Ulrike Guérot hat etwas Unverzeihliches getan: Sie hat geredet. Nicht über, sondern mit. Ausgerechnet mit Björn Höcke, dem offiziell lizenzierten Endgegner der deutschen Diskurs-Simulation. In einem Land, in dem «Dialog» bedeutet, im Chor denselben Satz zu wiederholen, ist ein Streitgespräch offenbar bereits subversive Kunst.
Natürlich hatte auch Guérot das vorgeschriebene Medienbild im Kopf: Schablonen, Schlagworte, Sirenen. Und dann passierte das Schlimmste: Ein ernsthaftes Gespräch. Zwei Menschen, die Argumente austauschen, Selbstkritik zulassen und nicht alle 30 Sekunden den Rettungsanker «Haltung!» werfen. Skandalös.
Die Reaktionen sind bekannt: Wer mit «den Falschen» redet, hat verraten, verharmlost oder mindestens vernebelt. Dabei ist die Sache viel banaler – und peinlicher für jene, die vom Empörungshandel leben: Eine Demokratie, die Gesprächsverbote braucht, ist keine. Eine Öffentlichkeit, die Canceln mit Moral verwechselt, auch nicht.
Guérots These sticht: Gerade jene Positionen, die in Deutschland choreografisch nicht sein dürfen — antikapitalistisch, anti-amerikanisch, anti-israelische Staatsraison — werden nicht diskutiert, sondern exkommuniziert. Praktisch: Wer Inhalte nicht beantworten kann, erklärt den Absender zur Untoten-Meldestelle. Funktioniert seit Jahren, erzeugt aber dummerweise nur Resignation, Radikalisierung – und Klicks für die Falschen.
Dabei ist der Befund schlicht: Reden ist kein Bündnis, Zuhören keine Zustimmung und Widerspruch kein Verbrechen. Wer den politischen Gegner zum metaphysischen Bösen adelt, erspart sich die Mühe, Argumente zu formulieren – und wundert sich anschliessend über eine gespaltene Gesellschaft, die nur noch Pressetexte gegen Pressetexte schleudert.
Es geht nicht darum, Höcke zu mögen. Es geht darum, uns selbst ernst zu nehmen: Wenn wir von «plural» faseln, müssen wir Plural aushalten. Wenn wir «Wissenschaft» rufen, müssen wir prüfen statt prägen. Wenn wir «Freiheit» drucken, müssen wir Risiko akzeptieren: Das Risiko, dass der Andere nicht verschwindet, nur weil wir ihn nicht einladen.
Guérot hat nichts «normalisiert». Sie hat Normalität erinnert: Streitkultur, Prüfstein, Zumutung. Wer das für gefährlich hält, sollte ehrlich sein und das Schild am Eingang austauschen: «Debatte entfällt. Wahrheiten werden geliefert.» Kurz: Guérot sprach mit Höcke. Die eigentliche Zumutung ist nicht ihr Gesprächspartner, sondern unser Publikum, das Dialog inzwischen für einen Kunstfehler hält.






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