Zwei Ärzte und ein Medium sollten am PanaCeHa-Kongress in Glattfelden das Menschenbild der Medizin von morgen entwerfen. Heraus kam ein Mensch, der sich selbst heilt, seine Krankheit als Segen empfängt, seinen Krebs selbst wählt und dem Kardiologen zum Dank sechs Medikamente vorspielt, die er nie schluckt.

Die Diagnose der Runde stimmt dabei sogar: Medizin ist ein Geschäftsmodell. Die Ärzteschaft sei in der Corona-Zeit «grauenhaft an die Wand gefahren» worden, sagt einer der beiden Ärzte. Daran zweifelt im Saal niemand. Nur verkauft das Podium als Therapie gleich das nächste Geschäft, diesmal mit Engeln, Sternenvölkern und Fortbildungspunkten. Wer wissen will, welcher Mensch in der Medizin von morgen behandelt werden soll, muss dieser Stunde genau zuhören.

Menschenbild der Zukunftsmedizin: Selbst heilen, selbst zahlen, selbst schuld

Die Leiche als Lehrmeister

Das Podium «Medizin und Spiritualität» am PanaCeHa-Kongress vom März 2026 besetzten der Hausarzt Andreas Heisler, das Medium Birgit Fischer und der Zürcher Neurologe Christian Schopper, laut Ärzteblatt ein langjähriger Klinikleiter und Anthroposoph. Schopper eröffnet mit einer Generalabrechnung: Das Medizinstudium in Deutschland sei eine Gehirnwäsche der dümmsten Art, kein Studium stelle weniger Anforderungen an den Geist. Den Menschen lerne der Student als stinkende Formalin-Leiche kennen, nie als gesundes Ganzes.

Dann folgt die Kaufkette: Weisser Kittel, viel Geld, Status, «und dann wird man gekauft». Darüber stehe die Merkantilisierung der Medizin als grosser Moloch, gestützt auf ein materialistisches Weltbild und eine Wissenschaftsmethodik, die den Namen nicht verdiene.

Ganz falsch ist das nicht. Formalin fixiert den Körper so gründlich, dass Gelenke messbar an Beweglichkeit verlieren. Dass es an solchen Körpern «keinerlei Faszien» gebe, belegt dagegen keine Quelle. Als Gegenbild preist Heisler die Viergliedrigkeit des Menschen nach Rudolf Steiner, die am Vormittag vorgestellt worden sei. Schoppers Wunsch zum Schluss: Ärzte sollten wieder Ärzte sein und nicht Mediziner und Gesundheitstechniker. Ein Satz, den man unterschreiben kann, solange man nicht weiterhört.

Der Patient heilt sich selbst und haftet auch selbst

Heisler macht aus seinem Namen ein Programm: Ein Buchstabe weg, schon sei er der Andreas Heiler. Gleich darauf nimmt er es zurück: «Wir heilen nicht», die Patienten heilten sich selber. Fischer bestätigt: Der Mensch heile sich selbst, das sei die Aktivierung der Selbstheilungskräfte, «es ist die Energetik». Sie sei seit der Kindheit schwer krank gewesen, die Medizin habe sie mehrmals fast umgebracht, gerettet habe sie die Energiearbeit. Der Verstand sei «nur eine Gehirnwäsche», das Energiesystem viel mächtiger.

Heilung, warnt Fischer, könne man niemals versprechen. Im selben Atemzug berichtet sie von tausenden Klienten und Workshops, in denen Spontanheilungen «ständig» passierten. Ihr Vater habe den Krebs gewählt, um einen Ausgang zu nehmen, auch das sei eine Heilform. Wer sich selbst heilt, ist folgerichtig auch an seinem Sterben selbst beteiligt.

Ihre neue Ausbildung «Energetik Medizin» mit dem Arzt Hobert wird von der Ärztekammer mit 41 Punkten bewertet. Die Kursseite nennt 32 CME-Punkte, keine Kammer, 888 Euro und eine Lektion über Aura und Chakras.

Pfizer am Tisch, Satan in der Tablette

Schopper erzählt von Jahrzehnten an Unikliniken und von Sitzen in Gremien bei Pfizer und AstraZeneca, «nur bis Corona». Belegen lässt sich das nicht, es bleibt seine Auskunft. Ausgerechnet er beklagt, man habe die Ärzteschaft komplett gekauft.

Menschenbild der Zukunftsmedizin: Selbst heilen, selbst zahlen, selbst schuld

Bis vor drei, vier Jahren habe er noch Panadol und Ponstan verordnet. Patienten hätten berichtet, sie fühlten sich, als hätten sie eine satanische Substanz geschluckt. Sein Forschungskreis habe «zeigen» können, dass schulmedizinische Mittel durch den Transhumanismus energetisch verändert seien: Die Chemie sei nur das Kleid, im Kleid Paracetamol stecke längst etwas anderes. Eine Messgrösse nennt er nicht. Stattdessen stelle der Kreis eigene Medikamente gegen Angriffe auf die Aura her. Messbar verändert war Ponstan tatsächlich einmal: 2019 rief Pfizer eine Charge der Suspension zurück, weil die Grenzwerte für Blei und Lithium nicht sicher eingehalten waren. Das ist der Unterschied zwischen einem Befund und einer Offenbarung. So wird aus der Klage, die Chemie habe die Seele verloren, eine Chemie mit dämonischer Seele.

Dazu kommt Epstein: Was jetzt herauskomme, habe er seit 15 Jahren in der Praxis, der Job sei lebensgefährlich. Ärzte, die wirklich spirituell arbeiteten, würden zerstört und umgebracht. Die Opfer seien meist Starseeds, kostbare hohe Seelen. Belege liefert er für nichts davon.

Ein Kassenmodell gegen die Kassen

Heisler kennt die andere Seite. Der Kanton Luzern hatte ihm von Februar bis Ende Juni 2021 die Bewilligung entzogen. Danach seien andere Patienten gekommen, er habe die Heilung einer Sepsis durch Meditation erlebt. Seine Lieblingsanekdote: Einem über 80-jährigen Herzpatienten habe er alles abgesetzt bis auf Strophantin und Aspirin. Beim Kardiologen schiebe der Mann mit demutsvoller Miene den alten Plan mit sechs Medikamenten über den Tisch. Der Kollege sei glücklich, man diskutiere nur noch, ob 20 oder 25 Tropfen Strophantin. In Deutschland gibt es Strophantin zum Schlucken seit 2012 nicht mehr als zugelassenes Fertigpräparat. Das Menschenbild dahinter: Der Patient lügt, der Arzt applaudiert.

Menschenbild der Zukunftsmedizin: Selbst heilen, selbst zahlen, selbst schuld

PanaCeHa gründe er nur, um es wieder abschaffen zu können, denn es solle gar keine Krankenkasse mehr geben. Steiner habe sie den Teufel in Engelsantlitz genannt, eine Fundstelle ist nicht auffindbar. Die eigene Website wirbt derweil für ein Hausarztmodell innerhalb der obligatorischen Krankenversicherung, über 8000 Menschen haben unterschrieben. Er selbst brauche keinen Schlaf mehr und werde nicht krank, «was will man da noch für Kosten haben?» Die Kosten sind real: 2024 kostete das Schweizer Gesundheitswesen 97 Milliarden Franken, 10’792 pro Kopf. Ein Gesundheitssystem ohne Gesundheit ist keine Erfindung des Podiums.

Das MedBed kommt per Handyfoto

Die Moderatorin fragt nach MedBeds. Fischer schmunzelt: Die gebe es schon, sie seien Krücken auf dem Weg zur Selbstheilung, nur noch nicht salonfähig. Heisler legt nach, sie kämen jetzt, ja, sie seien schon da. Die Wirklichkeit: Donald Trump stellte im September 2025 ein KI-Video über MedBed-Karten für alle Amerikaner online und löschte es nach Stunden. Der Anbieter 90.10 verkauft ein virtuelles MedBed für 2358 Euro, das laut Hersteller auch beim globalen Stromausfall läuft, weil es seine Kraft aus dem Quantenraum beziehe. Umgezogen wird es per Bettfoto ins Quantennetzwerk. Als medizinisches Instrument darf es laut eigener Anleitung unter keinen Umständen beworben werden.

Bei der Aura-Chirurgie schwärmt Schopper von einem Arzt, der die Aura lese wie einen Anatomieatlas und Konflikte darin wie Tumoren entferne. Fischer findet das «ganz was Tolles». Die Methode stammt vom Neurologen Mathias Künlen, operiert wird am Modell des Körpers, die Fallgeschichten reichen bis zum Bronchialkarzinom. Wer das für die Befreiung aus dem Geschäftsmodell hält, kennt den Unterschied zwischen New Age und New Cage nicht.

Menschenbild der Zukunftsmedizin: Selbst heilen, selbst zahlen, selbst schuld

Krankheit als Segen, Intuition als Kompass

Schopper habe in zwei Kliniken rund 6000 Patienten behandelt, die Krankheit sei ein «Riesensegen». Ein Investmentbanker sei nach drei Monaten Faust-Spielen ein anderer Mensch gewesen. Ab 70 nähmen Patienten höchstens 30 Prozent ihrer Medikamente, «Gottlob!» Die WHO beziffert die Therapietreue in Industrieländern auf rund die Hälfte und hält das für ein Problem, nicht für eine Gnade.

Sein Ruf nach ärztlicher Intuition hat dagegen Substanz: Das Bauchgefühl von Hausärzten spielt bei der rechtzeitigen Diagnose schwerer Krankheiten messbar eine Rolle. Eine Übersichtsarbeit beziffert es nüchtern: Das Bauchgefühl erkennt nur 40 Prozent der Krebsfälle, schlägt aber selten falsch an. Ein Kompass also, kein Orakel. Im selben Schlusswort freut sich Schopper, dass Sternenvölker, vor 15 Jahren noch «Spooky», heute für viele «absolute Realität» seien. Fischer hat 140 bis 150 dieser Wesen gemalt, sieben davon seien nicht gut für die Erde. Verkauft werden sie als Starseeds-Bücher und Kartensets. Angekündigt ist «Ultra-Selbstheilung».

Senf zur Selbstheilung

Den ehrlichsten Beitrag liefern die Kabarettisten Sibylle und Michael Birkenmeier: Komplimentärmedizin, «Komplimente von allen Seiten». Das Birken-Duschpeeling massiere sanft nur abgestorbene Zellen ab, genau wie ihr Kabarett. Was als Befreiung vom Geschäftsmodell angekündigt wurde, endet bei einem Menschenbild, in dem der Patient alles allein trägt: Die Heilung, das Versagen, den Tod. Die Pharma hat aus dem Kranken einen Kunden gemacht. Das Podium macht aus ihm den Alleinschuldigen. Zwischen Formalin-Leiche und Starseed bleibt für den Menschen aus Fleisch, Angst und Zweifel erstaunlich wenig Platz. Gottlob!

Zwei Ärzte, ein Medium – und eine unbequeme Frage zur Heilung | Fischer, Heisler & Schopper
Zwei Ärzte, ein Medium – und eine unbequeme Frage zur Heilung | Fischer, Heisler & Schopper

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