Aus «Nie wieder Krieg» ist «kriegstüchtig» geworden – und kein Mensch hat dagegen die Stimme erhoben. Die Friedensbewegung, die vor vierzig Jahren halbe Innenstädte lahmlegte, schrumpfte zu einem einsamen Konfliktforscher mit einem schmalen Buch und einer Liste von 800 Vokabeln. Das ist kein Stilwandel. Das ist eine Umprogrammierung und sie läuft nach Lehrbuch.
Der Konfliktforscher heisst Leo Ensel, das Buch heisst «Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit» und im Gespräch mit Milena Preradovic legt er den neuen Kriegssound frei, den deutsche Redaktionen und Ministerien gerade einstudieren. Untertitel des Buches: «Krieg heisst Töten». Man darf das inzwischen wieder so unverblümt sagen, man benötigt nur die passende Verpackung.
Der Gegner ist kein Mensch, der Gegner ist ein Tier
Erstes Beweisstück liefert das Personal selbst. Der Mann im Kreml ist eine Bestie, ein neuer Hitler, ein «stupid son of a bitch» – das stammt von Joe Biden, nicht von einem anonymen Troll. Ursula von der Leyen sieht ein Raubtier, Olaf Scholz den «schwersten Kriegsverbrecher unserer Zeit», dem er schamhaft noch ein «vielleicht» anhängt, aus welchen Gründen auch immer. Eine Talkshow-Expertin erklärt nebenbei, Russen seien gar keine Europäer. Das Ziel jeder verbalen Propaganda, so Ensel, sei die Entmenschlichung des Gegners – und die Zeit, einst Flaggschiff der Entspannungspolitik, druckt dazu eine Essay-Überschrift, die nicht aus dem Völkischen Beobachter von 1943 stammt, sondern von heute: «Wer töten will, muss sterben können.» Wir haben dieses Vokabular im Schulunterricht durchgehechelt und an den Nazis als warnendes Beispiel studiert. Und greifen jetzt freiwillig in dieselbe Kiste. Joschka Fischer formuliert das Programm gleich offen: Die DNA, nach 1945 mühsam auf «nie wieder» geeicht, müsse umgeschrieben werden.
Woke, wehrhaft und klimaneutral in den Tod
Der eigentliche Coup ist nicht der alte Sound, sondern der neue. Damit die Jungen freudig in den Tod ziehen, haben PR-Strategen den coolen Militarismus erfunden. «Woke und wehrhaft» sollen wir sein – ersonnen vom Talkshow-Dauergast Carlo Masala von der Bundeswehr-Uni, selbst nie gedient. «Queerfeldeinmarschieren» wird zu einem von siebzig verdammt guten Gründen, zur Bundeswehr zu gehen. Die Truppe soll «in der Gesellschaft ankommen», «sichtbar werden», bunt und divers – das komplette Vokabular der Woken-Szene, militaristisch gekapert. Dazu der olivgrüne Sound: Nachhaltigkeit trifft Aufrüstung. Wahrscheinlich strebt man den klimaneutralen Atomkrieg an, mit Solardächern auf den Kasernen und Panzern aus doppelt grünem Stahl. Auf Logik kommt es erkennbar nicht an, es kommt auf die Verpackung an. Der Verteidigungsminister findet Anerkennung «geil», Leichensäcke heissen jetzt Bodybags, Drohnen sind Game-Changer und eine deutsche Botschafterin posiert mit ihrem «Favorite Toy» – einem Plüsch-Leoparden, kurz bevor die echten Leopard-Panzer in die Ukraine rollten. Krieg als Lifestyle-Produkt, abgepackt für jene Generation, die ihn ausbaden soll.
Die Grauzone, in der Frieden Pfui wird
Zwischen Krieg und Frieden hat man eine bequeme Dämmerzone eingezogen. Wir leben in der «Vorkriegszeit», im «eisigen Frieden», in einer «dämmerigen Übergangszeit» – Formulierungen vom Chef des Bundesnachrichtendienstes bis zum dichtenden Generalinspekteur. Der Sinn ist simpel: Wer glaubt, dass der echte Frieden längst vorbei ist, lässt den Übergang zum echten Krieg widerstandslos geschehen. Wer dagegen noch verhandeln will, ist ein Lumpenpazifist, ein Vertreter des «Breitband-Pazifismus», eine fünfte Kolonne, dessen Tauben «nach rechts flattern». Diplomatie? Ein Synonym fürs Einknicken. Dass die Gegenseite nicht zimperlicher formuliert, verschweigt Ensel nicht: Der einst überzeugte Europäer Sergej Karaganov befürwortet inzwischen präventive Atomschläge gegen ein Europa, das er als kriegerisch ansieht – der Konjunktiv besiegt den Indikativ, bestraft wird nicht die Tat, sondern was einer tun könnte. Auf beiden Seiten regiert dieselbe Logik – keine.
Das grosse Wegsehen
Bleibt die unbequemste Frage und die richtet sich nicht nach Moskau, sondern in den Spiegel. Warum lassen wir uns das bieten? Die ganz Jungen, Jahrgang 2008 und jünger, fangen an aufzuwachen – sie bekommen Fragebögen, ob sie als Soldat zur Verfügung stünden, ab Mitte nächsten Jahres werden alle Männer gemustert und sie zählen eins und eins zusammen: Kanonenfutter von morgen. Sie streiken gegen die Wehrpflicht und prompt legen einzelne Schulen die Klassenarbeiten ausgerechnet auf diesen Tag, reiner Zufall. Fürs Klima darf man demonstrieren, die Klassenlehrerin marschiert mit, gegen rechts sowieso, zum Christopher Street Day gern. Nur gegen die eigene Verheizung zu demonstrieren, bekommt man Ärger. Die Eltern sollen ihre Kinder hergeben, neuerdings nicht fürs Vaterland, sondern fürs «Gemeinwesen». Und der Aufschrei bleibt aus.
Schuldig macht sich nicht nur, wer die Sprache der Entmenschlichung schmiedet, sondern auch, wer sie widerstandslos geschehen lässt. Eine Gesellschaft, die jeden Sonntag fürs Klima auf die Strasse geht und beim Mustern ihrer Söhne schweigt, hat ihre Prioritäten nicht verschoben, sondern verloren. Wir haben die Vokabeln der Täter im Schulbuch markiert und sprechen sie heute brav nach. Und wenn der nächste Krieg in Mitteleuropa wirklich der letzte sein sollte, wird man uns nicht vorwerfen, wir hätten es nicht gewusst – sondern dass wir es wussten, abnickten und es «kriegstüchtig» nannten!








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