Stalin soll ihn bestellt haben: Den unbesiegbaren Soldaten, schmerzunempfindlich, genügsam, halb Mensch, halb Affe. Das Zitat geistert seit zwei Jahrzehnten durch Dokus, Foren und Geschichtskanäle. Es hat nur einen Schönheitsfehler: In keinem Archiv, in keiner der beiden wissenschaftlichen Aktenstudien zum Fall taucht es auf. Der Diktator hat das Affenprogramm nicht bestellt. Er hat es beerdigt. Und die Leute, die es tatsächlich unterschrieben haben, liess er später erschiessen. Die Geschichte ist damit nicht erledigt, sie wird erst interessant. Denn das sowjetische Mensch-Affe-Projekt hat es gegeben, mit Staatsgeld, mit Akademie-Stempel, mit einer eigenen Affenstation am Schwarzen Meer. Nur die Besetzung stimmt nicht.
Das Zitat, das niemand je gefunden hat
Die Quelle für den «lebenden Kriegsmaschinen»-Auftrag ist ein einziger Artikel des Scotsman vom 20. Dezember 2005. Dort heisst es, «Moskauer Zeitungen» hätten Stalins Satz überliefert und das Politbüro habe 1926 den Bau einer lebenden Kriegsmaschine angeordnet. Welche Zeitungen, welches Datum, welches Aktenzeichen: Fehlanzeige. Der Evolutionsbiologe Eric Michael Johnson hat die Behauptung 2011 für Scientific American gegen die Archivstudie von Kirill Rossiianov abgeglichen und festgestellt, dass das Zitat darin nicht vorkommt und es keinerlei Beleg gibt, dass Stalin so etwas je gesagt hat. Auch die 200’000 Dollar Reisekasse, die der Scotsman kolportiert, sind Fantasie. Die Akten des Bolschewiki-Bildungsministeriums nennen 10’000 Dollar aus dem Staatshaushalt.
Wer wirklich unterschrieben hat
Hier kippt die Geschichte. Der Kulturhistoriker Alexander Etkind hat die Bewilligung in den Archiven gefunden: Unterzeichnet haben 1925 Volksbildungskommissar Anatoli Lunatscharski und Politbüromitglied Lew Kamenew. Als Förderer traten Polarforscher Otto Schmidt und Lenins Kanzleichef Nikolai Gorbunow auf. Das war der futuristische, trotzkistische Flügel der Partei, jene Fraktion, die Stalin in den folgenden Jahren systematisch zerlegte. Kamenew wurde 1936 erschossen, Gorbunow 1937. Trotzki selbst hatte 1922 in «Literatur und Revolution» geschrieben, der Mensch werde «Objekt der kompliziertesten Methoden künstlicher Selektion». Etkind nennt drei Motive der Geldgeber: Atheismus-Propaganda, denn ein Affenmensch hätte die Evolution bewiesen und die Kirche blamiert. Affendrüsen für die Verjüngungskuren der Kremlelite nach der Methode des Pariser Chirurgen Serge Woronow, der Schimpansenhoden in alternde Millionäre nähte, Gorki und Lunatscharski liessen sich behandeln. Und drittens die Konstruktion des Neuen Sowjetmenschen mit wissenschaftlichen Mitteln. Das ist die belegbare Version der Supersoldaten-These: Nicht ein Diktator, der eine Affenarmee befiehlt, sondern eine Intellektuellenclique, die den Menschen umbauen will wie eine Kolchose.
Der Mann mit den 500 Stuten
Ilja Iwanow war kein Spinner, sondern der international führende Experte für künstliche Besamung. Er hatte bei Pawlow gearbeitet, Zebra mit Esel gekreuzt, Bison mit Kuh und ein Pferdezuchtsystem entwickelt, bei dem ein Hengst Hunderte Stuten deckte. Seine Idee, Mensch und Menschenaffe zu kreuzen, präsentierte er bereits 1910 auf dem Zoologenkongress in Graz, sieben Jahre vor der Revolution. Er benötigte keinen Stalin, er benötigte nur einen Staat, der verrückt genug war zu zahlen. 1926 reiste er mit seinem Sohn nach Französisch-Guinea, in die Schimpansenstation des Institut Pasteur in Kindia. Dort besamte er drei Schimpansinnen mit menschlichem Sperma, nach Etkinds Lesart vermutlich dem seines Sohnes. Ergebnis: Null Schwangerschaften. Dann kam der Teil, der die Sache von absurd zu widerlich dreht. Iwanow wollte afrikanische Frauen ohne deren Wissen unter dem Vorwand einer ärztlichen Untersuchung mit Affensperma besamen. Der französische Gouverneur verbot es. Iwanow beschwerte sich in Moskau über die «primitiven Ängste» der Einheimischen und die «bürgerlichen Vorurteile» der Franzosen. Ein Sonderausschuss in Moskau wies ihn an, auf Besamungen ohne Einwilligung zu verzichten.
Suchumi, fünf Freiwillige und ein toter Orang-Utan
Am 24. August 1927 eröffnete in Suchumi die Primatenstation, das erste Affenforschungszentrum der Welt. Die Akademie der Wissenschaften fällte 1927 ein negatives Urteil über Iwanows Afrika-Ergebnisse. Die Kommunistische Akademie sprang 1929 ein, diesmal mit Rubeln statt Dollars und setzte eine Kommission ein: Fünf sowjetische Frauen sollten sich mit Affensperma besamen lassen, schriftliche Einwilligung, kein Honorar, aus reinem Interesse an der Wissenschaft. Mindestens eine begeisterte Bewerbung liegt in den Archiven. Der einzige geschlechtsreife Affe der Station war zu diesem Zeitpunkt ein Orang-Utan, der im Sommer 1929 starb, bevor irgendetwas geschah. Neue Schimpansen trafen 1930 ein. Im selben Jahr, am 13. Dezember, holte die Geheimpolizei Iwanow ab: «Konterrevolutionäre Organisation unter Agrarspezialisten», Verbannung nach Kasachstan, Tod 1932 in Alma-Ata. Sein Denunziant übernahm sein Labor. Stalins Apparat hat den Affenmenschen also nicht bestellt, sondern mitsamt seinem Erfinder und seinen Geldgebern entsorgt.
Was vom Mythos bleibt
Die Supersoldaten-Legende stimmt im Kern und lügt im Detail. Richtig ist: Ein Staat hat mit Steuergeld versucht, die Artgrenze zu durchbrechen und seine Ideologen haben offen vom umgebauten Menschen geträumt. Falsch ist die Besetzung, falsch die Summe, erfunden das Zitat. Die Tragik liegt woanders. Iwanow war kein Monster aus dem B-Film, sondern ein respektierter Forscher, der nur noch fragte, ob etwas geht und nie mehr, ob es gehen darf. Exakt das Muster, gegen das später der Nürnberger Kodex formuliert wurde und exakt das Muster, das die Menschenexperimente des Kalten Krieges trotzdem fortsetzten. Das Lehrstück taugt als Spiegel, nicht als Gruselgeschichte: Der Staat, der Menschen konstruieren will, benötigt keinen Diktator, er braucht ein Budget. Wer heute über Gain-of-Function-Labore, Keimbahneingriffe oder Impfprogramme im Eilverfahren lacht, weil das alles ja seriöse Wissenschaft sei, möge sich erinnern, dass auch Iwanow Akademiemitglied war. In Suchumi entstand kein Übermensch, sondern ein Denkmal dafür, was ein Apparat anrichtet, wenn niemand mehr Nein sagt. Der Affenmensch kam nie zur Welt, der Beamte, der ihn genehmigte, schon! Stalin hat den Erfinder verbannt, die Unterzeichner erschossen und die Affen behalten – und die Nachwelt nennt dies «Stalins Supersoldaten»! Und wer glaubt, die Artgrenze sei heute sicherer, weil jetzt Ethikkommissionen statt Politbüros unterschreiben, hat nur den Briefkopf gewechselt!









«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







