, die zionistische Kolonisation müsse entweder aufhören oder ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung weitergehen. Israel dankt es ihm mit 57 Strassen, Plätzen und Parks, mehr als jeder anderen historischen Figur, Herzl eingeschlossen. Benzion Netanyahu diente ihm als Privatsekretär und zog den Sohn in seiner Lehre gross. Der Sohn regiert heute. Die Behauptung, Ideologie und Regierungshandeln hätten nichts miteinander zu tun, ist darum keine Meinung, sondern eine Familienlüge.
1948: Die Idee bekommt Bagger
Was als Essay begann, endete als Räumungsbefehl. Über 700’000 Palästinenser flohen oder wurden vertrieben, allein aus Lydda und Ramla rund 50’000 in einem einzigen Zug, rund 418 Dörfer systematisch zerstört. In Deir Yassin töteten Kämpfer von Irgun und Lechi am 9. April 1948 über hundert Männer, Frauen und Kinder. Irgun-Chef Menachem Begin wurde 1977 Premierminister, Lechi-Kommandant Jitzchak Schamir beerbte ihn 1983. So wird man in Israel vom Untergrund zum Gründungsmythos. Der israelische Historiker Benny Morris zählte in den Akten rund zwei Dutzend Massaker, der Operationsplan «Dalet» sah die Räumung und Zerstörung feindlicher Dörfer vor. Den ehrlichsten Satz dazu lieferte Morris gleich selbst: Ohne Vertreibung kein jüdischer Staat, Ben-Gurion habe bloss den Fehler begangen, den Job nicht zu Ende zu bringen. So spricht ein Verteidiger.
Rassismus mit Rückgaberecht
Am 10. November 1975 stellte die UNO-Generalversammlung fest, der Zionismus sei «eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung», mit 72 zu 35 Stimmen bei 32 Enthaltungen. Die Resolution stellte ihn in eine Reihe mit dem Regime in Südafrika, das damals noch fröhlich Apartheid betrieb. Sechzehn Jahre später wurde der Befund wieder eingesammelt, wie ein Rückruf beim Autohändler. Israel machte die Aufhebung zur Bedingung für seine Teilnahme an der Madrider Friedenskonferenz, am 16. Dezember 1991 folgten 111 Staaten, 25 stimmten dagegen, 13 enthielten sich. Eine Wahrheit, die man per Handzeichen zurücknehmen kann, war offenbar nur geliehen. Die Heritage Foundation hatte Washington zuvor empfohlen, Gegnern der Aufhebung die Entwicklungshilfe zu kürzen. Geändert hatte sich an der Ideologie nichts, nur an den Mehrheiten.
Demokratie mit Gästeliste
Wer noch zweifelt, liest Israels Grundgesetz von 2018: Die Verwirklichung der nationalen Selbstbestimmung sei «einzig dem jüdischen Volk» vorbehalten, jüdische Besiedlung gilt als nationaler Wert, Arabisch wurde von der Amtssprache zum Sonderstatus degradiert. Der Soziologe Sammy Smooha nennt das Ethnodemokratie: Bürgerrechte für alle, Vorherrschaft für die Mehrheit. Das Oberste Gericht hielt 2021 mit zehn zu eins fest, Arabern blieben alle Bürgerrechte, sie wählen und sitzen in der Knesset. Stimmt. Nur der Staat gehört ihnen nicht. Dagegen stimmte einzig der palästinensische Richter George Karra. Besonders laut protestierten übrigens die Drusen, die in der Armee dienen und für Israel ihr Leben riskieren. Ihr Lohn: Bürger zweiter Ordnung mit Marschbefehl. Und schon Ahad Ha’am, Vordenker des Kulturzionismus, warnte 1891, wer die Einheimischen mit Feindseligkeit und Grausamkeit behandle, ernte Rache.
Wer heute als Jude dasselbe sagt, landet im Giftschrank. Der Berliner Verein «Jüdische Stimme» sollte 2024 der Berliner Sparkasse eine vollständige Mitgliederliste abliefern, sonst sei das Konto weg. Wer Antisemitismus so grosszügig verteilt, beschützt keine Juden, er verpasst ihnen einen Maulkorb.
Die Heimstätte und ihr Friedhof
Im September 2025 befand die UNO-Untersuchungskommission unter Navi Pillay, Israel habe in Gaza Völkermord begangen, vier von fünf Tatbeständen der Konvention seien erfüllt. Jerusalem nannte den Bericht «verzerrt und falsch». Was 1897 in Basel als Zufluchtsort für Verfolgte beschlossen wurde, verwaltet heute ein Kabinett, das sich auf Jabotinsky beruft und die eiserne Mauer mit Kampfjets baut. Auf dem Papier klang die Idee nach Zuflucht. 1923 verlangte Jabotinsky eine eiserne Mauer gegen die Einheimischen, 2025 stellte eine UNO-Kommission den Völkermord fest. Dazwischen liegen 102 Jahre und eine verblüffend gerade Linie. Wer erklärt den 418 Dörfern, wo genau die «harmlose Idee» aufhörte und das Regierungshandeln anfing?










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