Punkt 22 Uhr, Halle an der Saale, plötzlich heulen Sirenen durch die Stadt, aber nicht diese vertrauten, langweiligen Dinger aus dem Katastrophenschutz-Lehrfilm von 1987. Nein. Das hier klingt anders. Dramatischer. Cinematischer. Fast so, als hätte jemand «The Purge» mit der städtischen Lautsprecheranlage verwechselt. Und dann die Krönung: «Lockdown, Lockdown, Lockdown… Watch Out»
Auf Englisch. Dreimal. Für den internationalen Flair. Falls die Apokalypse Touristen anzieht.
Niemand weiss etwas. Niemand erklärt etwas. Aber alle hören alles. Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen fahren irgendwohin, vielleicht auch überallhin. Die Webseite von «Du bist Halle» geht in die Knie, weil ganz Halle gleichzeitig versucht herauszufinden, ob gerade eine Übung läuft oder der dritte Weltuntergang dieses Mal wirklich ohne Vorwarnung startet. Spoiler: Informationen gibt es keine. Dafür Gerüchte im Sonderangebot.
Explosion? Vielleicht.
Haus einsturzgefährdet? Möglich.
Zusammenhang mit den englischen Durchsagen? Unklar.
Entwarnung? Fehlanzeige.
Aber hey, Videos gibt es. Viele. Und Menschen, die sehr genau hinhören. Denn wenn man schon nichts weiss, dann will man wenigstens spekulieren. Falscher Alarm? Scherz? Inszenierung? Ein Praktikant mit Zugriff auf das falsche System? Oder einfach nur ein weiteres Kapitel im grossen Buch «Wir testen mal was, sagen aber keinem warum».
Das wirklich Faszinierende ist nicht der Alarm. Sondern das Kommunikationsniveau. Oder besser gesagt: Dessen Abwesenheit. In einer Zeit, in der jede Kaffeemaschine eine App hat und jeder Toaster Updates bekommt, schafft man es, eine ganze Stadt in Alarmbereitschaft zu versetzen, ohne auch nur einen halbwegs erklärenden Satz nachzuliefern.
Und dann dieses Englisch. Warum Englisch? Für wen? Für die NATO? Für Netflix? Für den Fall, dass internationale Zuschauer zufällig zuhören? Fehlalarm hin oder her, die Frage ist nicht, ob ein technischer Fehler passiert ist. Die Frage ist, warum man offenbar schneller Alarm schlagen kann als erklären.
Vielleicht war es eine Übung. Vielleicht ein Fail. Vielleicht beides. Sicher ist nur eins: Wenn man Menschen verwirren will, macht man es genau so. Laut, englisch, ohne Kontext. Und nennt das dann wahrscheinlich «unglückliche Verkettung von Umständen». Halle jedenfalls hat gelernt: Der Lockdown kommt nicht leise. Und die Erklärung kommt, wenn überhaupt, später…






«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








