Vier Männer aus einem Azov-Keller vor Kiew im Spital, einer laut Fernsehbericht mit gebrochener Wirbelsäule, dazu ein 14-Jähriger, den der Chef von Selenskyjs Präsidialamt persönlich herausführen musste. Die Behörden sprechen von 18 Soldaten in einer Unterkunft, Augenzeugen von 40 verschleppten Männern im Keller. Und der Bürochef des Präsidenten liefert beiläufig die Zahl, die keiner dementiert: «Solche Gebäude gibt es viele.»
Wer in der Ukraine nicht an die Front will, landet offenbar nicht vor einem Richter, sondern in einem Einfamilienhaus mit Keller. Das ist billiger, benötigt keine Akten und keinen Anwalt, der unbequeme Fragen stellt. Das Video dazu findet ihr am Ende des Beitrags.
Einheit 3121: Vier Mann, ein Rückgrat
Am 2. November riefen Angehörige in Petropawliwska Borschtschahiwka einen privaten Rettungsdienst. Die Sanitäter kamen nicht hinein, rund hundert Anwohner rüttelten an den Toren und durchbrachen eine Ziegelmauer. Wem das Haus gehört, erklärte das Korps selbst: Provisorischer Standort der Militäreinheit 3121, 1. Korps der Nationalgarde «Azov». Selbst die Nationalgarde räumt ein, dass vier Männer ins Spital kamen. Kommandeur Oleksandr Piwnenko erklärte, es seien Soldaten, die unerlaubt ihre Einheit verlassen hätten. Dann legte er nach: «Die sind nicht festgenommen, die dienen hier.» Laut dem Sender TSN war einer bewusstlos, einer hatte eine gebrochene Wirbelsäule, einer sprach nicht mehr, bei einem zeigte sich Gewebenekrose. Die Diagnosen versprach die Nationalgarde für «später». Dienen bis zum Rollstuhl, das nennt man Hingabe. Piwnenko rechnete zudem vor, die Armee sei von 200’000 auf rund eine Million Mann gewachsen und rund 80 Prozent der Truppe hätten keinen festen Standort. Da wird eben improvisiert, auch beim Wohnraum.
Eine Mutter erzählte, Rekrutierer hätten ihren Sohn auf dem Weg zur Arbeit eingesammelt. Wie dieses Einsammeln auf der Strasse funktioniert, steht in Selenskyjs Volksarmee.
Zahl gegen Zahl
Auf der einen Seite stehen die Zahlen derer, die das Haus betreiben oder beaufsichtigen. Auf der anderen die Leute vor dem Zaun.
- Wie viele Männer: 18 sagt die Nationalgarde laut Interfax, 14 sagt Budanow. Rund 40 Verschleppte, vier davon in kritischem Zustand, schrieben Augenzeugen noch in der Nacht auf X, ein Beitrag erreichte über 36’000 Aufrufe.
- Wie lange: Offiziell eine Durchgangsstation für Papierkram. Vor Ort erzählte eine Frau, ein Bekannter sitze seit 37 Tagen im Keller.
- Wie schlimm: Die Nationalgarde spricht von vier Fällen mit Behandlungsbedarf. Ein Beitrag mit über 260’000 Aufrufen berichtet von gebrochenen Rippen, gebrochenen Wirbelsäulen und herausgeschnittenen Zungen. Die Wirbelsäule deckt sich mit TSN, für die Zungen gibt es bisher keine zweite Quelle.
- Ob jemand starb: Die Polizei, die demselben Innenminister untersteht, der die Folterberichte für falsch erklärt, sagt nein. Vor Ort hiess es ja. Von einer unabhängigen Obduktion ist nichts bekannt.
Selbst bei den Steinen steht Wort gegen Wort. Belegt ist nur, dass Budanow eine Ladung Gas abbekam und Eier auf die Polizei flogen. Regierungstreue Konten behaupten, der 14-Jährige habe selbst Steine auf Polizei und Fenster geworfen und sei dabei vom Zaun gefallen. Auch das ist eine Behauptung, nur aus der anderen Ecke.¨
Solche Häuser gibt es viele
Kyrylo Budanow, früher Chef des Militärgeheimdiensts, heute Leiter von Selenskyjs Präsidialamt, fuhr noch am Abend hin. Er fand den 14-Jährigen, fragte nach seinem Alter und rief dessen Schwester an. Laut einem Telegram-Video wurde der Junge verletzt herausgebracht. Was ein Kind in einem Sammelpunkt für Mobilisierte verloren hat, hat bisher keine der Stellen erklärt, die sich zu Wort gemeldet haben.
Dann kam der Satz des Abends: «Solche Gebäude gibt es viele.» Ab morgen früh werde man sich ansehen, warum sie existieren. Als Beruhigung gemeint, als Inventarliste angekommen. Demonstranten sollen den Bus der Nationalgarde gestoppt und die Reifen zerstochen haben, die Einsatzkräfte antworteten laut dem Kyiv Independent mit Tränengas und Schüssen in die Luft. Wie viele solche Orte es gibt, ahnt man beim Ombudsmann Dmytro Lubinez: 2022 gingen bei ihm 18 Beschwerden über die Rekrutierungszentren ein, 2025 waren es 6127, darunter Schläge und unrechtmässiges Festhalten. Über dreihundertmal so viel ist keine Panne mehr, sondern ein Betriebsablauf.
Blut im Dienstwagen
Dass Rekrutierer töten, ist keine Erfindung aus Moskau, es steht in ukrainischen Ermittlungsakten. Im Februar starb im Gebiet Dnipropetrowsk ein 55-Jähriger an einer Kopfverletzung, im Dienstwagen dreier Rekrutierer fand die Polizei sein Blut. Im Juni kam in Transkarpatien ein am Bahnhof Wolowez aufgegriffener Mann mit gebrochenen Rippen aus dem Rekrutierungszentrum ins Spital und starb, die Polizei ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung. In Lwiw traten Rekrutierer einen gefesselten Mobilisierten zu Tode, der Hauptverdächtige war erst im August wegen Bestechung verurteilt worden, zu einer Strafe ohne Gefängnis. In Kiew starb im Januar ein Mann, der vor seinem Tod Rekrutierer und Polizisten der Schläge bezichtigt hatte. Die Leiche ging ohne Obduktion an die Familie. Vier Tote allein in diesem Jahr. Und das sind nur die, die es in die Akten geschafft haben.
Die Provokation, die keiner belegen muss
Kiew lieferte die Erklärung schneller als die Diagnosen. Sie stammt durchwegs von denen, die Selenskyj unterstehen. Der Geheimdienst SBU will rund hundert Beteiligte identifiziert haben, eine Frau ist festgenommen, Ziel sei gewesen, einen Soldaten zu entführen. Die angebliche Notärztin betreibe eine Klinik für Schönheitschirurgie, ihr Rettungswagen gehöre einer Firma, die seit 2023 nicht mehr arbeite. Die Militärombudsfrau versichert, alle Soldaten seien «in Sicherheit». In Sicherheit, also im Keller. Innenminister Iwan Wyhiwskyj nennt die Folterkeller-Erzählung schlicht falsch, Budanow meint, das alles sei «nicht ohne Einfluss» geschehen. Einfluss findet sich in Kiew immer, wenn man ihn benötigt. Azov-Kommandeur Denys Prokopenko wittert eine Provokation, die Russland in die Hände spiele.
Nur bricht eine falsche Ärztin keine Wirbelsäule. Und das Staatliche Ermittlungsbüro ermittelt nicht wegen Folter, sondern nach Artikel 426-1 wegen Überschreitung von Befugnissen. Die Öffentlichkeit möge bitte keine vorschnellen Schlüsse ziehen, mahnt die Behörde. Sollte jemand geprügelt haben, darf er hoffen, dass es am Ende eine Kompetenzfrage war.
Und die Gefangenen der anderen Seite?
Wenn so mit den eigenen Leuten umgegangen wird, will man nicht wissen, was mit russischen Kriegsgefangenen geschieht. Die UNO hat es trotzdem wissen wollen und 2022 175 von ihnen befragt: Berichte über standrechtliche Erschiessungen, Tritte ins Gesicht nach der Kapitulation, Stromschläge per Feldtelefon. Die Ermittlungen zu den Erschiessungen kamen laut UNO nicht voran. Wer im eigenen Hinterland Deserteure mit gebrochenem Rücken verwaltet, dürfte beim Feind kaum zärtlicher werden. Systematisch nannte die UNO hingegen, was Russland mit ukrainischen Gefangenen anstellt, mit Elektroschocks, Hundeangriffen und Scheinhinrichtungen. Beide Seiten schlagen also. Dass Westen und Kreml einander perfekt verstehen, beweisen am Ende die Keller.
Europa bezahlt die Miete
Allein im Mai und Juni 2026 sagten europäische Geber knapp 11 Milliarden Euro zu, dazu kommt ein EU-Kredit über 90 Milliarden. Auch Bern verschenkt eine halbe Milliarde, während die Kinder der Kriegsherren nie in einem Keller sitzen. Das Problem ist nicht ein Haus, sondern ein Staat, der seine Männer jagt und das Jagen Verteidigung nennt. Selenskyj predigt Europa die Freiheit. Sein Bürochef zählt die Keller. Brüssel überweist die Miete. Und ein 14-Jähriger weiss nach dieser Nacht mehr über europäische Werte als das ganze Parlament in Strassburg!











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