Die westlichen Redaktionen jubeln. Benzinschlangen in Rostow, Notstand auf der besetzten Krim, eine Atommacht, die angeblich am Zapfhahn ausblutet – endlich, so heisst es, wende sich das Blatt. Nur eine einzige Frage stellt in diesem Freudentaumel niemand: Was passiert eigentlich, wenn ihr euren Traum tatsächlich bekommt?
Denn der Traum hat einen Namen und der klingt nicht nach Siegesparade, sondern nach dem Gutachten eines Notfallmediziners. Eine strategische Niederlage Russlands ist keine Fussballmeisterschaft, bei der der Verlierer traurig in die Kabine trottet. Es ist der Versuch, eine mit tausenden Atomsprengköpfen bestückte Grossmacht in die Ecke zu prügeln – und dann verwundert festzustellen, dass eine in die Ecke geprügelte Grossmacht sich nicht nach den Regeln der guten Kinderstube benimmt.
Die Häme über fremdes Leid
Fangen wir bei der Freude an, denn die ist verräterisch. Die ukrainischen Drohnen treffen tatsächlich und sie treffen hart. Seit August 2025 haben Angriffe mindestens siebzehn der grössten russischen Raffinerien beschädigt, einige davon mehrfach. Der Sprit wird knapp, in mindestens fünfundzwanzig Regionen wird rationiert, der Konzern Tatneft gibt pro Tankvorgang noch dreissig Liter Benzin heraus und russische Ökonomen sprechen von der schlimmsten Treibstoffkrise seit einundzwanzig Jahren. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bevölkerung ist von den Einschränkungen betroffen, die Agrarwirtschaft leidet mit, auf der besetzten Krim wurde der Verkauf zwischenzeitlich ganz gestoppt. Das ist real, das ist bitter und das ist militärisch wirksam.
Wie ernst der Kreml die Sache nimmt, verrät seine Notlösung. Um die leeren Tanks zu füllen, hat die Regierung den Raffinerien kurzerhand erlaubt, wieder minderwertigeres Euro-3-Benzin zu produzieren – ein schmutzigerer Kraftstoff mit höherem Schwefelgehalt, den man vor Jahren aus gutem Grund abgeschafft hatte. Man senkt also die Qualität, um die Menge zu retten. Dazu ein Exportstopp für Benzin, damit wenigstens die eigenen Zapfsäulen nicht ganz verwaisen. Ein Land improvisiert. Nur bedeutet Improvisation eben nicht Zusammenbruch und genau hier fängt das Missverständnis an.
Denn über all das freuen sich die Leitartikler des Wertewestens ganz ungeniert. Sie freuen sich über leere Zapfsäulen – ausgerechnet auf jener Krim, deren Bewohner sie angeblich befreien wollen. Sie feiern das Elend genau der Menschen, für deren Freiheit sie seit Jahren zu Felde ziehen. Merke: Wenn der Autofahrer in Simferopol frierend im Stau steht, ist das ein Erfolg der Guten. Wenn er unter russischer Fahne friert, war er ohnehin nie ein richtiger Mensch, sondern eine Landkarte mit Beinen. Die Empathie des Westens hat eine Reichweite und die endet exakt an der nächsten Frontlinie.
Was der Kreml damit macht
Man sollte allerdings auch nicht so tun, als sei diese Krise das Vorspiel zum Zusammenbruch. Ein Grossteil der Schlangen entsteht nicht durch echten Mangel, sondern durch Panik – Menschen, die ihren Tank vollhalten, öfter tanken, hamstern. Es ist die Klopapier-Logik von 2020, nur mit Super bleifrei. Die russische Ölproduktion fiel im Mai 2026 zwar auf den niedrigsten Stand des Jahres, doch ein Land, das der zweitgrösste Ölexporteur der Welt bleibt, verhungert nicht an der Zapfsäule. Es ärgert sich. Und ein geärgerter Bär ist kein sterbender Bär, sondern ein wacher.
Die interessante Frage ist deshalb nicht, ob es weh tut. Die interessante Frage ist, was passiert, wenn es so weh tut, dass die Rechnung aufgeht – wenn also der Westen sein erklärtes Ziel erreicht und Russland strategisch besiegt am Boden liegt. Zwei Szenarien werden in Berlin, Brüssel und London herbeigeträumt: Der Sturz der Regierung von innen und die militärische Niederlage von aussen. Schauen wir sie uns an, so wie es die Träumer selbst offenbar nie tun.
Szenario eins: Der Sturz
Die Lieblingsphantasie der Talkshow-Strategen geht so: Das Benzin wird knapp, das Volk wird wütend, das Volk stürzt Putin und danach regiert ein netter Herr, der die Panzer heimfahren lässt und der EU beitritt. Es ist eine rührende Geschichte und sie hat exakt den Realitätsgehalt eines Kindergeburtstags.
Erstens misst man Zustimmung in einer Autokratie nicht, man verordnet sie. Wenn der Westen von einer Wechselstimmung träumt und der Kreml mit stolzen Umfragewerten kontert, spielen beide dasselbe alberne Spiel mit denselben wertlosen Zahlen. In einem Land, in dem das Wort «Krieg» strafbar ist und der Gang zur Wahlurne ungefähr so viel entscheidet wie die Farbwahl beim Staatsbegräbnis, sagt eine Zustimmungsquote genau nichts über die tatsächliche Stimmung aus. Sie ist Dekoration, kein Thermometer.
Zweitens – und das ist der Punkt, den beide Lager gern überspringen – stürzen Regierungen nicht, weil das Volk auf der Strasse schimpft. Sie stürzen, wenn die Männer mit den Waffen die Seiten wechseln. Und wer behauptet, in Russland sei ein solcher Umsturz schlechthin undenkbar, weil der Sicherheitsapparat treu ergeben sei, hat den Sommer 2023 verschlafen. Damals besetzte die Söldnertruppe Wagner unter Jewgeni Prigoschin kampflos das Militärhauptquartier in Rostow und marschierte rund siebenhundertachtzig Kilometer Richtung Moskau, bis auf zweihundert Kilometer an die Hauptstadt heran, schoss dabei Militärhubschrauber vom Himmel und der treu ergebene Apparat benötigte am Ende einen belarussischen Vermittler, um die Sache zu stoppen. So viel zum «undenkbar».
Nur folgt daraus eben nicht das westliche Happy End, sondern das Gegenteil. Wenn dieses Regime kippt, dann nicht in Richtung Genf, sondern in Richtung Härte. Wer glaubt, nach Putin komme ein Blumenkind mit EU-Fahne, hat die Stimmung im russischen Machtapparat nie gelesen. Dort wird Putin nicht dafür kritisiert, dass er zu brutal vorgeht, sondern dass er zu geduldig ist – dass er den europäischen Staaten, die den ukrainischen Langstreckenwaffen ihren Luftraum öffnen und die Rechnung bezahlen, noch immer keine Quittung präsentiert hat. Fällt Putin, kommt kein milderer Nachfolger. Es kommt ein Falke, der genau diese Quittung schreiben will. Der Westen wünscht sich also den Sturz eines Mannes und würde dafür belohnt mit jemandem, gegen den dieser Mann rückblickend wie ein Sozialpädagoge wirkt. Man nennt so etwas einen Pyrrhussieg, nur dass hier der Pyrrhus mit Interkontinentalraketen hantiert. Die Geschichte kennt genug gestürzte Zaren, auf die kein Musterdemokrat folgte, sondern der jeweils grimmigere Nachfolger. Wer im Kreml die letzten Reste an Verhandlungsbereitschaft verkörpert, ist ausgerechnet der Mann, den man loswerden will. Das ist die bittere Ironie jeder Sturzphantasie: Man beseitigt die Bremse und wundert sich dann über die Beschleunigung.
Szenario zwei: Die militärische Niederlage
Bleibt der zweite Traum, der noch unrealistischer ist, aber deshalb umso lieber geträumt wird: Der militärische Sieg. Russlands Streitkräfte zurückgedrängt, die Rüstungsindustrie zerlegt, der Nachschub versiegt, die strategische Niederlage vollendet. Und an dieser Stelle sollten die Träumer ein Dokument lesen, das sie geflissentlich ignorieren – die russische Nukleardoktrin.
Denn die wurde nicht zufällig im November 2024 per Präsidentenerlass verschärft. Die Schwelle für den Atomwaffeneinsatz wurde gesenkt: Nicht mehr die blosse Existenz des Staates muss bedroht sein, es genügt nun eine kritische Bedrohung von Souveränität oder territorialer Integrität. Und, jetzt kommt der Teil, der europäische Hauptstädte betrifft: Ein konventioneller Angriff einer Nicht-Atommacht mit Unterstützung einer Atommacht gilt fortan als gemeinsame Aggression beider Staaten. Übersetzt heisst das: Wer der Ukraine die Waffen liefert, mit denen russisches Kernland getroffen wird, hat sich nach Moskaus Lesart selbst zur Zielscheibe gemacht. Frankreich und Grossbritannien als europäische Atommächte inklusive. Wenige Tage nach der Unterzeichnung schickte Moskau die neue Hyperschallrakete Oreschnik gegen ein Rüstungswerk in der Ukraine – eine Machtdemonstration, die keiner Übersetzung mehr bedurfte.
Nun der ehrliche Teil, den die russophilen Weltuntergangspropheten auf der Gegenseite ebenso ungern hören: Diese Doktrin ist zu neunundneunzig Komma neun Prozent ein Bluff. Sie ist der atomare Zaunpfahl, mit dem Putin seit der Krim-Annexion 2014 winkt, um seine konventionellen Feldzüge abzusichern. Selbst die nüchterne Stiftung Wissenschaft und Politik nennt die Verschärfung einen rhetorischen Bluff und die FAZ merkte trocken an, dass nicht der Wortlaut zähle, sondern seine willkürliche Auslegung durch die Machthaber. Ein taktischer Atomschlag würde Russland international ruinieren, selbst China würde sich abwenden und ohne China ist dieser Krieg für Moskau nicht führbar. Wer also bei jedem russischen Rückschlag reflexhaft die Pilzwolke an die Wand malt, betreibt selbst ein Erpressungsgeschäft – er verkauft die eigene Panik als Prognose und den Kreml-Drohfinger als Naturgesetz.
Aber. Es gibt dieses lästige Aber und es lautet: Neunundneunzig Komma neun Prozent sind nicht hundert. Bei einer Sache, deren einmaliger Fehlschlag Millionen Tote bedeutet, ist der verbleibende Bruchteil kein akzeptables Restrisiko, sondern die ganze Frage. Man spielt nicht Russisch Roulette und beruhigt sich damit, dass fünf von sechs Kammern leer sind. Genau mit diesem Bruchteil aber havarieren beide Seiten – die einen, indem sie die Waffe an die eigene Schläfe halten und «Zurückhaltung» dazu sagen, die anderen, indem sie den Abzug für dauerhaft blockiert erklären und «Sieg» dazu rufen.
Zwei Spieler, ein Tisch, dieselbe Kugel
Und damit sind wir beim eigentlichen Skandal, der weder in Moskau noch in Brüssel gern benannt wird. Das ist kein Kampf zwischen Vernunft und Wahnsinn. Das ist eine Runde am selben Spieltisch, an dem Ost und West erstaunlich zielsicher denselben Abgrund ansteuern. Die westlichen Schreibtisch-Feldherren würfeln mit fremden Millionen, weil sie die Rechnung nie zu Ende machen. Die Kreml-Apostel drohen mit dem Weltuntergang, weil ihnen die Angst der anderen das liebste Druckmittel ist. Beide brauchen das Feuer, nur aus verschiedenen Gründen. Und beide tun so, als sässe der jeweils andere allein am Tisch.
Denn eines ist bei aller Symmetrie klar: Die Vorstellung, man könne eine Atommacht militärisch besiegen, ohne dabei selbst zu verbrennen, ist keine geopolitische Strategie, sondern eine Denkfaulheit mit Todesfolge. Diese Lektion ist nicht neu. Vierzig Jahre Kalter Krieg drehten sich um nichts anderes als um die schlichte Einsicht, dass zwei Kontrahenten mit vollen Atomarsenalen einander nicht besiegen können, ohne die eigene Zivilisation gleich mit zu beerdigen. Man nannte es das Gleichgewicht des Schreckens und es hielt genau deshalb, weil auf beiden Seiten Männer sassen, die den Ernstfall noch aus eigener Anschauung kannten. Ausgerechnet die Generation, die nie eine Ruine von innen gesehen hat, hält dieses Gleichgewicht heute für ein historisches Missverständnis, das man mit genug Waffenlieferungen einfach wegdrücken kann. Es ist dieselbe Sorte Mensch, die den Krieg vom Studio aus gewinnt und die Toten anderer Leute als Wechselgeld verbucht – jene Sorte, über die auf diesem Blog schon zu lesen war, dass wer den Krieg bestellt, stets fremde Kinder in den Graben schickt. Der Unterschied zu den beiden Weltkriegen ist bloss, dass die Waffen heute so viel tödlicher sind, dass dieses Mal auch die eigenen Kinder im Graben landen könnten, mitsamt ihrer Strasse und ihrer Stadt gleich dazu. Nur haben die Bestellenden das offenbar noch nicht durchgerechnet.
Russlands bisherige Zurückhaltung als Schwäche zu deuten, ist dabei der teuerste Denkfehler von allen. Es ist keine Schwäche. Es ist die schwindende Hoffnung, dass in Europa doch noch jemand die Rechnung öffnet, bevor die letzte rote Linie überschritten ist. Man verwechselt Geduld mit Ohnmacht und liest jedes ausbleibende Donnerwetter als Beweis, dass ohnehin keines kommen wird. Es ist die Logik des Kindes, das die Herdplatte immer wieder anfasst, weil sie beim letzten Mal ja auch nicht heiss genug war, um wirklich zu verbrennen. Wann diese Hoffnung ganz verglüht, weiss vermutlich nur der Kreml selbst. Dass sie irgendwann verglüht, wenn beide Seiten so weitermachen, ist die eigentliche Nachricht – und ausgerechnet die will niemand hören, weil sie sich so schlecht in eine Siegesmeldung verpacken lässt.
Also, liebe Leitartikler, liebe Kriegsbuchhalter in euren gesicherten Redaktionen: Habt ihr den Gedanken auch nur ein einziges Mal zu Ende gedacht? Wollt ihr das wirklich, den grossen Krieg mit verwüsteten Städten in den eigenen Ländern? Gemessen an dem wirken die beiden Weltkriege wie eine Generalprobe. Oder feiert ihr weiter jede leere Zapfsäule in Simferopol, bis euch der Applaus im Hals stecken bleibt? Denn der Sieg über eine Atommacht ist am Ende der einzige Sieg, bei dem der Champagner von ganz allein strahlt – weil er radioaktiv ist!











«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







